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Predigt

Siri, Alexa und Co

extra-3-Video "Siri, Alexa und Co"

Abendgottesdienst am 5. November 2017

„Gott ist wie Siri?“

Das ist ja schon ’ne lustige – und zugleich erschreckende Vorstellung: Wie ist das mit künstlicher Intelligenz? Wie ist das mit diesen faszinierenden kleinen, süßen Alltagshilfen?

Pfarrer Uwe Flaig „Alexa, spiel mir das Lied XY!“ „Alexa, mach das Licht heller“. Und das Teil antwortet auch noch. In der Phantasie der Technikentwickler bieten sich phantastische Möglich-keiten.
Der Kühlschrank, der selber seinen Bestand kontrolliert und eigenständig die Salami nachbestellt. Damit wir uns schöneren Dingen zuwenden können. – Oder noch mehr arbeiten können.
Und wo ist der Punkt, wo diese Dinge sich verselbständigen und anfangen, die Kontrolle zu übernehmen? Oder wo jemand, der dahintersteht, anfängt, die Kontrolle zu übernehmen?

In China führt die kommunistische Partei ein Zahlungssystem per Handy-App ein. Das ist sehr praktisch. Aber das registriert auch, wenn du Tempolimits überschreitest, oder dir sonst was zuschulden kommen lässt.
Intelligente Kameras mit automatischer Gesichtserkennung gehören dazu. Das führt irgendwann dazu, dass auch deine Treue zur Partei in deine Kreditwürdigkeit mit einfließt.
Die versuchen also tatsächlich die Utopie von George Orwell „Big brother is watching you“– der gläserne Mensch, mit modernster Technik in die Wirklichkeit umzusetzen.

Was uns in der Vorbereitung an diesem Video aber dann noch mehr gereizt hat, das ist die Frage, ob und inwieweit Gott eigentlich so ist wie diese Geräte in dem Video? Ist Gott solch ein hilfreicher Dienstleister wie Siri, Cortana und Alexa? Ist Gott jemand, der dafür da ist, unser Leben leichter und einfacher zu machen?
Oder ist Gott mehr wie der große Bruder, der alles sieht und mich in allen Bereichen meines Lebens kontrollieren will, sodass es logischerweise darauf ankommt, sich dieser Kontrolle zu entziehen, wie diese Familie, die Siri & Co. den Strom klaut, um unbeobachtet miteinander reden zu können?
Ist Gott so ein Dienstleister, der dafür da ist, unser Leben leichter zu machen? Wer würde sagen ja??? Wer würde sagen nein??? Wisst ihr, was mit großem Abstand der beliebteste Taufspruch ist?
„Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“
Gut 50 % der Eltern, die ihr Kind taufen lassen, wählen diesen Spruch aus.
Ich hab mal in einem Taufgespräch spontan und ehrlich nachgefragt: „Glaubt ihr denn im Ernst, dass das so funktioniert? Wir taufen euer Kind jetzt und dann sorgt Gott dafür, dass eurem Kind nichts mehr zustößt?“
Die Antwort war genauso ehrlich: „Nein, natürlich nicht… Aber schön wäre es doch.“ Versteht ihr mein unterschwelliges Unbehagen bei diesem Satz als Taufspruch? Und doch steht er in der Bibel.
Und Gott hat seinen Menschen diese Zusage gemacht. Oder? Ist Gott also doch ein Dienstleister? Das würde vielleicht erklären, warum Menschen sich irgendwann von Gott abwenden:
„Gott, ich bin nachts barfuß auf einen Legostein getreten, den meine Kinder im Flur haben liegenlassen. Das hat richtig weh getan. Du hast das Versprechen aus deiner Werbung nicht eingehalten. Und deswegen kündige ich dir jetzt und trete aus der Kirche aus.“
Das war jetzt scherzhaft. Obwohl, so ein Legostein ist ja per Definition ein Stein. Und das kann durchaus weh tun, wenn man da drauftritt.
Aber das tieferliegende ist doch: Wenn ich Gottes Bedeutung für mich vor allem als Dienstleister verstehe, dann kann ich schon mal schnell an den Punkt komme, dass ich sage:
„Gott, du hast deinen Job nicht gemacht. Ich kündige!“
Ich hoffe, dass euch bei diesem Gottesbild irgendwie unwohl ist.
Jetzt das andere: Big brother – Gott als die große Instanz, die alles sieht und alles kontrolliert.  Ist Gott so? (Das war jetzt nur eine rhetorische Frage!)
In der Küche der Apostelkirche habe ich mal einen Zettel gelesen: „Der liebe Gott sieht alles – aber er petzt nicht!“
In der Bibel gibt es einen Psalm (139), da wird das durchdekliniert, was es heißt, dass Gott überall ist. Dass es im Universum keinen gott-losen Raum gibt. Ist das tröstlich? Oder erschreckend?
Die Erkenntnis, dass Gott jeden meiner Schritte kennt. Und jeden meiner Gedanken, noch bevor ich ihn ausgesprochen habe.
Hey, was denke ich nicht jeden Tag all für ’nen Scheiß?!
Kriegt Gott das wirklich alles mit? Das ist innerhalb des Alten Testaments ambivalent: Ob das wirklich was Gutes ist, dass Gott alles mitbekommt. Und dass wir ganz in seiner Hand sind.
Was ist denn das für eine Hand? Ist das, wenn es hart auf hart kommt, eine Faust? Oder ist die freundlich und weich? Wie sah denn die Hand von Jesus aus? War das die geballte Faust Gottes? Oder liebevoll ausgestreckt zu großen und kleinen Sündern wie dir und mir? Und am Ende am Kreuz? Seine Hand festgenagelt auf massive Eiche.
Da lässt Gott sich darauf festnageln, dass er niemals aufhören wird, uns zu lieben, egal wie unser Leben läuft und egal, was wir ihm noch antun werden. Am Montag stand in den Losungen der Satz: „Gott hat seinen eigenen Sohn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32) Das ist jetzt wirklich der Kern der Bibel.
Wie ist Gott? Gott schenkt uns seinen Sohn. In Jesus schenkt Gott sich selber. Und wenn er uns so liebt, wenn er zu uns hält, egal was ihn das kostet, dann gibt er für uns alles. „Wie sollte Gott uns mit Jesus nicht alles schenken?“ Also nicht nur Vergebung am Kreuz und ewiges Leben, sondern auch alles andere, was uns nottut. So wie ich mein Kind nicht nur knuddle, wenn ich es morgens zur Schule schicke, sondern ihm auch ein Butterbrot mitgebe.
Mit Jesus auch alles andere, weil Gott uns liebt. Das ist also ein Komplettpaket von Liebe. Gott gibt alles, gibt sich selbst, damit wir aufleben. Er kümmert sich um unsere Bedürfnisse (Butterbrot). Aber er geht dabei noch tiefer, als wir es gewohnt sind zu denken. Entscheidend tiefer. In der Bergpredigt redet Jesus über eins unserer Grundprobleme: Das Sorgen. Wir sind in unserem Leben permanent damit konfrontiert,
dass Leute an uns Ansprüche stellen. Das Leben stellt Ansprüche. Wir selbst auch. Nicht selten fühlen wir uns überfordert. Wir erleben Krisen, die wir uns nicht haben vorstellen können. Wir scheitern mit unseren Lebensplänen. Hoffnungen zerbrechen. Das Eis, auf dem wir uns bewegen, wird manchmal ziemlich dünn und brüchig. Und mit all dem machen wir uns Sorgen: Wie sollen wir das nur schaffen?
Wie soll das nur gutgehen? Wie bekomme ich das nur hin, was ich alles gerne möchte?
Luther hatte für diesen Zustand des Menschen einen interessanten Ausdruck: Homo incurvatus in se.  Der in sich selbst verkrümmte Mensch. Das Problem von uns Menschen war für Luther nicht, dass wir sündigen, indem wir zu viele Kalorien zu uns nehmen oder Tempolimits überschreiten. Sondern dass wir … um uns selbst kreisen: Ich und meine Probleme. Ich und meine Bedürfnisse. Ich will nicht untergehen. Ich will zurechtkommen. Ich will meine Dinge auf die Reihe bekommen.
Pfarrer Uwe Flaig So kreise ich vor mich hin. Ja. Und was macht Gott? Gott sorgt für uns. Es ist doch nicht so, dass Gott gerade auf Malle ist und drei Wochen seine Geschäfte ruhen lässt. Sondern Gott ist hier bei uns. An unserer Seite. Unsere Probleme sind auch seine Probleme. Das versucht Jesus in der Bergpredigt den Leuten zu sagen und zu zeigen: Gott hat dein Leben zu seinem gemacht. Er sorgt für dich. Gott möchte mit dir zusammen deine Probleme lösen. Oder sie wenigstens mit dir zusammen tragen und aushalten. So, und das ist der Schlüssel für ein neues Lebenskonzept! Mitten in diesem Kapitel, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, weil Gott für uns sorgt, steht der Satz: „Trachtet zuerst nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das andere alles zufallen.“ (Mt 6,33).
Ich lese diesen Satz immer von hinten nach vorne: Weil Gott für uns da ist, können wir unser Kreisen und Sorgen in Gottes Hand geben, können aus unserer Verkrümmung herausfinden, uns aufrichten …… … und entdecken, dass es da eine ganze Welt gibt, die Gott am Herzen liegt. Das ist der entscheidende Zusammenhang: Gott macht meine Anliegen ganz zu seinen, und ich kann Gottes Anliegen zu meinen machen. Und darin liegt die Befreiung zu einer neuen Art zu leben. Das nennt man „Bekehrung“, „Blickwechsel“, wie auch immer. Auf einmal fängst du an, dich und die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Luther nannte das den „fröhlichen Wechsel“: Gott macht deine Anliegen ganz zu seinen, damit du Gottes Anliegen zu deinen machen kannst.
Und das ist kein Deal, wo Gott ein bisschen was für dich tut, um dich dann umso mehr in der Hand zu haben. Sondern das sein Konzept, wie er uns aus unserem Kreisen um uns selbst herausholen und zum Leben befreien will.
2. Kor 5,15: „Christus ist deshalb für alle gestorben, damit die, die da leben, – also du und ich – für den leben, der für sie gestorben und auferstanden ist.“
Das ist das neue Leben: Gottzentriert zu leben. Jesuszentriert zu leben. Diese neue Art zu leben funktioniert nicht, solange ich noch in mich selbst verkrümmt bin. Solange ich meine Lasten im Wesentlichen alleine tragen will, solange wird alles Weitere letztlich doch nur als zusätzliche Last ankommen. Beten. Sch… jetzt muss ich auch noch beten. In den Gottesdienst gehen. Zu meinen Mitmenschen nett sein…
Aber was wäre, wenn ich erlebe: Christus ist wirklich ganz für mich, ist ganz an meiner Seite, stemmt sich mit unter meine Lasten und trägt mich, wenn ich nicht mehr kann?!
Ich wandere gerne in den Bergen. So ordentlich den Berg rauf. Aber ich bin halt ein Flachlandtiroler. Deshalb wandere ich am liebsten ohne Rucksack. Je mehr ich mit mir schleppen muss (Wasserflaschen etc.), umso beschwerlicher wird es. Wandern mit leichtem Gepäck, das ist mein Konzept. Wenigstens in den Bergen. Wie ist das in meinem Alltag mit Jesus? Bin ich bereit, ihm meinen Rucksack von Sorgen zu überlassen? Und wenn ich dann eine Weile so unbeschwert unterwegs bin, sehe ich dann, wie Jesus mir zuzwinkert und auf jemanden neben mir zeigt, der so erschöpft ist, dass er unter seiner Last fast zusammenbricht? Lass ich mich verleiten, die ganz naheliegende Frage zu stellen: „Darf ich mal?“?

Amen.

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