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Predigt

Predigttext: Lukas 19, 1-10

Manchmal genügt ein Wort, ...

... ein Satz, um ein Leben zu verändern. Bei Zachäus jedenfalls war es so.

Zachäus ist Zöllner in Jericho. Die Stadt liegt am großen Karawanenweg, der von Damaskus nach Arabien führt. Zachäus hat von den verhassten Römern, die das Land besetzt haben, ein Zollhaus gepachtet. Und so ist er nun der Chef dieser stark frequentierten Zollstelle, der Hauptverantwortliche also, der dafür sorgt, dass den Leuten ihr schwer verdientes Geld abgenommen wird. Er selbst lebt gut davon, er ist reich, heißt es. Vermutlich verlangt er von den Leuten mehr als diese zahlen müssten und steckt sich den Gewinn in die eigene Tasche. Aber: ich will ihm natürlich auch nichts unterstellen, Lukas schreibt das nicht so genau, und schließlich gibt es solche und solche Reiche: ehrliche, die hart arbeiten und solche, die lügen und betrügen. „Zachäus“ bedeutet: der Reine, der Gerechte – es ist schwer zu sagen, ob ihm sein Name etwas bedeutet, vermutlich sprechen die Leute ihn eher mit Verachtung aus, denn einer, der mit dem Besatzer gemeinsame Sache macht, ist bestimmt nicht gut angesehen. Aber wie es dazu gekommen ist, das erfahren wir nicht. Ob er nur seine Familie durchbringen wollte oder sich tatsächlich bei den Römern eingeschleimt hat, um Vorteile zu haben?
Über Zachäus wird schnell geurteilt, aber wenn auch wir das tun, muss uns klar sein, dass wir uns nicht groß von der Menge unterscheiden, die auf Zachäus herab sieht ohne genau zu wissen, was sich eigentlich für ein Mensch dahinter verbirgt.

Pfarrerin Maret Schmerkotte Er ist von kleiner Gestalt, das wissen wir, und kleine Menschen haben es nicht immer leicht. Vielleicht hat er wegen seiner Körpergröße Minderwertigkeitskomplexe? Und braucht deshalb das große Vermögen, um wenigstens etwas Respekt zu genießen? Denn wenn er schon äußerlich zu kurz gekommen ist, hat er vielleicht einfach nur Angst auch an anderen Stellen zu kurz zu kommen. Und wenn er schon als Person nicht viel zählt, dann jetzt wenigstens durch sein Geld... womöglich sucht er einfach nur nach Anerkennung und Ansehen, aber macht sich leider durch sein Verhalten nur noch unbeliebter.
Bei der Menschenmenge hat er jedenfalls keinen guten Ruf, sie bezeichnet ihn als Sünder, und wer für schlecht gehalten wird, der muss auch irgendwie schlecht sein. Aber Vorsicht, das ist immer nur die halbe Wahrheit...  

Die andere Wahrheit kommt jetzt: da offenbart sich eben doch noch ein ganz anderer Mensch! Als Jesus mit seinen Anhängern in die Stadt kommt, möchte Zachäus mit dabei sein. Das will er nicht verpassen, er will auch einen Blick auf diese Berühmtheit werfen. Er begehrt, Jesus zu sehen, heißt es (Übersetzung Luther). Dass Zachäus ein Mensch ist, der begehrt, das wissen wir bereits, aber dass er auch Jesus zu sehen begehrt, passt erst einmal nicht zu dem, was wir zuerst über solch einen reichen Mann denken.
Es kann natürlich sein, dass er einfach nur mit eigenen Augen sehen will, ob das alles stimmt, was über Jesus erzählt wird. Jeder weiß, wie schnell beim Weitererzählen Kleinigkeiten aufgebauscht werden.
Oder aber steckt doch noch mehr hinter seiner Neugier? Ein wirkliches Begehren? Eine Sehnsucht? Wonach weiß er vielleicht selbst noch nicht in diesem Moment, vielleicht spürt er auch einfach nur dieses große Loch in seinem Innern, das nicht mit Geld gefüllt werden kann?
Jedenfalls will er unbedingt Jesus sehen, aber da er eben nicht so groß ist und ihn auch niemand in die erste Reihe lässt, steigt er auf einen Maulbeerfeigenbaum.
In der Bibel steht der Feigenbaum übrigens für Israel. Er ist der Baum, den Gott in den Weinberg der Welt pflanzte, in der Hoffnung an ihm würden schöne Früchte reifen. Ja, vielleicht steckt in Zachäus ja wirklich noch ein ganz anderer als dieser reiche Erpresser, der für Geld seine Seele verkauft. Irgendwie erinnert er – so im Baum sitzend - auch an einen kleinen Jungen. Und aus einem Jungen kann noch so vieles wachsen. Ein Junge ist noch nicht fertig.   

Und das weiß auch Jesus. Als er kommt, ist er wie immer auf der Durchreise. Aber das gehört zur Stärke Jesu, dass er selbst im Hindurchgehen und im Vorbeigehen, sich ganz in Situationen hineinbegeben und auf Menschen einlassen kann. 
Als er Zachäus da oben sitzen sieht, weiß er genau, was in diesem Moment dran ist. Jesus fragt nicht erst lange, er sucht nicht nach den Ursachen, warum einer so geworden ist, wie er ist, er lässt sich einfach auf einen Menschen ein und nimmt ihn so wie er ist. Er interessiert sich für Zachäus, aber nicht für den Zachäus, den er da vor sich sieht, da fragt er nicht lange: Warum sitzt du denn da oben auf einem Baum? Du Ärmster, kannst du denn hier unten nichts sehen?
Nein, Jesus fragt gar nichts! Nicht zum Beruf, zum Alter, zur Karriere und Familienverhältnissen, Besitz, Freundeskreis und Lebenserfahrung, Sprachkenntnisse, Hobbies, Lieblingsautomarke. Jesus hat die facebookseite einfach nicht gelesen und er wird es auch nicht tun. Denn das alles interessiert ihn nicht, er sieht etwas anderes in Zachäus, dieser seltsamen Frucht im Feigenbaum, er sieht, er fühlt die verborgene Seite in diesem Menschen, insbesondere das, was noch vor Zachäus liegt!
Zachäus, komm herunter, ich will heute dein Gast sein! 

Ein Satz, der ein ganzes Leben verändern kann!

Angesehen werden, war das nicht die ganze Zeit sein Wunsch? Nun schaut einer zu ihm auf. Nun schaut Jesus zu ihm auf. Während die Leute doch sonst auf ihn herab sehen. Könnte es sein, dass in diesem Blick Jesu die ganze Liebe Gottes liegt, die ihn spüren lässt: Auch ich bin es wert angesehen zu werden? Und mehr noch: sogar besucht zu werden?

Zachäus kann jetzt nicht mehr nur Zuschauer bleiben, der der alles von seinem Baum aus beobachtet: 3 Minuten gucken und dann ist Jesus wieder weg und Zachäus setzt sich wieder über seine Listen im Zollhaus und das alte Leben geht weiter, nein es kommt eben anders. Zachäus wird unversehens vom Zuschauer zum Akteur. Hier will es jemand mit ihm zu tun haben.

Spätestens hier lohnt es sich wirklich in die Geschichte einzusteigen und sich fragen zu lassen, welche Rolle nehme ich eigentlich ein, wenn Jesus in meinem Leben vorbeizieht. Nein, nicht nur vorbeizieht, sondern sogar bei mir stehen bleibt mit dem Satz: Ich will heute dein Gast sein. Und mich dabei auch noch mit Namen anspricht. Ja, er meint also wirklich mich!
Und bleibe ich dann Zuschauer oder öffne ich meine Tür, mein Herz....?

Zachäus jedenfalls zögert nicht lange. Jesus, dieser berühmte Mann, will ausgerechnet zu mir!  Er steigt schnell vom Baum herab und empfängt Jesus mit Freuden, heißt es.

Es muss also etwas an der Begegnung mit Jesus sein, dass die Menschen, die er anspricht, im Innersten trifft und beeindruckt. Ein paar Kapitel vorher erzählt uns Lukas vom Zöllner Levi. Da sieht Jesus Levi an und sagt nur diesen einen knappen Satz: Folge mir! Und Levi stand auf und folgte ihm! Auch so ein Satz, der ein Leben verändern kann: Folge mir.

Dazu muss man wissen: In den Geschichten, so wie die Evangelisten sie schildern, wird häufig in Kurzform erzählt, was vielleicht in Wirklichkeit manchmal ein langer Prozess ist. Jesus aufnehmen, Jesus ins eigene Leben hineinlassen, wenn es auch nur für einen Moment ist, das braucht manchmal seine Zeit.
Vielleicht hatte ja auch Zachäus bereits Bruchstücke von der Verkündigung Jesu erhascht? Oder er konnte die Verachtung der Menschen nicht mehr ertragen? Vielleicht steckte schon länger die Sehnsucht nach Veränderung in ihm und zugleich auch die Angst davor?
Bis Jesus ihn ansieht mit einem Blick, der seine Angst durchbricht. „Zachäus, komm herunter, ich will heute dein Gast sein!“ 

Warum empört sich nun aber darüber die Menge? Ist es Missgunst, Neid? Dass Jesus nicht bei ihnen einkehrt? Dass er sich auch um Reiche kümmert und nicht nur um Arme? Dies alles mag auch eine Rolle spielen, aber vor allem spürt das Volk, dass Jesus hier etwas tut, was in den Köpfen der Zuschauenden eigentlich gar nicht geht: Das ist nicht der Jesus, den sie kennen, den sie sich erhoffen. Wenn schon Geld die Welt regiert, dann sollen wenigstens diejenigen die Verachtung spüren, die sich auf Kosten der Armen bereichern. Aber: Jesus setzt sich mit einen Sünder an einen Tisch. Und das war mit Sicherheit mehr als reine Geselligkeit, sondern ein Zeichen der Gemeinschaft. In der damaligen Zeit war die Tischgemeinschaft die engste Form von Gemeinschaft überhaupt.  Und indem Jesus mit den Zöllnern und Sündern an einem Tisch sitzt, dreht er alle gängigen Maßstäbe um. Die Frommen, die anerkannte Menschenmenge lässt er stehen, und mit diesem verachteten und zugleich gefürchteten Menschen pflegt er die Gemeinschaft. Aber natürlich nicht, weil er das, was Zachäus auf dem Gewissen hat, gut findet! Und wenn man auf das Ende der Geschichte schaut, wird deutlich, dass auch Zachäus das nicht so verstanden hat. Jesus ist nicht gekommen, um menschliches Frommsein zu bestätigen, er ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. 

„Verloren“ - was bedeutet das? Verloren sein könnte ein Gegenstand, der abhanden gekommen ist. Verloren sein können aber auch wir, wenn Gott uns abhanden gekommen ist oder besser, wenn wir Gott abhanden gekommen sind. Obwohl. Ich weiß gar nicht ob das geht. Dass wir Gott abhanden kommen. Aber es gibt eben Momente, da sucht er uns ganz besonders, weil die Beziehung zwischen Gott und uns gestört ist. Oft merken wir das nicht. Sondern wie es in Wahrheit um uns steht, entdecken wir erst, wenn wir aus der Situation der Verlorenheit bereits heraus sind. Dann gibt es so eine Art heilsames Erschrecken über uns selbst.

Auch Zachäus ist erschrocken. Darüber, wie er gelebt hat, über das, was er in der Vergangenheit angerichtet hat. Wie es zu dieser Einsicht gekommen ist, wird nicht erzählt. Ich glaube nicht, dass Jesus beim Essen große Strafpredigten gehalten hat. Vielleicht hat er auch gar nichts gesagt, sondern einfach nur gegessen und sich bei Zachäus bedankt. Und dann war es vielleicht wirklich nur das eine: Dass Zachäus seinen Wert gespürt hat.

Pfarrerin Maret Schmerkotte

Für mich ist das der interessanteste Punkt in der Geschichte. Was das Gastsein und sich bedienen lassen bewirken kann. Jesus ist gerne zu Gast, und das ganz bewusst. Als Gast erweise ich dem Gastgeber auch eine besondere Ehre, ich schätze ihn, ich überlasse mich seiner Gestaltungsfreiheit. Und das ist gar nicht immer so leicht, ich muss Vertrauen haben und treffe damit auch eine Aussage auf der Beziehungsebene. Oft sind wir allerdings lieber in der anderen Rolle, dass wir die Gebenden sind, aber damit eben auch die Kontrolle und die Macht haben und Anerkennung bekommen. Wenn wir jemandem helfen oder jemanden beschenken, haben wir ja meistens ein gutes Gefühl. Aber ich denke, dass wir dieses gute Gefühl anderen vorenthalten, wenn wir selbst nicht ab und zu in der Lage sind, auch etwas anzunehmen. „Ich möchte mich nicht aufdrängen, keine Umstände machen“, das hört sich irgendwie gut und richtig und bescheiden an, aber: – und das finde ich irgendwie spannend – von Jesus lernen wir hier noch etwas anderes: Jesus lädt sich selbst ein und das ist doch irgendwie schon sehr dreist, wie er da Zachäus zum Gastgeber macht. Aber vielleicht braucht es eben manchmal genau diese Dreistigkeit! Und sie zeigt ja auch Wirkung: denn der eigentlich Beschenkte ist am Ende doch Zachäus.

Er bekommt einen neuen Ausgangspunkt für sein Leben, man erkennt ihn kaum wieder. Vielleicht wundert er sich auch noch ein wenig über sich selbst, wie er sich sagen hört: „Die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen und wenn ich jemanden betrogen hab, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“
Ein armer Mann wird Zachäus auf diese Weise nicht. Aber verwunderlich ist es schon. Er tut etwas, was er sich wohl selbst niemals zugetraut hätte. Und er merkt plötzlich, dass er nicht zu kurz geraten, sondern tatsächlich bisher zu kurz gekommen ist. Was ihm gefehlt hatte, waren nicht einige Zentimeter Körperlänge oder noch mehr Geld, sondern Gottes Nähe.
Nun aber ist Jesus bei ihm eingekehrt. Und er macht seinem Namen alle Ehre: Zachäus, der Gerechte.

Was bei Zachäus nicht passiert, im Unterschied zum Zöllner Levi: Er hängt seinen Zöllnerberuf nicht an den Nagel. Es gibt eben verschiedene Wege der Umkehr und der Lebensveränderung. Auch in den bestehenden Verhältnissen lässt sich das Leben ändern. Es muss nicht alles radikal neu werden.
Zachäus lebt weiter wie bisher. Oder doch nicht. Natürlich wird es auch Momente geben, in denen Zachäus mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wieder Schuld auf sich laden wird. Aber er hat eine Erfahrung gemacht, die er mit Sicherheit nicht mehr vergessen wird. Die etwas in Bewegung gebracht hat. Er wird seinen Zöllnerberuf jetzt anders ausüben. Vielleicht mit einem Herz für Arme, mit einem neuen Sinn für Recht und Unrecht. Mit einem Blick für seine Mitmenschen. Mit einem Gespür dafür, was er wirklich braucht oder auch nicht braucht. Dass er etwas zu geben hat. Und mit dem Wissen wertvoll zu sein.
Auch so lässt sich Gottes Liebe in die Welt tragen. Auch so kann man Jesus nachfolgen.
An dem Ort, an dem wir leben. In dem Beruf, den wir haben. Mit den Menschen, die uns umgeben.
 
Ein Versuch, das ganz bewusst zu leben, ist die kommende Vesperkirche im Januar. Zwei Wochen Tischgemeinschaft in der Christuskirche. Menschen aus verschiedenen Schichten und Milieus begegnen sich. Wir haben ja unsere Vorurteile, aber oft nur, weil wir einfach zu wenig über den anderen wissen. Der erste Eindruck ist höchstens die halbe Wahrheit. Und deshalb: Es soll ein gegenseitiges Kennenlernen sein, Geben und Nehmen. Wenn ihr Lust habt, das mitzuerleben: Ihr könnt Gastgeber sein und helfen, dass das Essen auf den Tisch kommt, oder auch selbst zu Gast sein und einfach nur essen. So wie Jesus.
Das Schöne in einer Gemeinde ist, dass beides zusammenfließt. Wenn Jesus bei uns zu Gast ist, werden wir Gastgeber für andere.
Ich will bei dir zu Gast sein, sagt Jesus. Da wo du jetzt bist. Da wo du jetzt lebst. Ich will bei dir zu Gast sein. Ein Satz, der ein Leben verändern kann. Amen

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