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Predigt

01.03.2019

Johannes 6, 35. 60-61. 66-69

Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?
Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß?
Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.
Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Hajo Gottwald
Es war ein ziemlich gewöhnlicher Sonntagnachmittag vor einigen Jahren: Wir sitzen im vertrauten Freundeskreis zusammen und kommen auf Michaela zu sprechen. Wann haben wir sie das letzte Mal im Jugendkreis oder in der Gemeinde gesehen? Vor mehreren Monaten, so stellen wir fest. Sie hat – wie ich später erfahre – mit dem Glauben nichts mehr am Hut.

Diese Erfahrung, beschrieben von Tom Bisset, die wir auch aus eigenem Erleben kennen - wir könnten da ganz andere Namen einsetzen – wird zum Anlass für ein Buch. „Warum jemand nicht mehr glauben kann“. Tom Bisset schreibt: Eine liebe Person aus meiner Gemeinde hatte sich schon seit Monaten – innerlich vielleicht schon seit Jahren – von der Gemeinde und von Gott entfernt und keiner hatte es bemerkt. Wie traurig! Ich frage mich: Warum wendet sich jemand vom Glauben ab? Jemand, der einst mit voller Überzeugung Jesus nachfolgte. Wie kann so etwas sein?

Die Gründe sind natürlich vielfältig. Aber einen Grund will ich heute etwas näher beleuchten: Enttäuschungen. Enttäuschungen sind nichts Neues, sondern gab es schon zu biblischen Zeiten. Wir haben vorhin einen Ausschnitt aus dem Johannesevangelium gehört. „Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.“
Was ist passiert? Ich will die Vorgeschichte kurz erzählen. Die Speisung der 5000, die Geschichte kennt ihr, Jesus hat 5000 Menschen mit 5 Broten und 2 Fischen satt gemacht. Und 12 Körbe Brote bleiben übrig. Was für ein großartiges Wunder! Klar, dass das die Massen begeistert und Erwartungen weckt. Nun wollen sie Jesus zum Brotkönig machen. Er scheint ein Garant zu sein für Brot ohne Ende, für ein sorgenfreies Leben, für Zukunft ohne Angst. Doch für Jesus ist klar: Die Begeisterung bezieht sich nicht auf ihn selbst, sondern wichtig ist nur, dass bestimmte Bedürfnisse befriedigt werden. Also macht er, dass er schnell von den begeisterten Menschenmassen wieder weg kommt, die ihn vor ihren Karren spannen wollten. In Kapernaum geht er in die Synagoge, einem Ort wo Gott König ist und wo sich niemand erlauben würde, einen Brotkönig auszurufen. Aber so schnell wollen die Leute wohl nicht aufgeben, sie sind ihm gefolgt, zu nah scheint ihnen mit Jesus das Paradies: Brot in Hülle und Fülle. Also ergreift Jesus in der Synagoge das Wort und stellt ein für alle mal klar: Ich selbst bin das Brot, das Brot des Lebens – und kein König, der Brot verteilt!
Mit anderen Worten, wer bei ihm sein will, muss ihn essen und trinken, ihn selbst in sich aufnehmen. Das griechische Wort, das hier benutzt wird, heißt auf Deutsch soviel wie zerkauen. Jesus kauen, Jesus verinnerlichen.

Diese sogenannte Brotrede (ein ganzes Kapitel bei Johannes) war für viele, die sie hörten, wohl zu viel, zu extrem! Auch für einige seiner Jünger. So hatten sie es sich mit Jesus nicht vorgestellt. Er sollte doch Wunder vollbringen, Menschen heilen, und dafür sorgen, dass es genug zu essen gibt. Also unsere menschlichen Bedürfnisse befriedigen. Und nun das: Wie sollte man sich das vorstellen? Jesus essen und kauen. Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, mein Blut ist der wahre Trank. Und wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.

Einige, die das hörten, sagten daraufhin: Das ist eine harte Rede; Und viele seine Jünger wandten sich ab. Enttäuschung machte sich breit. Sie waren sich eigentlich sicher gewesen: den Brotkönig sollte man sich warm halten. Und so ganz abwegig ist der Gedanke ja auch nicht. Mit Jesus erhofft man, dass sich die eigenen Lebensumstände verbessern: Jesus sorgt dafür, dass es im Leben gut läuft, er hilft, die richtigen Freunde zu finden und den Traumpartner, dass man nicht krank wird oder jedenfalls schnell wieder gesund, dass das Geld reicht und das Leben um ein paar Prozente angehoben wird. Gut, das ist jetzt vielleicht etwas zugespitzt formuliert, aber im Grunde trifft das schon auf so manche Erwartung ans Christsein zu. Dass es mir dann einfach besser geht. Jedenfalls werden viele Glaubenszeugnisse auch so verstanden: Mit Jesus gelingt dein Leben, du hast keine Sorgen mehr, Liebe und Frieden sind vorherrschend. Und so kann Jesus schnell missverstanden werden als Brotkönig.
Und eine christliche Gemeinde als eine Traumgemeinde, wo man sich einfach nur wohl fühlen will.

Jesus entzieht sich aber unseren Erwartungen, indem er eben kein Leben verspricht, das immer besser, komfortabler und bequemer wird. Und auch eine christliche Gemeinschaft ist kein Paradies, wo immer alles friedlich und harmonisch zugeht und mir die Menschen so sympathisch sind, dass ich mich am liebsten mit allen anfreunden würde. Ganz im Gegenteil: wer Jesus in sich aufnimmt, der bekommt das ganze Paket mit allen Herausforderungen. Und eben auch Enttäuschungen.

Bonhoeffer beschreibt das ganz gut in dem Ausschnitt, der in unserem Buch abgedruckt ist, bei Tag 12, Enttäuschungen. „Unzählige Male ist eine ganze christliche Gemeinschaft daran zerbrochen, das sie aus einem Wunschbild heraus lebte… Die große Enttäuschung über die Andern, über die Christen im Allgemeinen und, wenn es gut geht, auch über uns selbst, muss uns überwältigen...“ und Bonhoeffer bezeichnet dies als Gnade. Mit anderen Worten: Es kann gar nicht anders sein, als das wir auch enttäuscht werden, es ist eine Notwendigkeit, weil nur so uns Gott zur Erkenntnis echter christlicher Gemeinschaft führt. Bonhoeffer hat da also einen recht realistischen Blick und weiß, dass im menschlichen Miteinander Enttäuschungen nicht ausbleiben. Aber er sieht eben darin keine Katastrophe, sondern vielmehr eine große Chance. Denn erst dann wird deutlich, was eigentlich die Basis einer christlichen Gemeinschaft ist.

Am Mittwoch, als der Tag12 aus dem Buch zum Lesen dran war, haben wir auch lange in unserem Hauskreis darüber diskutiert. Wir haben überlegt: was macht denn unsere christliche Gemeinschaft aus und haben festgestellt: Wir sind kein Freundeskreis, obwohl durchaus auch freundschaftliche Beziehungen innerhalb des Kreises existieren, aber das ist nicht der Grund, weshalb wir alle zwei Wochen zusammensitzen. Eine von uns sagte: Wir sind eine Interessengemeinschaft. Also unser gemeinsames Interesse verbindet uns und nicht die Sympathie. Nicht, dass Sympathie füreinander nicht auch vorhanden wäre, sie ist mal mehr und mal weniger gegeben. Aber wer im Hauskreis oder in einem andern Gesprächskreis, auf einer Freizeit oder anderen gemeindlichen Gruppierungen nur mit ihm sympathischen Menschen zusammen sein will, wird wahrscheinlich schnell enttäuscht werden. Gerade in einer Gemeinde kommen ja auch Menschen zusammen, die an anderen Orten womöglich Schwierigkeiten haben. Weil sie vielleicht nicht zu den Erfolgreichen und Starken gehören, sondern Schwächen oder eine gebrochene Biographie deutlich sichtbar sind. Aber so soll es ja auch sein: Dass gerade eine Gemeinde nicht nach Perfektion, Leistung und besonderen Stärken fragt, sondern sich wirklich jeder willkommen fühlen darf. Natürlich dürfen oder sollen auch Stärken und Gaben eingebracht werden, aber das ist keine Bedingung für die Zugehörigkeit.

Das, was eine christliche Gemeinschaft ausmacht, ihr Hauptinteresse, ist, so schreibt es Bonhoeffer: dass wir in Christus zu einem Leib zusammengeschlossen sind. Ein Christ kommt zum andern nur durch Jesus Christus.
Das ist für unsere christlichen Ohren vielleicht gar nicht so eine besondere Erkenntnis, ich bin mir sicher, dass ihr diese Formulierungen schon einmal gehört habt, wenn ihr öfter im Gottesdienst seid. Aber was heißt das eigentlich genau? In Christus. Durch Christus. Oder: Christus verbindet uns. (Gefahr: fromme Worthülsen)

Einen ersten Anhaltspunkt gibt uns da noch einmal der Bibeltext, den wir vorhin gehört haben: Als sich viele seiner Jünger von Jesus abwandten, fragte dieser die zwölf : Wollt ihr auch weggehen? Und einer, Simon Petrus, antwortet: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Und wir haben geglaubt und erkannnt: Du bist der heilige Gottes.
Zwölf seiner Jünger bleiben also (interessant: es gab damals mehr als zwölf Jünger) und einer spricht es aus und bekennt sich ausdrücklich zu dem, was ihm Jesus bedeutet: Worte des Lebens, Brot des Lebens, der Heilige Gottes.
Entscheidend ist dabei vielleicht gar nicht so sehr, was Petrus da eigentlich sagt, wer die Bibelgeschichten mit Petrus kennt, weiß, dass Petrus auch schnell etwas rausposaunt, - wichtiger noch ist das Verhalten. Die 12 Jünger bleiben. Sie gehen nicht wie die anderen weg. Und das ist letztlich auch das erste, was eine christliche Gemeinschaft ausmacht. Nicht bei Schwierigkeiten und Enttäuschungen weg zu laufen. Sondern sich ihnen zu stellen. Das heißt nicht: aushalten oder das Deckmäntelchen rüberhängen oder die Unstimmigkeiten zu ignorieren.
Bonhoeffer betont es anderer Stelle wie wichtig gerade die Ehrlichkeit voreinander ist. Da haben wir z.B. am Freitag das Kapitel über die Beichte gelesen. Die Beichte als ein seelsorgliches Gespräch, indem einer dem anderen sein konkretes Versagen bekennt und Vergebung zugesprochen bekommt. Die Beichte muss dabei keine besonders liturgisch geprägte Form haben, sondern es geht dabei um das ehrliche Aussprechen; wenn Dinge benannt werden, verlieren sie oft ihre zerstörerische Macht. Zugleich wird die Einsamkeit überwunden. die Gemeinschaft gestärkt. Bonhoeffer schreibt: „Der Bruder (wir würden heute ergänzen: die Schwester) ist uns zur Hilfe gegeben, er hört unser Bekenntnis an Christi statt und vergibt uns an Christi Statt.“
Kurz gesagt: Einer wird dem anderem zu Christus. Ein Gedanke, der ziemlich klar das zusammenfasst, wenn wir sagen, wir begegnen einander in Christus: Einer wird dem anderen zu Christus. Vielleicht klingt das auf den ersten Blick etwas überheblich oder zu dick aufgetragen. Aber das Geheimnis dahinter ist doch, dass das auf alle, die zu einer christlichen Gemeinschaft gehören, zutrifft. Nicht auf einige wenige, die angehimmelt werden wollen bzw. auf andere herabschauen. Auch Bonhoeffer hat, als er das Predigerseminar in Finkenwalde geleitet hat, ein Ort, wo junge Theologen zu Pfarrer ausgebildet wurden, bei seinen Schülern gebeichtet.
Die Begegnung in Christus ist also eine Begegnung auf Augenhöhe. Und eine Begegnung in Liebe.
So wie uns Jesus in der Bibel begegnet, so wie er seinen Jüngern begegnet, so begegnen auch wir einander.
Natürlich sind da Enttäuschungen vorprogrammiert, die können gar nicht ausbleiben. Aber es geht auch gar nicht um Vollkommenheit und Perfektion, sonst würde Bonhoeffer auch nicht die Themen Beichte und Vergebung so groß schreiben. Sondern es geht ums Bleiben. Ums dabei Bleiben. Sonst könnte auch gar keine Gemeinschaft entstehen. Wenn wir uns nicht aufeinander verlassen können, dass der andere da ist. Und die Haltung auf die es dabei ankommt, ist nicht das Fordern, sondern das Danken und Empfangen. Die Gemeinschaft in Christus kann nicht eingefordert werden, sondern sie ist schon längst da, sie kann höchstes entdeckt und neu wahr genommen werden.
Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Kerstin Parschat
Für Bonhoeffer war das natürlich besonders wichtig in der Zeit des „Kirchenkampfes“, als er sich mit anderen im Rahmen der Bekennenden Kirche gegen die Deutschen Christen und die Verfälschung des Glaubens wandte. Da zählte der Austausch mit Gleichgesinnten ganz besonders. Die Deutschen Christen hatten das Ziel, eine nach dem Führerprinzip gestaltete Reichskirche zu schaffen, die kirchliche Botschaft zu entjuden, d.h. das Alte Testament herauszulösen und auch das Neue Testament zu verändern und umzudeuten, Hitler wurde als eine von Gott eingesetzte Führerfigur gesehen. Angesichts dieser ideologischen Unterwanderung der Kirche war es ungeheuer wichtig, sich immer wieder auf die Bindung an Jesus Christus zu besinnen, als alleiniger Herr, als das eine Wort Gottes. Das Brot des Lebens.

Das ist das, was unsere Interessengemeinschaft ausmacht, Und Bonhoeffer war davon überzeugt, dass sich erst in Krisensituationen wirklich zeigt, ob sich eine christliche Gemeinschaft nur auf der zwischenmenschlichen Ebene abspielt, oder ob sie sich immer wieder um Christus herum sammelt, sich auf ihn hin ausrichtet und ehrlich voreinander wird.

Bonhoeffer lebte zwar in einer anderen Zeit, dennoch steckt in seinen Gedanken viel Wahres und vielleicht lässt sich damit auch ganz gut erklären, warum es immer wieder Menschen gibt, die der Gemeinde nach einiger Zeit den Rücken kehren oder vielleicht sogar gar nicht mehr glauben können. Da haben Menschen wahrscheinlich nie erfahren, was der Glaube, das Leben in einer christlichen Gemeinschaft über die zwischenmenschlichen Beziehungen hinaus sein kann. Die Erwartungen wie ein christlichen Leben und Miteinander auszusehen hat, waren vielleicht einfach zu hoch und die Verletzungen entsprechend zu groß. Große Worte und wenn es hart auf hart kommt, steht man plötzlich alleine da. Oder es wurde nicht ehrlich und offen miteinander geredet, es gab kein Antworten auf Fragen des Zweifels. Oder die Glaubenssätze, die man gehört oder anderen gesagt hat, wurden nie für sich selbst in Anspruch genommen nach dem Motto: Gottes Liebe ist groß – ja, grundsätzlich mag das stimmen, aber kann ich das auch für mich glauben?
Aber – und das ist jetzt die gute Botschaft:
Wenn Menschen weggehen, muss das kein endgültiger Schlussstrich sein. Bisset schreibt in seinem Buch, dass 85% derjenigen, die in einem christlichen Elternhaus aufwachsen und dem Glauben den Rücken kehren, eines Tages wieder zurückkommen. Und die meisten Rückkehrer berichten, dass ihre Prägung sie nie ganz losgelassen hat.
Letztlich haben wir es nicht in der Hand, ob Menschen bleiben oder zurückkommen; wir können nur einladen, ermutigen, begleiten, aber Gott kann das Herz eines Menschen verändern. Manchmal lässt er Dinge zu, die wir nicht verstehen, aber er macht auch das scheinbar Unmögliche möglich. Ich habe es jedenfalls schon erlebt, dass Menschen nach langer zeit wieder zu ihrem Glauben zurückgefunden haben. Sie in der Tiefe ihres Herzen also doch bei Christus geblieben sind, vielleicht weil sie gemerkt haben, auch wenn ich weggehe, lässt Gott mich dennoch nicht los.

Amen

 

 

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