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Predigt

"Segen"

Hätte Abraham eigentlich auch „Nein" sagen können? Denn da gehört ja viel Mut dazu. Sich mit 75 Jahren noch einmal auf den Weg zu machen, ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere doch eher „nein“ gesagt hätte, nach dem Motto, „in meinem Alter lass ich mich auf so etwas nicht mehr ein“ oder „alte Bäume verpflanzt man nicht“. Auf der anderen Seite: Aufbrüche haben auch etwas Magisches, der Reiz des Unbekannten lässt unser Herz schneller schlagen, das Neue fasziniert.

Allerdings: unser Text erzählt eigentlich nur auf dem ersten Blick vom Reisen und von Neuaufbrüchen. Auf dem zweiten Blick erkannt man aber das Leitthema in dieser Geschichte: Segen. Fünfmal kommt diesen Wort in den wenigen Versen vor.

  1. Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
  2. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
  3. Ich will segnen, die dich segnen, in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Und da zog Abram aus ...

Weil ihm der Segen zugesagt ist, kann Abraham sich auf diese Weisung Gottes einlassen. Geh! Aber was genau war da dabei die Herausforderung? Wir dürfen uns das nicht aus unserer Perspektive, aus der Perspektive sesshafter Menschen vorstellen. Abraham war Nomade und offensichtlich steinreich oder „viehreich“ müsste man eigentlich sagen, denn das Vermögen bei Nomaden bemisst sich nach der Zahl der Tiere, die einer besitzt. Außerdem besaß Abraham wahrscheinlich kostbare Zelte, Teppiche usw. und vor allem: Knechte und Mägde. Und das alles musste Abraham ja nicht etwa aufgeben, sondern es heißt, dass er mit seiner ganzen Habe auszog.

Geh! Dieser Ruf ist also nicht eine Herausforderung, weil Abraham seinen Besitz aufgeben oder mit seinen Herden eine weite Reise machen sollte. Für Nomaden ist das Umherziehen das Vertrauteste überhaupt.

Pfarrerin Maret Schmerkotte Die Zumutung bestand vielmehr darin, dass Abraham sich von seiner Sippe, von seinem Verwandtschafts-Klan lösen musste. Das können wir heute wahrscheinlich nur teilweise verstehen, weil wir nicht so eingebunden sind in unsere verwandtschaftlichen Strukturen. Wir sind es gewohnt, dass wir oft weit verstreut auseinander wohnen und meist nur die engste Familie um uns haben. Aber damals zu Abrahams Zeiten war es so (und in manchen Kulturen und Ländern ist es ja immer noch so), dass die Verwandtschaft der entscheidende Lebensrahmen war und der Einzelne überhaupt nur im Sippenverband existieren konnte. Dieses Eingebunden- und Getragen sein musste Abraham aufgeben, und damit begann für ihn ein ganz neuer Selbstfindungsprozess. Was hält und trägt ihn jetzt noch? Kann er sich denn wirklich auf diesen Gott verlassen, der ihn da ruft? Genau so wie auf seine Verwandtschaft, seine bisherigen Beziehungen, die ihm Heimat und Orientierung gegeben haben? Ist der Gott, der ihn ruft, also wirklich der Gott, dem er restlos vertrauen kann?

Für Abraham fängt also eine ganz neue Geschichte an. Nicht nur eine Reise als Ortswechsel, eine räumliche Bewegung, sondern eine innere Reise. Vielleicht kann man sogar sagen eine Reise, die nie endet. Jedenfalls nicht mit der Ankunft im Lande Kanaan. Der Segen, der Abraham hier zusagt wird, ist nicht ein einzelner Moment, sondern ein längerer Weg, ein Prozess. Da wird etwas angestoßen, das noch lange fortwirkt, vielleicht sogar bis in die heutige Zeit.

„Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden."

Das ist eine Segenszusage, die nicht nur Abraham gilt, sondern in die auch das Volk Israel und letztlich auch wir selbst heute mit einbezogen sind.

Und das finde ich ganz spannend: dass der Segen, den Abraham mit auf den Weg bekommt, nichts Individuelles ist, nicht nur auf ihn hin ausgerichtet, sondern etwas sehr Umfassendes. Abraham ist Segensträger, aber so, dass andere mit in diesen Segen einbezogen sind.

Für Abraham selbst sah es erst einmal gar nicht so segensreich aus (mal abgesehen von seinem Reichtum). Versprochen war ihm ein großes Volk. Aber woher denn? Seine Frau schien doch unfruchtbar zu sein und war er nicht inzwischen 75? Jahre gingen ins Land, bevor da nochmal was passiert ist und er schließlich doch noch einen Sohn bekam.

Und einen großen Namen? War er nicht jetzt in der Fremde und ohne seine vertraute Sippe eher ein Namenloser?

Vielleicht gehört zum Segen manchmal auch dies dazu: die Erfahrung, dass wir den Eindruck haben, da passiert erst einmal nichts von dem, was Gott versprochen hat. Zwischen Verheißung und Erfüllung kann auch eine lange Zeit liegen. Es ist eine Sache, was Gott verspricht und eine andere, was davon in unserem kurzen Leben in Erfüllung geht. Dass Gott seine Segensverheißungen also wahr macht, ist unabhängig davon, wieviel wir davon bewusst selbst erleben. Denn eingetroffen ist alles:  Aus Abraham wurde tatsächlich ein großes Volk, und sein Name gehört nun schon lange zu den größten in der Religionsgeschichte. Abraham hat davon aber nur einen winzigen Bruchteil erlebt. Oft genug meinte er, von dem Versprochenen, vom Segen gar nichts zu spüren! Und doch war er ein Segensträger!

Und das heißt doch auch heute für uns:

Für den Segen, den Gott auf unser Leben legt oder durch

uns hindurch zu anderen Menschen bringt, ist es völlig unerheblich, inwieweit wir das bewusst erleben. Wir sind trotzdem Segensträger! Manchmal ist es eben auch so, dass nicht wir selbst, sondern andere die Segensfrüchte erleben. Ob wir selbst z.B,. für einen anderen Menschen zum Segen geworden sind. Das zeigt sich nicht sofort, sondern manchmal Jahre später und nicht immer so, dass wir das selbst mitbekommen.

Du sollst ein Segen sein! Das ist für mich der Kernsatz bei den ganzen Segnungen, die Abraham zugesprochen werden.
Vielleicht sagen Sie jetzt: Moment mal, es heißt doch: ich will dich segnen, das ist doch ein Zuspruch, wie kommt es dann plötzlich zu dieser Aufforderung? Du sollst ein Segen sein! Ich denke, Gottes Segen kann gar kein anderer Segen sein, als dass wir selbst zum Segen werden. Es ist unmöglich, dass sein Segen nicht weiterfließt. Wer gesegnet ist, der ist es nicht nur für sich! Ob unser Wohlstand und gutes Leben also Zeichen des Segens sind, das zeigt sich im Weiterfließen. Gott segnet uns, damit wir selbst zum Segen werden.

Was bedeutet das aber nun konkret, ein Segen zu sein? Ich würde sagen, es geht immer darum, etwas Lebenspendendes zu geben. Bei Gott ist es die Lieblingsbeschäftigung. Er segnet Fische und Vieh – und sie werden fruchtbar. Er segnet den Acker – und er trägt reichlich Frucht. Er segnet den Verstand – und der schreibt kluge Abhandlungen. Er segnet das Herz – und es kann Liebe und Erbarmen empfinden. Er segnet den Mund – und der redet Gutes, stiftet Frieden in verzwickten Lagen oder tröstet den Untröstlichen. Er segnet Begegnungen – und schon fühlen sich Menschen weniger allein, angenommen, verstanden, bereichert. Er segnet die Hand – und sie kann großartige Dinge bauen, Häuser und Kunststücke, Möbel und Maschinen. Wir sind Ebenbilder Gottes, und schon darum ist es unsere Berufung, Segen weiterzugeben. Im Alltag braucht Segen keine großen Worte oder Gesten. Einem anderen Menschen Gutes zukommen lassen. Das ist der Sinn des lateinischen Wortes für Segnen: „bene dicere“.

Vielleicht sagen Sie jetzt, gut, aber wenn ich Segen weitergeben soll, muss ich selbst erst einmal gesegnet sein, und da ist die Wunschliste bei mir viel länger als mein Segensinventar. Aber dann schauen wir uns doch dieses Inventar mal an, vielleicht ist ja doch einiges dabei, wo Sie sagen, da bin ich gesegnet:

Hab ich in meinem Leben etwas lernen können? Habe ich etwas verstanden?

Habe ich einen Platz, wo ich zu Hause bin? Wo ich mich wohl fühle, wo ich ruhig schlafen kann?

Habe ich Menschen, mit denen ich in Liebe verbunden bin, Freunde, mit denen ich reden kann? Und Lachen? Die mir zur Seite stehen und helfen?

Habe ich soviel Geld, dass ich einigermaßen über die Runden komme?

Habe ich Begabungen, Fähigkeiten, die mir Freude bereiten?

Kann ich darauf vertrauen, dass ich von Gott gewollt und geliebt bin?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nicht ein paar dieser Fragen mit Ja beantworten können. Wir sind – so wie Abraham - gesegnete Menschen. Bei Martin Luther heißt es: Essen und Trinken, Kleider, Haus, Geld, Gut, eine gute Ehe, verlässliche Freunde, getreue Nachbarn – das alles wird für den zum Segen, der es als solchen erkennt und dankbar annimmt.

Gesegnet zu sein, heißt manchmal auch einfach nur, sich bewusst zu machen, wie gut es mir geht. Wenn ich mich geborgen fühle, glücklich bin. Vielleicht auch erfüllt von Glaube, Liebe, Hoffnung. So wie es der Chor vorhin gesungen hat.

Ihr sollt ein Segen sein! Fürchtet euch nicht!

Segen ist Glaube, Glaube der lebt, .
Segen ist Hoffnung, Hoffnung, die lebt,
Segen ist Liebe, Liebe, die lebt.

Was gesegnetes Leben ist, wird also an meiner Person sichtbar. Ob ich glaube, hoffe und liebe. Von Dankbarkeit erfüllt bin. Eine Lebenshaltung, die auch nach außen abstrahlt und andere mit hineinzieht.

Allerdings: Segen ist kein Glücksversprechen! Segen ist unabhängig davon, ob das Leben gelingt. Gottes Segen bewährt sich gerade auch dann, wenn ein Mensch scheitert, elend oder krank ist, in den Brüchen und Abgründen des Lebens. Gerade dann braucht ein Mensch ja den Zuspruch von Gottes Nähe, Gottes Segen. Und damit sind wir wieder bei Abraham, der einen langen Weg zurückgelegt hat, in dem sich sein Vertrauen trotz aller Zweifel immer wieder neu bewähren musste: Ja, ich bin nicht allein, Gott wird etwas Gutes daraus machen, auch wenn ich jetzt davon nichts spüre.

Und da gehört manchmal eben auch ein innerer oder äußerer Aufbruch dazu, Neugier darauf, was das Leben oder eben Gott noch so mit einem vor hat. Sich selbst entdecken, lebendig bleiben, trotz allem. Abraham war 75. Für gewagte Aufbrüche gibt es also keine Altersgrenze. Selbst dann, wenn wir das Gefühl haben, dass es nur noch bergab geht, dass Kräfte nachlassen und das Leben sich verfinstert. Der Segen Abrahams verheißt Beziehung in der Fremde und Heimatlosigkeit. Wo vieles, was uns bisher getragen hat, vielleicht abgebrochen ist… da zeigt sich die Kraft des Segens, dass etwas Neues entsteht, dass wir uns nicht von den Zweifeln in Beschlag nehmen lassen, sondern uns in Gottes Hände stürzen und darauf vertrauen, dass neue Beziehungen entstehen. Natürlich ist das ein Wagnis, aber ohne dieses Wagnis des Vertrauens ist Segen eben nicht zu haben.

Das gilt für den einzelnen, aber auch für uns als Gemeinschaft. Wir haben in unserer Gemeinde ja schon drei Kirchen geschlossen, vor kurzem (Ostermontag) die Friedenskirche. Und das bedeutet für viele Menschen auch erst einmal Heimatlosigkeit, Beziehungsabbruch. Auch da ist also ein  Aufbruch gefragt. Eine äußere Bewegung, vor allem aber eine innere. Vertrauen, dass auch an einem neuen Ort, in neuer Gemeinschaft neue Beziehungen entstehen und dass Gott diesen Weg mitgeht und ihn segnet. Und vielleicht gilt auch hier, dass sich die Segensfrüchte nicht sofort finden lassen, sondern erst nach einiger Zeit, und dass nicht nur ich selbst davon profitiere, sondern auch andere Menschen, auch die Menschen zukünftiger Generationen mit in diesen Segen hineingenommen sind. So reicht der Segen Abrahams bis heute und in alle Zukunft. Es ist also gut, dass er damals nicht Nein gesagt hat, sondern los gegangen ist und darauf vertraut, dass es auch Zeit braucht, bis sich der Segen zeigt.

 Gottes Segen ist nichts kurzfristiges, nichts für den Moment, sondern ein roter Faden, der unser ganzes Leben durchziehen kann.

Dazu möchte ich zum Schluss noch eine Segenserfahrung eines jüdischen Mädchens vorlesen. Rachel Naomi Remen screibt in ihrem Buch: , Aus Liebe zum Leben, 2002, S. 30-31).

»Wenn ich an den Freitagnachmittagen zu meinem Großvater zu Besuch kam, dann war in der Küche bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. Und wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal sprach er diese Worte laut aus, aber meist schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach. Wenn Großvater damit fertig war,  wandte er sich mir zu. Ich baute mich dann vor ihm auf, und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel.

Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Jede Woche wartete ich bereits darauf, zu erfahren, was es diesmal sein würde. Wenn ich während der Woche irgendetwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung darüber zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen.

Und dann gab er mir seinen Segen.  Diese kurzen Momente waren in meiner Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. In meiner Familie rang man unablässig darum, noch mehr zu lernen und noch mehr zu sein. Es war nie genug. Wen ich nach einer Klassenarbeit mit einem Ergebnis von 98 von 100 nach Hause kam, dann fragte mein Vater: „Und was ist mit den restlichen zwei Punkten?“ Während meiner gesamten Kindheit rannte ich unablässig diesen zwei Punkten hinterher.

Aber mein Großvater scherte sich nicht um solche Dinge. Für ihn war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war, dann wusste ich irgendwie mit absoluter Sicherheit, dass er recht hatte. Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer Welt gelebt, in der es ihn nicht gab, und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Er hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat.  Zuerst hatte ich Angst, dass ich, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war, einfach verschwinden würde. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen. Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein.

Amen

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