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Predigt

05.11.2017

Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert

Predigt zu Matthäus 10, 34-39

Jesus sagt: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Es ist, als hätten wir nicht richtig gehört. Nicht Frieden, sondern das Schwert. Das klingt wie ein Aufruf zum heiligen Krieg. Wie passt das denn zu Jesus, dem Friedensfürsten?  

Wortwörtlich heißt es übrigens: Ich bin gekommen, ein Schwert zu werfen. Und wenn ich in diesem Bild bleibe, dann stelle ich mir  vor, wie Jesus ein Schwert nimmt und es in die Mitte seiner Zuhörer wirft. Etwas hartes und scharfes, ein dröhnender Klang, wenn es zu Boden kracht. Ein Geräusch, dass den Nerv trifft und zusammen zucken lässt. Jesus, nein, er wirft natürlich nicht mit dem Schwert, aber er wirft mit Worten, die einen ähnlichen Effekt haben. Worte, die stören und provozieren.

Und irgendwie ist auch diese Bibelstelle eine, die stört und provoziert: Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit dem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter. Und: wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ Solche Sätze wirken doch brutal, jedenfalls auf den ersten Blick, und sie scheinen überhaupt nicht zu unserem traditionellem Jesusbild zu passen. Aber genau das ist vielleicht auch das spannende an diesen Versen. Keine christliche Harmoniesoße.
Aber was genau will uns Jesus nun mit diesem Schwertwort sagen? Wichtig ist zunächst, dass wir den Zusammenhang berücksichtigen. Denn das ist die Gefahr bei solchen einschneidenden Worten, dass sie – aus dem Zusammenhang gerissen - missbraucht werden können und mit Sicherheit auch missbraucht wurden. Instrumentalisiert, um Gewalt gegen andere zu legitimieren.

Pfarrerin Maret Schmerkotte

Also schauen wir genau hin: Es sind Worte, die Jesus zu seinen Jüngern spricht, also zu denen, die ihm nachfolgen. Sie sind Teil einer längeren Rede an die Jünger. Er sendet sie, er beauftragt sie und er warnt sie auch. Es geht um Konsequenzen, die es hat, wenn Menschen bekennen, seine Anhänger zu sein. Und da ist Jesus durchaus sehr realistisch. Denn seine Botschaft, die Botschaft, die die Jünger weitersagen sollen, steht quer zu allem Bisherigen. Was Jesus sagt, wird nicht unbedingt immer gern gehört. Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du mit ihm noch auf dem Weg bist! Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete die andere auch dar! Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen! Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werden! Und trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 
Worte aus der Bergpredigt. Friedensworte, die aber – nehmen wir sie ernst - so scharf sind wie ein Schwert. Worte, die spalten können.
Und Jesus macht damit den Jüngern klar: Ihr müsst darauf vorbereitet sein, dass es etwas kosten wird, wenn ihr das den Leuten verkündigt. Euch wird widersprochen werden. Und ihr werdet auf Widerstand stoßen. Und so war es auch:  am ende der Bergpredigt heißt es, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre, denn er lehrte sie mit Vollmacht.
Und wir wissen: Jesus selbst endete wegen seiner Worte am Kreuz.

Die Entscheidung für Jesus, ihm und seinen Worten zu folgen, kann tiefe Risse entstehen lassen. Bis in den Bereich der eigenen Familie hinein. Und das erleben wir ja heute auch noch: Dass an dem Ort, wo eigentlich die Harmonie und das Zusammengehörigkeitsgefühl am größten sein müsste, die schärfsten Konflikte erlebt werden. Die Familie ist eigentlich der Kern, das Fundament einer Gesellschaft, schützenswert. Wenn irgendwo Frieden herrschen muss, dann in der Familie. Da wo die engsten und wichtigsten Beziehungen existieren. Besonders in der Nahöstlichen Kultur waren und sind diese Beziehungen unantastbar! Nie würde es ein Sohn wagen gegen seinen Vater zu rebellieren. Und was sagt Jesus? „Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien.“ Das muss wirklich eine Provokation gewesen sein. Man hört die Leute förmlich nach Luft schnappen vor Empörung. Hier stellt Jesus bewährtes traditionelles Denken in Frage, familiäre Werte, die Familienstruktur, in der die Älteren die Macht und das Sagen haben.
Konkret bedeutete das damals (aber natürlich nicht nur damals), dass das Christentum eine Religion der Entscheidung ist. Mit dem christlichen Glauben wird eine Lebensorientierung eingeschlagen, die Konsequenzen hat. Wer sich in der frühen Kirche taufen ließ, wandte sich damit von der Religion ab, welcher die eigene Familie anhing, z.B. vom heidnischen Kaiserkult. Dadurch ergab sich nicht selten die Ablösung von der Familie.
Und es gibt bis heute unzählige Beispiele, wo Menschen, um ihres christlichen Glaubens willen von ihrer Familie verachtet oder verstoßen oder sogar getötet werden. Man braucht nur im Internet auf die Seite von open doors zu gehen, einer Organisation, die sich für verfolgte Christen einsetzt, und man wird sofort mit erschreckenden Schicksalen konfrontiert. Mit großer Schrift steht auf der ersten Seite z.B. ein Zitat von Maria aus Tunesien: „Meine Mutter zerbrach meine Brille. Ich will nicht, dass du weiter sehen kannst! Du hast die Bibel gelesen!“

Natürlich, so krass und extrem geht es sicher in unseren Familien nicht zu. Aber auch wir können, wenn wir es mit unserem Glauben wirklich ernst nehmen, in Spannungen zu Familie und Freunde geraten. Dass wir belächelt werden, wenn wir Sonntags zum Gottesdienst gehen, als naiv oder als Außenseiter abgestempelt werden, als weltfremd, wenn wir zu unseren christlichen Überzeugungen stehen. Und das kann auch weh tun, wenn wir da auf Unverständnis stoßen, besonders in der Familie oder im Freundeskreis, wo wir uns ja eigentlich Nähe und Einverständnis wünschen.
Aber, und da war Jesus wirklich realistisch, es kann nicht anders sein, als das seine Botschaft, wenn wir sie denn ernsthaft vertreten, für viele Menschen unverständlich bleibt. Klar, wir mühen uns, unsere Überzeugungen immer wieder verständlich zu machen, aber letztlich wissen wir auch, dass es in den Dingen des Glaubens kein Begreifen von außen her gibt. Und deshalb   ist unser Bemühen oft erfolglos. Aber um so wichtiger ist es, es nicht nur beim Reden und Erklären zu belassen. Jesu Worte ernst nehmen, heißt auch: sie selbst zu leben. Und das ist vielleicht sogar die größte Herausforderung. Jesu Wortschwert sticht auch in unser eigenes Leben hinein:
Liebt eure Feinde! Oder: Sorgt euch nicht, für euch ist gesorgt. Oder sieh zuerst den Balken in deinem eigenem Auge, bevor du auf den Splitter im Auge deines Bruders siehst.   

Es sind Friedensworte, aber sie können auch in unser eigenes Leben schneiden. Auch in unser christliches Zusammensein. Die Gemeinde wird oft auch als Familie erlebt und empfunden, als eine Gemeinschaft, die viel Zeit miteinander verbringt, füreinander da ist, sich versteht und einander wertschätzt. Und ich frage mich, ob da nicht auch manchmal Jesu Worte zutreffen: „Ich bin gekommen, Menschen zu entzweien.“ Dass das auch innerhalb einer Gemeinde möglich ist, dass Menschen entzweit werden. Menschen, die eigentlich als Bruder und Schwester miteinander leben wollen, sich aber im Rechthabenwollen übertreffen. Wo es mehr um die eigene Anerkennung geht als um die Sache Jesu. Wo eigene Wünsche und Vorstellungen verwirklicht werden und nicht das, was Gott will. Wo eigene Interessen im Vordergrund stehen und nicht das Wohl der Gemeinschaft. Wo die Angst um sich selbst größer ist als das Vertrauen auf Gott.

Es mag sich da jeder und jede jetzt eigene konkrete Beispiele vor Augen führen, mir ist wichtig, sich klarzumachen, dass auch in den eigenen Reihen manchmal das Schwert Jesu nötig ist. 
Klare Worte, die natürlich auch unangenehm sein können, die treffen und einschneiden.
„Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich aufgibt, der wird es für immer gewinnen.“
Das ist z.B. so ein herausforderndes Wort. Natürlich weiß Jesus, dass jeder Mensch darauf bedacht ist, sein Leben zu erhalten. Das ist menschlich und notwendig. Das Verlangen nach Leben und Glück liegt ganz tief in uns. Und das ist auch gut so. Aber hier liegt auch eine Gefahr, wenn sich unsere Glückssuche in übersteigerte Selbstsucht und Geltungsbedürfnis verwandelt. Oder wenn die Angst, zu kurz zu kommen, der eigentliche Lebensantrieb wird. Man sucht dann zwar das Leben, aber gerade so verliert man es. Wenn ich mein Leben krampfhaft festhalten will, meine Wünsche, meine Interessen, mein Glücksverlangen. Ich kann so mit mir selbst beschäftigt sein, dass alles andere dabei untergeht. Und dass ich in meinem Leben immer nur auf die Einnahmenseite starre und nichts ausgeben will. Aber: von Jesus kann ich lernen: reich werde ich gerade durch die Ausgaben. 
Im Umgang mit anderen Menschen könnte das bedeuten, dass das eigene Glücklichwerden zur Nebensache wird und es vielmehr auf das Glücklichmachen ankommt. Und dann wird auch das Erstaunliche passieren. Indem ich darauf bedacht bin, glücklich zu machen, werde ich es auch selbst. Wenn wir uns an Jesus halten, auf ihn und seine Worte schauen und uns daran orientieren, wird es nicht darauf hinauslaufen, dass wir verlieren und einbüßen, sondern dass wir finden. Wir können uns selbst wiederfinden als Menschen, die sich nicht mehr um sich selbst sorgen müssen, sondern für die schon längst gesorgt ist.   

Also: wenn wir jetzt noch einmal auf unsere Bibelstelle schauen, auf die Worte, die Jesus in unsere Mitte geworfen hat, dann bleibt die Provokation und Herausforderung. Dass wir uns immer wieder neu entscheiden müssen, was in meinem Leben Priorität hat und was ich dem nachordne. Woran hängt mein Herz? Wohin bin ich bereit aufzubrechen und was zerbricht möglicherweise dabei? Bin ich auch bereit, um mich um meines Glaubens willen, unbeliebt zu machen?

Eines darf mir dabei klar sein: Auch wenn Jesu Worte provozieren und trennen, es ist nicht die Absicht Jesu, dass Menschen getrennt werden. Konflikte lassen sich nicht verhindern und es ist schmerzlich, wenn in der engsten Gemeinschaft Risse entstehen. Dann gilt es, sich dem zu stellen und seinen Überzeugungen treu zu bleiben. Aber es geht nicht darum, Konflikte zu suchen. Jesu Anliegen ist es doch, dass Menschen zusammengeführt werden und dass Gemeinschaften entstehen. Wie schon gesagt: Seine Botschaft ist eine Botschaft des Friedens. Es geht um Liebe. Um Liebe zu Gott, Liebe zum Nächsten und Liebe zu sich selbst. Wenn es dann also heißt: „Wer seine Familie mehr liebt als mich, der ist ist meiner nicht wert“, dann dürfen wir das nicht missverstehen. Es geht dabei um die richtige Prioritätensetzung. Wer Jesu Worte in den Mittelpunkt seines Lebens stellt, und sich dabei auch nicht von den engsten Angehörigen beirren lässt, sondern sich selbst und Gott treu bleibt, wird automatisch wieder zu seinen Mitmenschen zurückgeführt. Gottesliebe und Nächstenliebe ist kein Widerspruch! Die Zugehörigkeit zu Jesus lässt sich nicht zum Vorwand nehmen, um sich von der Familie abzuwenden. Sondern ganz im Gegenteil. Die Liebe zu Gott führt uns immer wieder zurück zur Liebe unseren Mitmenschen gegenüber.

D.h. Jesu Worte sind nicht so scharf, dass wir sie verstecken müssten und auch wir brauchen uns vor ihnen nicht zu verstecken. Letztlich sind es ja nicht nur Schwertworte, sondern auch Worte, die uns zum Leben führen.

Amen

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