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Predigt vom 20.08.2017

"Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust"

"Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust" so beschreibt Goethe den Zustand eines Menschen, wenn da zwei Kräfte miteinander ringen-
Und in einer kurzen Erzählung wird dieses Ringen so beschrieben:

Schweigend saß der alte Indianer mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Die Bäume standen wie dunkle Schatten, das Feuer knackte und die Flammen züngelten in den Himmel.
Nach einer langen Weile sagte der Alte: Manchmal fühle ich mich, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere aber ist liebevoll, sanft und mitfühlend.
"Welcher der beiden wird den Kampf um Dein Herz gewinnen?" fragte der Junge
"Der, den ich füttere," antwortet der Alte.

Auch in dem Ausschnitt aus der Bergpredigt, den wir vorhin gehört haben, geht es um zwei Kräfte, die gegensätzlich in unseren Herzen wirken.
Zum einen sind da Jesu Worte, die wir verinnerlichen sollen: Macht euch keine Sorge um euer Leben – was ihr essen oder trinken sollt! Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte. Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Und seht euch die Wiesenblumen an. Sie wachsen, ohne zu arbeiten. Gott macht die Wiesenblumen so schön und um euch wird er sich noch viel mehr kümmern. Macht euch also keine Sorgen.

Pfarrerin Maret Schmerkotte


Aber: es gibt sie doch die Sorgen, die uns manchmal die Freude am Leben rauben und uns den Blick verstellen! Klar, es sind nicht unbedingt die Sorgen, von denen Menschen früherer Generationen geplagt waren: Denn wer betreibt denn heute noch Vorratswirtschaft? Sammelt bügelfreie Hemden hinter riesigen Schrankwänden oder Einmachgläser im Kellerregal? Ich will da jetzt niemandem auf die Füße treten, aber ich denke die jüngere Generation – so wie ich das bei mir zu Hause beobachten kann - ist eher geprägt von einem hohen Durchlauf an Konsumgütern. Da wird schnell und viel wieder aussortiert und weggeworfen. Die materiellen Güter, die wir haben, sind reichlich, wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft. Und unsere Sorgen beziehen sich im Normalfall eher weniger auf die Fragen: Was sollen wir essen, was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?
Ja, okay, diese letzte Frage kommt vielleicht schon mal vor, wenn eine Frau vor einem vollen Kleiderschrank steht. (und dann feststellt, dass sie nichts zum Anziehen hat…) Aber im Ernst, das sind natürlich keine existentiellen Fragen, sondern Fragen, die wir haben, weil die Auswahl zu groß ist und wir uns nicht entscheiden können.
Unsere wirklichen Sorgen sind ja doch ganz andere, je nach Person und Lebenssituation in etwa solche:
Auf der Arbeit dürfen wir keine Fehler machen, haben immer vollen Einsatz zu zeigen.
Wir müssen attraktive und ausgeglichene Lebenspartner in unseren Beziehungen sein.
Unsere Kinder müssen optimale Startbedingungen geschaffen werden, sonst wird nichts aus ihnen.
Zuhause muss alles sauber und aufgeräumt sein.
Wir müssen unsere Rechnungen pünktlich bezahlen.
Wir müssen soziale Kontakte pflegen, zu Familienangehörigen, zu Freunden und zu Bekannten.
Wir haben Angst, irgendwas im Leben zu verpassen, Möglichkeiten ungenutzt verstreichen zu lassen und der Zug dann abgefahren ist. Wir sorgen uns nicht das zu finden, was wir erreichen können.
Wir ängstigen uns vor Einsamkeit und Alleinsein. Vor Krankheiten und einem zu frühen Tod.Und dann alles zu verlieren, was wir mit Mühe zusammenhalten.
Diese Liste ließe sich wohl noch fortsetzen… Und es ist interessant, was Jesus dagegen setzt.

Euer Vater im Himmel weiß doch, dass ihr das alles braucht. Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag, der wird schon für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.

Ja, Jesus, wenn das nur mal so einfach wäre. Ist es wirklich so, dass wir uns nicht sorgen müssen? Was ist denn mit den Lilien, die auf steinigem Grund wachsen und vertrocknen? Oder mit denen, die achtlos zertrampelt werden. Und die Natur ist doch nicht überall so schön wie eine blühende Blume, sie ist auch grausam und gnadenlos. Und nicht alle Vögel überleben den nächsten Winter. Was ist mit unserem Leben, wenn es scheitert, wo es nicht weitergeht?
Sollen wir uns da wirklich nicht sorgen?

Ich denke, das Geheimnis des Textes, das, was Jesus uns sagen will, liegt an einer anderen Stelle. Es geht nicht darum, keine Sorgen zu haben, - so naiv ist Jesu Botschaft ganz bestimmt nicht,- wir sind keine Lilien und wir sind auch keine Vögel, die ganz ohne Sorge leben. Wir müssen auch vorsorgen, einkaufen, Pläne machen, uns auf etwas vorbereiten. Und es gehört auch zu unserem Leben, dass wir scheitern, Fehler machen, Möglichkeiten verpassen und trauern. Und dass in unserer Brust manchmal zwei Seelen leben und miteinander streiten.
Wichtig ist dann aber die eingangs gestellte Frage: Welche Seite in meinem Inneren füttere ich. Die sorgenvolle, oder die vertrauensvolle....

Ja, welche Seite in meinem Innern möchte ich in meinem Leben stärken? Die sorgenvolle oder die vertrauensvolle. Das, was Jesus uns als Antwort auf diese Frage mit auf dem Weg geben will, ist bei genauerer Betrachtung doch ganz gut leb- und umsetzbar. Gar nicht so abgehoben und weltfremd wie es vielleicht auf dem ersten Blick aussehen mag.
Jesus sagt nicht: werdet wie die Lilien, lebt wie die Vögel, sondern schaut sie euch an und das ist doch eigentlich ein ganz guter Rat, besonders für die sorgenvollen Zeiten: Raus gehen, sich die Vögel und die Blumen anschauen. Sich in den Wald setzen oder ans Meer und staunen, wie schön Gott alles gemacht hat. Und sich klar machen, so sorgt Gott auch für mich. Wie für die Vögel und für die Blumen. Denn in seinen Augen bin ich mindestens genauso wertvoll, ja noch wertvoller. Und wenn ich mir die Vögel und Blumen genau ansehe, werde ich auch merken, dass sie sich nicht unendlich viel Mühe machen mit ihrem Leben, keine wilde Betriebsamkeit entfalten – und trotzdem leben. Denn das Wesentliche im Leben kann ich gar nicht machen, das ist ein Geschenk.
Ich kann also gar nicht alles unter Kontrolle haben. Das Geschick meiner Kinder, die Gesundheit meiner liebsten Menschen und auch meine eigene Lebenszeit habe ich nicht in der Hand. Ich kann nicht alles im Blick haben, bedenken, vorsorgen, schützen, Sicherheit aufbauen, bis jedes Risiko ausgeräumt ist.

Und deshalb ermahnt uns Jesus hier zu einem vernünftigen Denken, wo die Zuständigkeiten neu bestimmt werden. Nur auf das schauen, was wirklich in meiner Hand liegt! Der Tag heute ist mir übergeben mit seinen Problemen und Chancen. Und es gilt das zu tun, was dieser Tag verlangt. Und abends für das Gelungene danken und das Unfertige abgeben. Die Arbeit, die lieben Menschen und Sorgen in Gottes Hand legen. Und am nächsten Tag das gleiche. Jeden Tag für sich nehmen.
Das ist nicht falsch zu verstehen und richtet sich nicht gegen Vorsorgetermine, Geldverdienen, Lebensversicherung und Riester-Rente. (Und Jesus hat sicher auch nichts dagegen, wenn wir dann doch noch Marmelade einkochen.) Aber es hilft einfach, jeden Tag für sich zu nehmen und nicht auf das Ganze, auf alle vor mir liegenden Tage zu schauen. Besonders wenn mich mal wieder die Sorge quält, wie ich das, was in ferner Zukunft liegt, eigentlich alles schaffen soll. Dann hilft der Gedanke: Dieser Tag und diese Aufgabe, um mehr muss ich mich jetzt nicht kümmern.

Es kommt also darauf an, im Heute zu leben. Hier und jetzt. Eine Lebenshaltung zu entwickeln, die mit Gottes Gegenwart rechnet.
Das ist kein Ruf in die Verantwortungslosigkeit, ganz im Gegenteil, wenn ich aufhöre, ständig um mich selbst zu kreisen und mir Sorgen zu machen, werde ich viel freier für die Aufgaben, vor die ich ganz konkret gestellt bin. Hier und Jetzt.

Sicher war der eine oder andere von Ihnen in den letzten Wochen im Urlaub. Für mich immer eine Auszeit, um mir Wesentliches wieder klar zu machen. Weg von den Alltagssorgen ist das manchmal leichter. Und mir ist in diesem Jahr ein Buch untergekommen, in dem folgendes Urlaubserlebnis geschildert wird:
„Eines Tages saß ich auf einem Baumstamm und beobachtete wie die Wellen sich an dem unglaublich schönem Strand brachen. Als die Sonne unterzugehen begann, färbte sich der Himmel von einem klaren Blau in rosa- und orangefarbene Töne. Und während ich das ganze Schauspiel beobachtete, kam ich zu folgender Erkenntnis. Während der letzten Jahre war jede Minute meines Lebens verplant gewesen. In dieser Zeit hatte sich dieses Schauspiel jeden Tag wiederholt. Meine Probleme, die Dinge, die mich gestresst hatten, meine Sorgen über die Zukunft schienen in diesem Moment allesamt völlig unwichtig zu sein. Ich saß da und sah mich dieser unglaublichen Schönheit und Erhabenheit der Natur, sowie meiner Erkenntnis gegenüber, dass mein leben ein winzig kleines Element von etwas viel Größerem war.“

In der Gegenwart Gottes leben, da steht am Anfang also die Freude. über das Leben, über mein Leben, über die Schönheiten, die mir begegnen. Das Wissen, dass Gott mich liebt und mein Leben eingebettet ist in ein Großes Ganzes.

Welche der beiden Wölfe wird also den Kampf um dein Herz gewinnen? Welche Seite in mir füttere ich? Vielleicht haben Sie ja diese Frage heute schon ein bisschen für sich beantwortet, indem Sie hierher gekommen sind. Um innezuhalten, zuzuhören, zu singen, zu genießen und sich die Gegenwart Gottes bewusst zu machen. Es muss nicht immer der Strand mit Sonnenuntergang sein, auch ein Musikgottesdienst kann uns ja manchmal stärken und uns bewusst machen, dass Gott da ist.

Amen

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