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Predigt

24.02.2019

Arbeiter im Weinberg

Mattheus 20, 1-16

„Paul ist acht Jahre alt. Paul braucht Geld: 6,50 €. Er möchte sich dafür etwas kaufen. Verdienen kann er noch nichts. Bitte sagen mag er nicht. Da fällt ihm etwas ein: Er schreibt seiner Mutter eine Rechnung:

  · für das Anziehen der kleinen Schwester 1,50 €
  · für das Aufpassen 2,00 €
  · fürs Einkaufen 3,00 €
  · macht zusammen 6,50 €

Vor dem Mittagessen legt er diese Rechnung heimlich unter den Teller der Mutter. Mutter findet den Zettel. Sie liest ihn. Sie schaut Paul an. Sie sagt kein Wort. Sie legt den Zettel in die Kommode. Paul weiß gar nicht, was er davon halten soll. Er ist ganz aufgeregt.
Am Abend liegen unter seinem Teller zwei kleine Briefe. In dem ersten Brief sind 6,50 €. In dem anderen Brief liegt ein Zettel: Rechnung von der Mutter:

  · für Essen und Trinken 0,00 €
  · fürs Waschen und Bügeln 0,00 €
  · für die Pflege bei Krankheit 0,00 €
  · für Erziehung 0,00 €
  · fürs Liebhaben 0,00 €
  · macht zusammen 0,00 €

Als Paul das liest, wird er sehr nachdenklich. Leise steht er auf und geht in die Küche. Leise legt er das Geld auf den Küchentisch. Dann geht er schnell wieder hinaus.“

Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Hajo Gottwald

Eine Begebenheit, die verdeutlichen kann, worum es auch in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg geht. Denn Paul rechnet wie die Arbeiter, die am Ende eines langen Arbeitstages vor dem Verwalter des Weinberges in der Schlange stehen und auf die Auszahlung ihres Lohns warten. Paul möchte, dass seine Arbeit gerecht bewertet wird, er versucht den Wert seiner Arbeit selber abzuschätzen. Auch die Arbeiter im Weinberg haben gearbeitet, um einen gerechten Lohn zu erhalten. Vor allem die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, sie wissen genau, was vereinbart ist. Aber dann kommt die Lohnauszahlung: allerdings sowohl in dem Gleichnis als auch in der Geschichte von Paul und seiner Mutter mit einer überraschenden Wendung.
Die Mutter zählt ihre Leistungen genauso wie Paul auf, kommt aber in der Summe zu einem ganz anderen Ergebnis. Denn sie liebt Paul und deshalb rechnet sie nicht auf. Die Mutter verschenkt das, was sie hat. Und auch der Weinbergbesitzer entlohnt nicht nach Leistung. Sondern er gibt jedem so viel, dass er genug hat, um durch den nächsten Tag zu kommen. Ihm ist es wichtig, dass es allen gut geht.

Dass die Mutter ihre Leistungen, ihr Handeln in der Familie und für die Familie verschenkt, ist für uns alle selbstverständlich. Der Weinbergbesitzer dagegen verletzt mit seiner Art der Lohnauszahlung unser Gerechtigkeitsempfinden. Nach unseren menschlichen Maßstäben ist es einfach ungerecht, dass alle, egal wie lange sie gearbeitet haben, den gleichen Lohn erhalten.

Die Geschichte vom Weinbergbesitzer ist eben eine Himmelsgeschichte. Sie erzählt vom Reich Gottes. Vom Leben mit Gott. So ist es bei Gott. Sagt Jesus mit diesem Gleichnis im Matthäusevangelium.

Aber im Himmel, bei Gott, muss es doch gerecht zugehen? Jedenfalls stellen wir uns das so vor. Wenn schon nicht auf Erden, dann doch wenigstens im Himmel. Und da ist es ganz klar, dass diese Geschichte erst einmal Widerstände hervorruft. Von klein auf, haben wir doch gelernt, was gerecht und was ungerecht ist! Schon kleine Kinder achten darauf, dass kein Kind mehr bekommt. Da wird jedes Gummibärchen, jedes Stück Schokolade abgezählt und geteilt. Wer sich mehr nimmt, auf den sind die anderen sauer. Alle müssen das gleiche erhalten, sonst ist es ungerecht.
Andererseits ärgern wir uns bei dem Gleichnis gerade darüber, dass alle gleich behandelt werden. Weil Gerechtigkeit, so wie wir sie verstehen, eben auch immer etwas mit Leistung und Gegenleistung zu tun hat. Und wenn Leistung und Gegenleistung nicht miteinander übereinstimmen, empfinden wir es als ungerecht.
Und so bemühen wir uns ein Leben lang, gerecht zu sein, merken aber immer wieder, dass es nicht gerecht zugeht. Es gibt einfach keine Gerechtigkeit. Beispiele dafür gibt es genug: Geschwisterkinder, die von ihren Eltern nicht gleich behandelt werden, das jüngere Kind darf schon viel früher das machen, was das Ältere erst später durfte; Schüler, die ihre Noten als ungerecht empfinden, wenn zB. der, der viel gelernt hat, schlechter abschneidet, als die, die alles aus dem Ärmel schütteln, und welcher Arbeitslohn ist heute schon gerecht? Warum verdient beispielsweise ein Manager mehr als eine Krankenschwester oder eine Erzieherin? Hat er wirklich so viel mehr Verantwortung?

Es geht nicht gerecht zu in dieser Welt; und deshalb erinnert mich auch das Gleichnis nicht unbedingt an den Himmel, sondern eher an eine nur allzu weltliche Situation: Die, die zuletzt kommen, haben das größte Glück, Ich stehe schon eine ganze Zeit in einer lange Schlange im Supermarkt und dann wird plötzlich eine neue Kasse aufgemacht und die Leute die hinter mir stehen oder gerade erst kommen, gehen geradewegs zur neu aufgemachten Kasse und sind sofort dran! Und ich muss immer noch warten.
Und so soll es nun auch im Himmelreich sein? Die , die zuletzt kommen, haben das größte Glück. Was ist daran das Himmlische?
Gut, ein bisschen klingt es nach Himmel, wenn ich mir klar mache, dass ein Denar /Silberstück doch ein ganz guter Tageslohn ist. Mit einem Denar habe ich genug, soviel eben wie eine Kleinfamilie zum Leben für einen Tag braucht. Geizig ist Gott also nicht – das kann man nicht sagen. Er sorgt dafür, dass alle Arbeiter genug haben, aber reicht das für eine Himmelsgeschichte?

Der Weinbergbesitzer hat irgendwie keinen Plan, er scheint nicht zu wissen, wieviel Leute er braucht, wenn er immer wieder neu losgeht, nach drei, sechs, neun und elf Stunden heuert noch einmal neue Arbeiter an. Wusste er nicht, dass die Arbeit im Weinberg unendlich zu sein scheint?
Und soll das denn das Himmlische an dieser Himmelsgeschichte sein – dass Gott losgeht und immer wieder losgeht und noch einmal losgeht?
Immerhin findet er jedes Mal neue Arbeiter. D.h. auch die Männer und Frauen, die kurz vor Sonnenuntergang angestellt werden, stehen zwar den langen Tag untätig herum, bevor Gott sie anspricht. Aber irgendwie scheinen sie ja die Hoffnung nicht ganz aufgegeben zu haben, sie sind nicht nach Hause gegangen, haben darauf gewartet, dass da noch was kommt. Sie warten, weil das Leben so nicht alles gewesen sein kann.Ist das denn das Himmlische an dieser Geschichte: auf der Suche zu sein? wenn man nicht aufgibt und weiter darauf hofft, beim nächsten, übernächsten oder überübernächsten Mal doch noch dazu zu gehören? So gesehen klingt die Geschichte jetzt doch ein wenig nach Himmel.

Und die Letzten müssen sich tatsächlich wie im Himmel gefühlt haben. Sie haben mit einer Stunde Arbeit mehr als genug zum Leben verdient. Die Stunden der Sehnsucht, die verzweifelte Angst, einen vergeblichen Tag hinter sich bringen zu müssen, alles wurde der Arbeit im Weinberg gleichgestellt und genauso bezahlt. Als ob ihr Leid über ihr untätiges Warten honoriert wurde. Die Wiederherstellung der Würde durch einen Denar. Am Ende also doch genau das zu bekommen, was ich brauche. Das ist der Himmel, das ist Gott.

Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Kerstin Parscheid

Im Himmel geht es also anders zu. Mit Leistung, mit frommen Gedanken und Gebeten können wir Gott nicht beeindrucken. Und die, die schon immer zu Gott gehalten haben, sitzen im Himmel nicht auf bequemeren Plätzen, im Himmel gibt es keine Hierachie. Im Himmel zählt nur noch bei Gott zu sein. Nicht wann man gekommen ist, sondern dass man gekommen ist. Noch in letzter Minute geht Gott los und engagiert, wer auch immer voller Sehnsucht ist. Und die wird sich erfüllen, genau dann, wenn der Weinbergbesitzer Gott vorbei kommt und sagt: „Los, komm, da ist der Weinberg, mache dich auf. Du wirst satt werden, du wirst genug bekommen, du wirst das Leben finden. Du wirst bei mir sein und alles andere wird unwichtig. Nichts kann dich mehr von meiner Liebe trennen.“ Egal zu welcher Stunde Gott das sagt, es klingt nach Himmelreich.

Und wer sich darüber nicht freuen kann, muss sich die Frage gefallen lassen: Bist du etwa neidisch, weil ich gütig bin?

Im Gleichnis haben diejenigen, die sich beschweren, ja auch Glück gehabt. Das Glück, gleich eine Arbeit gefunden zu haben Sie haben nur den Fehler gemacht, sich mit den anderen zu vergleichen. Hätten Sie das nicht getan, so wären sie zufrieden gewesen mit dem, was sie ausgehandelt hatten. Ein Denar, oder ein Silbergroschen, so war es abgemacht und daran hat sich der Weinbergbesitzer ja auch gehalten.

Nicht zu vergleichen und anderen auch etwas zu gönnen, ist eine feine Kunst. Eine Herausforderung. Auch im Supermarkt, wenn ich an der Kasse stehe. Und ich sehe, da wird eine Kasse geöffnet und die anderen sind eher dran als ich. Vielleicht hilft dann die Erinnerung an dieses Gleichnis, und ich kann das kleine Glücksgefühl, schneller als die anderen bedient zu werden, auch den anderen gönnen und mich einfach mitfreuen.
Vielleicht ist ja auch das schon ein kleines Stück Himmel auf Erden?

Gottes Gerechtigkeit ist eine andere als die nach Lohn und Leistung. Sie ist mehr als gerecht. Sie ist Liebe.
Und manchmal können wir in unseren Beziehungen eben auch etwas von dieser Liebe spüren. Gott sei Dank. So wie bei der Mutter von Paul in unserem Eingangsbeispiel. 0,00 € heißt es da. Liebe kostet nichts. Sie ist unverdient und unbezahlbar.
Bei der Mutter bezieht sich das vor allem auf Paul. Bei Gott bezieht sich das auf alle Menschen. Auch auf den, der zuletzt kommt. Und da ist es doch wirklich gut, dass Gott gerade nicht gerecht ist. Denn wer kann sich schon sicher sein, dass er im Weinberg Gottes zu den ersten gehört?
Das ist das Faszinierende an der Liebe Gottes. Sie lässt sich nicht einengen oder in eine bestimmte Richtung kanalisieren. Und da dürfen auch wir nicht den Fehler machen, dass wir zu wissen meinen, was richtig und und was falsch ist, um von Gott geliebt zu sein. Schon gar nicht, wenn wir in der versuchung sind, über unsere Mitmenschen zu urteilen. Über ihren Glauben, ihr Verhalten usw... Was wir in diesem Gleichnis entdecken können, ist wirklich Gottes überraschende Großzügigkeit:
Eine Liebe, die man sich nicht verdienen kann, sondern nur ersehnen, annehmen, sich freuen und weitergeben.

Amen

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