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Predigt vom 13. Januar 2019

Predigt zu Josua 3, 1-17

Gott findet Wege für uns. Damit unsere Füße gehen können. Dafür ist Vertrauen nötig.
Und Vertrauen wird in der Stille geboren. Im Innehalten und Staunen.

Momentan lese ich ein Buch über die Stille. Geschrieben von einem norwegischen Abenteurer (Erling Kagge: „Stille“, S. 35). Und er beschreibt folgendes Erlebnis: „Als wir im Mai 1990 den Nordpol erreichten, flog zufälligerweise am Tag unserer Ankunft ein amerikanisches Spionageflugzeug über uns hinweg. Die Piloten, die aus dem Fenster schauten, um einmal den Nordpol gesehen zu haben, waren ebenso überrascht wie wir, dass sich dort noch andere Lebewesen aufhielten. Aus Freundlichkeit gegenüber zwei ausgehungerten Polarforschern warfen sie ein Kiste mit Lebensmitteln ab. Nach achtundfünzig Tagen mit Temperaturen von minus vierundfünfzig Grad war der größte Teil unseres Körperfetts verbrannt, ebenso wie die Muskelmasse. Um unser Ziel zu erreichen, hatten wir die Tage von vierundzwanzig auf dreißig Stunden verlängert, so dass wir siebzehnstündige Tagesetappen gehen konnten. Wir öffneten die Kiste – es war das Mittagessen der Piloten, Sandwiches, Saft, geräucherter Hering -, legten die Lebensmittel auf unsere Schlafmatten und teilten sie auf. Ich wollte alles auf einmal verschlingen, doch mein Partner schlug vor, noch ein bisschen damit zu warten. Und das Essen erst still zu betrachten. Leise bis zehn zu zählen und dann zu essen. Ich habe mich selten so reich gefühlt wie damals. Es fiel mir nicht leicht, die Lebensmittel anzusehen und damit zu warten, aber das Essen schmeckte hinterher noch besser.“

Innehalten. Staunen. Manchmal entdecken wir erst dann die Wege, die Gott für uns gefunden hat. Wenn wir still stehen.

Darum geht es auch in der Bibelgeschichte, die wir vorhin in der Lesung gehört haben. Josua überquert den Jordan. Eine Geschichte, die sich das Volk Israel erzählt hat, als es weit weg von der Heimat war, gefangen an Babylons Strömen, vertrieben aus dem Gelobten Land. Da besinnt es sich auf seine Vergangenheit, wie hatte denn überhaupt alles angefangen? Wie waren sie damals überhaupt ins gelobte Land gekommen? Und warum sind sie dann später vertrieben worden? Etwa, weil sie nicht nach den Zehn Geboten gelebt haben?

Das Volk steht still, um sich neu zu besinnen. Deshalb diese Geschichte, ein Versuch mit Gottes Augen auf die Welt zu blicken und neu zu verstehen.
Das Buch Josua, das vom Eintritt ins gelobte Land berichtet, ist also kein historisches Buch, keine Geschichtsschreibung in unserem Sinn. Sondern vielmehr ein Bild, das tiefe Wahrheiten ansprechen soll. Erklären, Trösten, Orientierung geben. Still stehen. Sich bewusst werden, was zu einem gehört.
Und deshalb mussten sie einander erzählen. Um zu wissen, wer sie waren. Was ihnen ihr Land bedeutete. Was es mit ihrem Glauben zu tun hatte. Und ob das gelobte Land nicht auch in der Fremde zu finden ist.

Für Israel war es damals ein wichtiger Moment, so wird nun erzählt. Es soll in das Land einziehen, das Gott versprochen hat. Und dafür muss es den Jordan überqueren. Und wichtig ist, dass der Jordan hier weniger als eine Landesgrenze zu verstehen ist, sondern noch mehr als Zeitgrenze. Mose, der das Volk bisher geführt hat, ist tot, und nun bricht eine neue Zeit an. Die Gebote, die Mose empfangen hat, sollen nun gelebt werden. Die theoretische Unterweisung soll zum praktischen Handeln führen. Schließlich geht es um das Leben im gelobten Land, im Land Gottes. Und da ist es nicht verwunderlich, dass so ein Übergang auch eine Herausforderung ist. Wichtig ist der richtiger Anführer. Jemanden, den man vertrauen und folgen kann. Ob Josua so einer ist? In unruhigen und unsicheren Zeiten finden ja schnell die Zuspruch, die sich am lautesten und frechsten artikulieren können. Aber so ist Josua nicht. Er ist eher von der stillen Sorte. Er ist kein Macher und schon sein Name legt nahe, wer da eigentlich durch schwierige Situationen hindurchführt. Josua bedeutet: Gott rettet. Es ist ein hebräischer Name, würde man diesen Namen auf griechisch schreiben, würde es Jesus heißen. Zufall? Bestimmt nicht, vielleicht ist der Name des alt-israelitischen Josua ein Vorbild für die Namensgebung Jesu gewesen. Gott rettet.
Und deshalb ist es nun auch nicht überraschend, dass Josua dem Volk, das unschlüssig am Ufer steht, nicht sagt: Ich gehe voran und ihr folgt! Oder: Wir ziehen das Ding jetzt durch und gehen rüber, koste es was es wolle…
Nein, er sagt zu den Priestern: „“Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Die Bundeslade war der sichtbarer Ausdruck für die Gegenwart des unsichtbaren Gottes, ein Kasten, in dem die sich die Zehn Gebote befanden, Weisungen zum Leben, auf Steintafeln gemeißelt. Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Und ich lasse dich auch jetzt nicht. Hab Vertrauen.

Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Hajo Gottwald
Die Bundeslade geht also voran, und mit ihr Gott selbst. Das soll sich auch das Volk Israel bewusst machen. Gott geht mit, d.h. der Glaube geschieht nicht nur in Sätzen, festgemeißelt in Stein, sondern er will mitgenommen und gelebt werden. Er geschieht im Gespräch, in der Bewegung, im Alltag. Und doch ist dafür auch ein gewisser Stillstand nötig. Am Übergang.

Bleibt im Jordan stehen! So hört Josua plötzlich das Wort Gottes: Sage den Priestern: „Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan still stehen.“ Aber ist das überhaupt machbar? Mitten im Chaos inne zu halten, zu stoppen, nichts zu tun?
Das, was hier in dieser alten Geschichte geschildert wird, lässt sich gut auf unser eigenes Leben übertragen, auf unsere Übergänge, auf unser eigenes Chaos, auf Situationen, wo wir nicht mehr weiterwissen und vielleicht neue Orientierung brauchen.

Ich selbst mache immer wieder die Erfahrung, dass es mir in unübersichtlichen Situationen so geht, dass ich unbedingt einen Moment der Stille und des Innehaltens brauche. Wenn ich Stress habe und sich die Gedanken in meinem Kopf überschlagen und ich nicht weiß, was ich zuerst machen soll, gerade dann tut es mir gut, mich hinzusetzen und tief durchzuatmen, inne zu halten und den Moment wirken zu lassen: was tue ich da gerade, was ist wirklich wichtig, was trägt mich, woran kann ich mich festhalten, was ist der nächste Schritt.

Die Versuchung ist groß, sofort immer irgendwas machen zu wollen und eigentlich habe ich zum Innehalten und hinsetzen ja auch gar nicht richtig Zeit. Und trotzdem ist es genau das, was mir oft weiterhilft. Still stehen im Jordan, im Chaos, wenn die Wellen über mich hereinzubrechen drohen.

Vielleicht ist das Innehalten auch der stärkste Ausdruck dafür, dass es wirklich Gott ist, der vorangeht. Der mir helfen wird, einen Weg zu finden. Manchmal ist das auch ein Ringen, ein Suchen und Fragen. Oder ein dankbarer Rückblick. Oder auch die Freude auf das, was kommt, so wie ich vor einem gedecktem Tisch inne halte. Auf jeden Fall ein Hören. Da meint es jemand gut mit mir. Die eigene Bundeslade oder auch das eigene innere Schatzkästchen entdecken. Oder besser neu entdecken.

So wie vielleicht in der folgenden Begebenheit, die ich ebenfalls in dem Buch über die Stille gefunden habe: „Am Südpol haben die Amerikaner eine Basis gebaut. Wissenschaftler und Wartungsfachleute wohnen dort viele Monate lang, isoliert von der Umwelt. In einem Jahr feierten insgesamt 99 Bewohner dort Weihnachten. Einer von ihnen hatte 99 Steine in die Basis geschmuggelt, er verteilte sie dort unter seinen Kollegen als Weihnachtsgeschenk und behielt selbst auch einen Stein. Seit Monaten hatte keiner mehr Steine gesehen. Einige von ihnen seit über einem Jahr nicht mehr. Nur Eis, Schnee und von Menschen geschaffene Gegenstände. Alle saßen da und betrachteten und befühlten ihren Stein. Stumm hielten sie ihn in der Hand und spürten sein Gewicht.“ (S.26)

Die Stille, das Innehalten kann uns wieder zu einer neuen Wahrnehmung führen. Ja, ich habe einen Schatz in meiner Hand. Vielleicht sind das sogar die größten Augenblicke in unserem Leben, eigentlich unscheinbar, aber doch ist es so als ob die Zeit aufgehoben wäre. Ein Moment, in dem ich nur einen Stein betrachte und befühle, oder in dem meine Augen am Horizont verweilen und die Berührung mit dem Himmel genießen, oder wenn ich ganz einfach ein Kind in den Armen halte oder einen geliebten Menschen. Plötzlich erscheint ein kurzer Moment wie eine Ewigkeit. Die Zeit steht still, auch wenn ich natürlich weiß, dass sie unaufhörlich weiterläuft. Aber die Welt wird für einen Augenblick ausgesperrt, eine innere Ruhe und Stille breitet sich aus. Vielleicht so wie in der Geschichte: als das Volk Israel durch den Jordan zog und nicht nur die Füße der Priester still stehen, sondern auch das Wasser. Die Zeit, der Lebensfluss bleibt für einen Moment stehen. Ein Moment der Ewigkeit, so widersprüchlich, das auch klingen mag.
Und ein Gefühl, das sich nicht festhalten lässt, aber das ich trotzdem in meinem innerem Schatzkästchen aufheben kann.

Da erzählt eine Frau von ihrem Schatzkästchen. Als junges Mädchen sah sie es im Schaufenster stehen und hatte den Wunsch es besitzen zu wollen. Sie fing an, dafür zu sparen mit banger Sorge, dass dieses Kästchen einen anderen Käufer vor ihr finden könnte. Als sie das Geld nun endlich zusammen hatte, kaufte sie es, bracht es nach Hause, betrachtete es glücklich von allen Seiten und wollte es in Gebrauch nehmen. Da merkte sie: sie hatte überhaupt nichts Wertvolles, dem Kästchen Angemessenes, um es hineinzulegen. Ihr Konfirmationsuhr trug sie am Arm und anderen Schmuck besaß sie nicht. Das Kästchen blieb also lange Zeit leer und füllte sich erst viele Jahre später. Mit kostbaren Dingen ganz anderer Art: Nicht mit Gold oder Schmuck, sondern mit Wörtern, den ersten ungelenk geschriebenen Briefchen ihrer Kinder, Bekundungen ihrer Liebe…. Und in bestimmten Momenten der Stille nimmt sie sich nun die Zeit zum innehalten und lässt sich von diesen Worten wärmen und froh machen.

Ich vermute, dass einige von ihnen vielleicht auch so ein Schatzkästchen zu Hause haben, gefüllt mit Erinnerungen, kostbaren Worten. Und dass es sich lohnt in besonderen Momenten, diese Schätze neu zu entdecken. Auch die, die im eigenen Herzen verborgen sind. Vielleicht ist unser Herz ja auch das beste und größte Schätzkästchen, das wir haben, nur nehmen wir uns meistens nicht die Zeit und Ruhe, um unsere Schätze zu betrachten.

Für die Israeliten war damals die Bundeslade das Schatzkästchen. Mit Gottes Worten gefüllt. Und es ist kein Wunder, dass das Volk die Lade niemals aus den Augen lässt. Und dass sie beim Übergang über den Jordan vorangehen muss. Durchs Wasser hindurch in ein neues Leben. Denn ohne das Wort Gottes gibt es dort drüben kein wirkliches Leben.

Allerdings: ich will nicht verschweigen, was aus diesem Schatzkästchen im Laufe der Jahre geworden ist: Man wähnte es so kostbar, dass es hinter zig Mauern des Tempels ins Allerheiligste verschlossen wurde. Nur eine einzige Person, der Hohe Priester durfte einmal im Jahr diesen Bereich betreten, für alle anderen war der Zugang zu Gottes Wort Tabu. Da haben sich die Menschen durch ihre Religion mit ihren Zeremonien selbst den Zugang zu Gott abgeschnitten.

Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Kerstin Parscheid

Vielleicht stand genau deshalb 1500 Jahre nach dem ersten Josua ein neuer Josua im Jordan: Jesus. Er lässt sich im Jordan taufen und erneut geschieht ein Wunder: Der Himmel öffnet sich. Und Gott bekennt sich zu diesem Jesus als sein Sohn! Gottes Wort in Menschengestalt. Nicht mehr zwei leblose steinerne Tafeln, verschlossen in der Bundeslade, sondern mit uns auf du und du, ganz und gar unmittelbar, frei zugänglich für jeden von uns. Überall. Genau das haben wir gerade erst zu Weihnachten gefeiert. Haben Tage der Stille gehabt, in denen uns vielleicht genau dieses Geheimnis wieder bewusst geworden ist: Gott will bei uns wohnen, in unserem Herzen.

Und genau das ist für mich auch der wesentliche Punkt in dieser alte biblischen Geschichte von der Überquerung des Jordans: Stillstehen und bewusst wahrnehmen, dass Gott da ist.

Zur Zeit ist die Stille, das Einüben der Achtsamkeit ja wieder unglaublich modern. Nicht, dass die Stille wieder mehr in unseren Alltag eingebettet wäre, das nicht, unser Leben ist lauter als je zuvor. Es ist kaum möglich, wirklich alle Geräusche auszusperren und sich vor den ganzen medialen Einflüssen abzuschotten und vor allem ist es wirklich schwer, auch die inneren Stimmen und Gedanken abzuschalten. Aber das ist meiner Meinung nach auch gar nicht nötig. Wir müssen keine Meditationskurse belegen, Entspannungsübungen absolvieren und uns coachen lassen, damit wir reibungsloser funktionieren und den Alltagsstress und Arbeitsalltag besser bewältigen. Erst gestern habe ich dazu in einer Zeitschrift noch einen Artikel gelesen, in dem es um Meditation als Burnoutprophylaxe geht: Nur noch kurz die Seele retten, war die Überschrift. Nicht, dass solche Übungen nicht auch ihren Sinn hätten, aber um Gott geht es da nicht, und ich glaube: das, was die Bibelgeschichte uns heute sagen will, ist ohnehin viel einfacher:

Da geht es nicht um irgendwelche noch zu erlernenden Techniken oder Methoden, sondern einfach nur ums Innehalten, Stillstehen bei dem, was wir ohnehin täglich machen. Die Stille, in der ich Gott näher komme, kann überall auftauchen – direkt vor meiner Nase, wenn ich bewusst langsam eine Treppe hinaufgehe, aus dem Fenster schaue, oder mich einfach darauf konzentriere wie ich atme. Wenn ich im Gottesdienst sitze oder in mein inneres Schatzkästchen anschaue. Und oft sind es gerade diese Momente, dir mir gut tun, bevor ich mich in stressigen Situationen, bei Problemen oder hohen Anforderungen wieder verliere.

Ja, wir stehen mit Josua im Fluss. Vor uns liegt das neue Jahr und mit ihm das Leben, das wir noch vor uns haben. Wir wissen noch nicht wie wir hinüber bzw. hindurch kommen. Es gibt Fragen und Zweifel. Aber mit uns geht das Wort, Gott selbst und wenn wir innehalten, werden wir ihn auch hören:

Ich finde Wege für dich. Du kannst mir Vertrauen. Deine Zeit steht doch in meinem Händen. Und deshalb kannst du ruhig sein. Amen

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