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der Ev. Kirchengemeinde
Velbert


GEMEINDEHAUS – zwischen Vergangenheit und Zukunft

Vortrag auf der „Baustellen-Party“

am 10. Juli 2013 im Rohbau des neuen Gemeindehauses

Zwischen Vergangenheit und Zukunft, meine verehrten Zuhörer, liegt bekanntlich die Gegenwart. Hier und heute finden wir eine Gegenwart in Form von vielen Menschen, was „GEMEINDE“ angeht, und eine Gegenwart in Form einer Baustelle, was das „HAUS“ angeht, In der Zukunft werden wir erleben, was aus dieser „Gemengelage“ entstehen wird.

In der langen Geschichte unserer Gemeinde hat es bereits zweimal eine ähnliche Konstellation gegeben.

Um das Jahr 1620 spielte die Velberter Kirche die Rolle des HAUSes und die Velberter selbst brachten die Rolle der GEMEINDE in Form der Lutherischen wie der reformierten Glaubensrichtung ein. Über 240 Jahre lang hielt sich diese Dreiergemeinschaft im kleinen Dorf Velbert, meist nicht so, wie es hätte sein können. Über diesen Zeitraum wurde in den letzten Jahren im Großen wie im Kleinen ausführlich berichtet, so dass ich diesen Abschnitt hier nicht weiter ausleuchten möchte.

1862 begann ein neuer Zeitabschnitt im Leben unserer Gemeinde. Aus Reformierten und Lutheranern wurden Evangelische, aus zwei Gemeinden eine. Gleichzeitig änderte sich Velbert von einem landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einer kleinen Industriestadt, die immer mehr neue Bewohner anzog.

Damals begann die Zeit der Vereinsgründungen, auch in der Kirchengemeinde. In den nächsten Jahren entstand unter anderem der ev. Frauenverein und der ev. Männer-und Jünglingsverein. Schon bald sah sich die Gemeinde gezwungen, für ihre Vereine eine Heimstatt zu erstellen. So wurde 1891 das „Vereinshaus“ an der Mühlenstraße seiner Bestimmung übergeben.

1913 wurde das Vereinshaus bis zur neu entstandenen Oststraße erweitert und der gesamten Gemeinde zugänglich gemacht. Damals, genau vor 100 Jahren, wurde der Begriff GEMEINDEHAUS geprägt.

Aus diesen 100 Jahren gäbe es manches zu berichten über die GEMEINDE und ihr HAUS. Ich habe mir für heute einen Zeitraum von „nur“ acht Jahren ausgesucht, die es aber in sich hatten. Manche Details erinnern an die Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten in vergangenen Jahrhunderten, wobei diesmal der Streit nicht auf Velbert begrenzt war, sondern im gesamten Deutschland, in Kirche und Politik stattfand. Sie ahnen sicher schon, dass es sich um die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts handelt, insbesondere die Jahre von 1932 bis 1939.

In der Zeit davor sprach man in den Nachbarstädten vom „roten Velbert“. Bei Wahlen zwischen 1928 und 1932 erreichten die „linken“ Parteien KPD und SPD in Velbert im Schnitt mehr als 45 % der Wählerstimmen. Noch 1932 war die KPD stärkste Partei, 1934 zweitstärkste hinter der NSDAP.

Noch eindeutiger war für die knapp 29.700 Einwohner zählende Stadt Velbert die Verteilung auf die verschiedenen Religionen: Ev. 65,2 %; röm.-kath. 25,6 %; jüdisch 0,2 %;sonstige (meist keine) 9,0 %.

Fast könnte man aus diesen Zahlen die Gleichung aufstellen: “evangelisch = links“. Die NS hatten jedenfalls begriffen, dass dort ein großes Stimmenpotential zu finden war.

Trotzdem wurde die Gruppe der Deutschen Christen (DC) nicht von außen in die evangelische Kirche eingebracht. Sie fanden sich bei den Wahlen zur preußischen Generalsynode 1932 als Zusammenschluss von Nationalsozialisten in der evangelischen Kirche. Trotzdem diese aus drei verschiedenen Richtungen kamen, verband sie miteinander, dass sie Rasse, Nation und Volkstum eine entscheidende Bedeutung innerhalb des christlichen Glaubens beimaßen. In Velbert wurde eine DC-Ortsgruppe im Juli 1933 von Pfarrer Kinzel gegründet. Das Presbyterium genehmigte der Ortsgruppe „Asylrecht“ im Gemeindehaus Oststraße 38.

Anfangs waren weder in der Gemeinde, noch im Presbyterium, noch in der Gemeindeversammlung große Meinungsunterschiede zwischen den einzelnen Gruppierungen im evangelischen Velbert zu bemerken, wobei die den DC nahestehenden Abgeordneten in der größeren Gemeindeversammlung die Mehrheit hatten, im Presbyterium dagegen in der Minderheit waren.

So wurde beispielsweise die Feier zum Luthertag im November 1933 durch die DC vorbereitet. Diese baten aber darum, dass die Gemeinde als Trägerin der Veranstaltung gelten möchte. Dem stimmte das Presbyterium zu.

Im gemeinen Volk dagegen war es schon zu offenen Auseinandersetzungen gekommen. In erster Linie war hieran die HJ beteiligt, die Jugendorganisation der NSDAP. Verleumdungen, Schlägereien und sogar Einbrüche und Diebstähle sind bekannt geworden. Die Situation eskalierte derart, dass die Pfarrer Herzog und Kinzel nach Berlin reisten, um die dauernden Störungen der ev. Jungmännerarbeit durch die örtliche HJ und die hiergegen zu ergreifenden Maßnahmen zu besprechen. Zur gleichen Zeit protestierten Pfarrer Flemming als Vorsitzender des Jünglingsvereins und Pfarrer Meyer namens des Presbyteriums bei der Gauleitung der HJ in Düsseldorf.

Ende 1933 kann man nach den ersten Auseinandersetzungen in der Gemeinde durchaus ein „JA“ zum Nationalsozialismus aber auch ein ebenso klares „NEIN“ zur örtlichen Hitlerjugend feststellen. Ich möchte sogar behaupten, dass die HJ der Grund war, dass bis dahin in Presbyterium und Gemeindeversammlung noch relative Einigkeit zwischen den Interessengruppen und auch zwischen den Einstellungen der vier Gemeindepfarrer herrschte.

Richard Herzog, bereits seit 1923 in Velbert tätig, war nie ein Mann der abstrakten Theologie, sondern ein „Macher“ in praktischer Gemeindearbeit und im Dienst am Nächsten. Er verhielt sich zunächst völlig neutral, bevor er ab 1934 nach der Barmer Erklärung und Gründung der „Bekenntnisgemeinde“ deren heimlicher Führer in Velbert wurde.

Wilhelm Meyer war seit 1898 Pfarrer in Velbert und wurde 1936 pensioniert. Bis dahin sah auch er den immer stärker auftretenden Zwist im Presbyterium und Gemeindeversammlung wertneutral, wie auch sein Nachfolger Ludwig Harney.

Hugo Flemming kam 1933 durch Vermittlung von Pfarrer Kinzel nach Velbert. Der NS-Bewegung stand er meist positiv gegenüber und … er war ein glühender Verehrer Hitlers. In einer Predigt Anfang 1934 verglich er ihn mit dem alttestamentarischen Gideon, dem Retter Israels. Dass Flemming nie Mitglied der DC wurde, liegt wohl an seiner Würdigung der Juden als einem Volk Gottes. Er lehnte deren Verfluchung durch das NS-System kategorisch ab.

Gerhard Kinzel kam 1931 aus Styrum, wo er für die „unabhängige evangelische Liste“ im Stadtrat saß. Ende 1934 ging er als Pfarrer nach Leverkusen, wo er auf der Karriereleiter der DC einige Stufen klettern konnte. Er war und blieb in Velbert der einzige DC-Pfarrer.

Wilhelm Dörnmann kam 1935 aus Essen-Schonnebeck nach Velbert. Schon seine Bewerbung als Nachfolger des DC-Pfarrers Kinzel löste bei den Velberter NS und DC eine riesige Protestwelle aus, kam er doch aus einer der beiden Gemeinden, in denen die DC chancenlos waren. Bis hin zu persönlichen Verleumdungen versuchten seine Gegner alle Mittel, um Dörnmann von Velbert wegzuhalten. So dauerte es von seiner Bewerbung im Februar 1935 bis zu seiner Einführung fast ein ganzes Jahr.

Kaum zwei Monate im Amt, zeigte ihn eine Hausfrau an, er habe Hitler als Antichrist bezeichnet, im Konfi-Unterricht den Hitlergruß verboten und gesagt, Kommunisten seien ihm lieber als Nazis. Alle Vorwürfe konnten aber widerlegt werden.

Im April 1936 wurden von der Preußischen Landeskirche alle „größeren Gemeindeversammlungen“ aufgelöst, da sie, wenn überhaupt, sehr ineffizient arbeiten würden. In Velbert übernahm genau zu diesem Zeitpunkt Pfarrer Dörnmann die Vorreiterrolle gegen die DC. Er war auch der Initiator ihrer Ausschließung aus allen kirchlichen Räumen im April 1937. Die DC wichen deswegen in den Rheinischen Hof und die Aula des Gymnasiums aus. Wenn Pfarrer gebraucht wurden, mussten diese aus umliegenden Städten nach Velbert geholt werden.

Im Presbyterium spaltete sich aus den zwei „Fraktionen“ der BK (Pf. Dörnmann) und der DC (ohne Pfarrer) eine dritte, neutrale Gruppe (Pf. Flemming) ab. Das war auch noch so, als sich 1939 der 2. Weltkrieg andeutete. Dieser Krieg verdrängte dann natürlich immer mehr die Glaubensmaxime der DC, frei nach dem Sprichwort „Wie begonnen, so zerronnen.“ So sind wir jetzt wieder zwischen Vergangenheit und Zukunft angekommen.

Wenn ich mir den Slogan „Gemeindehaus 2013 - für die Zukunft offen“ ansehe, den kluge Köpfe für diesen Neubau kreiert haben, muss ich auf die anfangs gestellte Frage zurück kommen,, wie sich „GEMEINDE“ und „HAUS“ neu zusammenfinden werden. Es wäre nicht der schlechteste Anfang für die Zukunft, wenn sich sowohl „HAUS“ wie auch „GEMEINDE“ am gewählten Slogan ausrichten würden.

Gerd Lensing

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Wolfgang Erley

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