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Predigt

16.06.2019

Man sieht nur mit dem Herzen gut

Lukas 24, 13-35

Emmaus – wer diesen Ort heute auf einer Landkarte sucht, wird vergeblich danach suchen müssen. Nach den Angaben des Evangelisten müsste es leicht sein, diesen Ort zu finden. 11 km, zwei Wegstunden von Jerusalem entfernt. Aber man hat diesen Ort bisher nicht lokalisieren können.
Vielleicht kommt es aber auch gar nicht darauf an, ob es diesen Ort Emmaus wirklich gibt und dieses Geschehen im historisch überprüfbarem Sinne tatsächlich so stattgefunden hat. Emmaus – ist ein Ort in uns. Und der Weg nach Emmaus – ein Weg, den auch wir immer wieder neu zurücklegen müssen: Und manchmal dauert dieser Weg dann auch länger als zwei Stunden. Vielleicht auch ein ganzes Leben.
Emmaus bedeutet übrigens warme Quelle. Und damit ist vielleicht auch gemeint, dass dieser Ort in uns etwas zum Sprudeln bringt…

Aber fangen wir von vorne an und machen uns mit den beiden Jüngern noch einmal auf den Weg. Sie waren so glücklich gewesen in Jerusalem. Dort wussten sie sich geliebt und haben selbst geliebt. Jesus war in ihr Leben gekommen. Und so fingen sie an, sich selbst und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Und das sollte nun mit dem Tod Jesu vorbei sein?
Auf dem Weg nach Emmaus sind sie ganz gefangen in ihrer Trauer. Mit ihren Gedanken bei dem Toten. Das, was sie von den Frauen gehört haben, dass Jesus auferstanden sein soll, erscheint ihnen wie Geschwätz, nicht ernst zu nehmen. Und dabei übersehen sie, was gerade passiert: Dass Jesus, der Auferstandene, mit ihnen unterwegs ist.

Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Hajo Gottwald

Etwas übersehen. Das kenne ich auch aus meinem Leben: Dass ich manchmal Dinge erst auf dem zweiten Blick erkenne, Scheuklappen vor den Augen habe. Ich suche etwas, was bereits vor mir liegt. Das sind manchmal irgendwelche Gegenstände, die ich einfach nicht sehe, aber auch Tatsachen, die ich nicht wahrhaben will.

Das Sehen gilt übrigens als das wichtigste Sinnessystem des Menschen. Etwa 80% der Informationen über die Umwelt erhalten wir über unsere Augen. Sehen bedeutet Teilhabe am gesellschaftlichem Leben und ist also weitaus mehr als nur eine biologische Angelegenheit. Wir sehen und werden gesehen. Und davon hängt oft auch ab, wie wir angesehen werden. Im doppelten Sinne. Also wie man uns sieht - unserem äußerem Erscheinungsbild nach – aber auch wie man uns einschätzt und wert schätzt. Und wie wir uns selbst sehen. Unser Sehen ist geprägt von unserer Erfahrung und unserem Umfeld. Und da sieht eben jeder Mensch die Welt ein bisschen anders, jeder hat sozusagen eine eigene Sichtweise. Das Sehen mit den Augen hängt also auch davon ab, wie das Gehirn die erfassten Informationen verarbeitet. Und dabei spielen unsere Vorerfahrungen eine entscheidende Rolle. Und es kann eben passieren, dass wir etwas übersehen oder anders sehen oder auch nicht sehen, obwohl es eindeutig sichtbar ist.

Und wenn das Sehen mit den Augen schon nicht so einfach und eindeutig ist, wenn wir Menschen und Gegenstände anders sehen oder anders ansehen, um so schwieriger ist es mit dem Sehen von bestimmten Inhalten. „Das sehe ich nicht so“, oder „das sehe ich anders“ sagen wir ja oft. Da geht es um Meinungsverschiedenheiten, andere Sichtweisen, oder dass ich eben irgendetwas nicht sehen oder einsehen will. Z.B. sehe ich manchmal zuerst das Fehlende, den Mangel, die Lücke, das Problem. Und nicht das, was da ist, was gut ist, was ich habe und was gelungen ist. Weil ich nicht richtig hinschaue oder weil ich mir die Lösung anders vorstelle.
Und auch mit bestimmten Glaubenssätzen geht es mir manchmal so: “Er ist auferstanden!“ Das kommt mir dann wie eine Theorie vor, wie eine Worthülse, nichtssagend, einfach nicht mit Inhalt zu füllen. Dann brauche ich etwas Zeit, bevor ich sehen kann, was damit gemeint ist. Und manchmal brauche ich dafür einfach auch noch mein Herz. Da helfen weder die Augen noch mein Kopf weiter. Sondern ich muss mein Herz schulen, damit es mir sozusagen wie Schuppen von den Augen fällt. So ist es zB Paulus gegangen als ihm klar geworden ist, dass es der auferstandene Jesus ist, dem er da begegnet ist. Drei Tage lang war er blind und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Und er ließ sich taufen und wurde zum erfolgreichen Missionar.
Auch das ist eine Geschichte, in der es um das Sehen im übertragenem Sinne geht. War Paulus erst blind für den, der ihn da mit Namen angesprochen hat, so gingen ihm nun die Augen auf. Die Augen des Herzens.

In unserer Geschichte heißt es von den Emmausjünger nicht, dass sie blind waren, aber: „Ihre Augen wurden gehalten“. Das ist auch nicht so einfach zu verstehen. Als ob ihnen jemanden die Augen zuhalten würde, damit sie Jesus nicht sehen..? Nein, ich denke, damit soll etwas anderes ausgedrückt werden: Die Jünger rechnen überhaupt nicht mehr mit Jesus. Jesus war tot und nun sie haben auch nicht einfach beschlossen, an die Auferstehung zu glauben. Sondern sie versuchen in ihrer Trauer ganz mit Jesus abzuschließen.
Und werden dann plötzlich von seiner Anwesenheit überrascht! Eine Erfahrung, die sie nicht verstehen und verarbeiten können, sondern erst mühsam begreifen, nach und nach: Brannte nicht unser Herz in uns als er mit uns redete auf dem Wege…?“ Erst viel später erfassen sie also, was sie da eigentlich erlebt haben:

Dass Jesus mit ihnen schon lägst unterwegs war, in einem Moment, wo sie ihn sozusagen überhaupt nicht mehr auf dem Schirm hatten. Das, was Jesus auf dem Weg getan hat, war nun auch nicht besonders spektakulär: Er begleitet sie und hört ihnen zu. Er tut also kein Aufsehen erregenden Wunder, woran sie ihn vielleicht erkannt hätten – und doch tut er das in diesem Moment einzig Wichtige und Richtige, er lässt sie nicht allein, er ist bei ihnen. Er hält ihre Trauer mit aus.

Es ist fraglich, ob wir immer mitbekommen, dass Jesus auch heute noch bei uns ist? Auch in solch dunklen Stunden, in denen wir am allerwenigsten mit Gott rechnen? Wenn wir zB irre werden an der Frage, warum Gott etwas zulässt und warum wir durch Enttäuschungen und Trauer hindurch müssen.
Möglicherweise geht es uns dann nämlich auch so wie den Emmausjüngern, dass wir nicht merken, dass Gott, dass Jesus uns zuhört. Denn das ist das erste, was Jesus macht. Er hört lange Zeit einfach nur zu.

Das Zuhören wird oft unterschätzt. Nach dem Motto, ich mach ja nichts, aber es kostet viel Kraft, viel Liebe, je nachdem vielleicht auch, wer da mir was erzählt. Die Versuchung ist ja groß, immer selbst reden zu wollen, das Eigene ins Gespräch zu bringen und selbst Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber mit Gedanken und Herzen ganz bei einem anderen Menschen zu sein, ist ein Zeichen von Wertschätzung und Liebe.

Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Kerstin Parscheid

Und genau das macht Jesus, er zeigt seine Wertschätzung und Liebe. Und wenn man Jesus als Zuhörer hat, bleibt auch nicht alles beim Alten: Jesus hakt auch nach und stellt Fragen, um besser zu verstehen. Die Jünger hatten bereits vom leeren Grab berichtet und dass die Frauen eine Erscheinung von Engeln gesehen haben, die sagen: Er lebt. Sie wissen es also, theoretisch, aber die frohe Botschaft ist noch nicht in ihren Herzen angekommen. Sie brauchen jemanden von außen, der ihr Wissen, ihre Erfahrung deutet, der ihnen die Augen öffnet. Oder eben das Herz. Nur so kommen sie weiter. Sie brauchen jemanden, der es ihnen zuspricht: Gott will euch nahe sein, auch jetzt noch, mitten im Tod, im Leid, in eurer Trauer! Erkennt ihr nicht, was das Kreuz Jesu, sein Tod bedeutet? So tief kommt Gott zu uns, dass es keinen Ort gibt, wo Gott nicht schon ist. Selbst der Tod bedeutet nun kein Getrenntsein mehr von Gott!

Natürlich: Vom bloßen Wissen zum Glauben ist es manchmal ein langer Weg. Das Hören ist das eine, das Verstehen mit dem Herzen das andere. Da braucht es oft mehr als ein Gespräch. Und mehr als zwei Stunden Weg. Aber das Schöne ist: Jesus lässt auch Zeit.
Am Ende des Weges tut er bei den Emmausjüngern so als wollte er weitergehen, er drängt sich nicht auf, er übt keinen Druck aus nach dem Motto, ich erkläre es euch jetzt so lange bis ihr endlich versteht, er kann auch loslassen.

Aber er lässt sich auch zum Bleiben bewegen. Seine Worte haben die Jünger längst berührt, auch wenn ihnen das noch gar nicht so bewusst ist. Es ist eine Beziehung entstanden. Sie setzen sich zu Tisch. Und Jesus nimmt das Brot, bricht es und gibt es ihnen. Wie vor wenigen Tagen vor seinem Tod. Und da nun endlich erkennen sie ihn. Er lebt! Er war mit uns auf dem Weg, er hat zu uns geredet. Er hat uns getröstet. Und unser Herz brannte!
Nun verstehen sie die Zusammenhänge; ihre Trauer verwandelt sich in tiefe Freude über die neu entstandene Gemeinschaft. Und diese neue Gemeinschaft mit ihm ist nun geprägt von: Einander nahe sein, beistehen und aushalten, bleiben – Formen des Zusammenseins, aus denen man neue Kraft schöpfen kann. Momente, die wir auch kennen, in denen auch wir heute noch so berührt werden, dass wir glauben, unser Herz brennt. Klar, die Emmausjünger teilen auch das Brot, das ist schließlich der Moment, in dem Jesus erkannt wird, aber auf das Brot kommt es dabei gar nicht unbedingt an. Das Brennen des Herzens ist wichtig und dieses Gefühl können die Jünger nun deuten als ein Zeichen des Heiligens Geistes: Jesus ist da.

Dass Jesus selbst sichtbar bleibt, braucht es dann gar nicht mehr. Die Herzen brennen, das reicht. Im Moment des Erkennens entschwindet Jesus.
Man könnte auch sagen, er braucht nicht länger bei ihnen zu sein, weil er in ihnen ist. Das Herz brennt. Ja, brannte es sogar nicht schon vorher als er mit ihnen auf dem Weg redete? Wichtig ist es, aus bestimmten Erfahrungen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Nichts anderes ist Glaube! Dass ich die Erfahrungen, die ich mache, deute und erkenne, da war oder da ist Gott an meiner Seite.

Wenn ich also merke, dass mein Herz fröhlich wird, dass ich mich innerlich getröstet fühle, ich einen neuen guten Gedanken habe, mir eine schöne Erinnerung kommt, ich mich freuen kann und geliebt weiß, ich über die Schönheit des Lebens staune und mein Herz brennt, dann kann ich mir relativ sicher sein: ich bin nicht allein unterwegs. Sondern da ist einer, der mir Liebe ins Herz legen will.

Das Brennen des Herzens hat jedenfalls etwas mit Liebe zu tun. Das kennen wir auch, wenn wir in einen Menschen verliebt sind, aber beim Glauben ist es nicht anders. Ich würde sogar behaupten: Glauben heißt, sich in Gott zu verlieben, bzw. zu spüren, dass er in mich verliebt ist und dass ich also in einer Liebesbeziehung lebe. Klar, wenn ich in einer menschlichen Beziehung lebe, ist der andere für mich mit allen Sinnen fassbar, ich kann ihn mit den Augen sehen – aber bei Gott bleibt mir „nur“ das Brennen. Aber was heißt „nur“ – das Besondere an diesem Brennen ist ja, dass ich diese Begeisterung mit vielen anderen Menschen vor und nach mir teile. Genauso wie die Fragen und Zweifel, die sich damit verbinden.

Da gibt es z.B. auch die Geschichte von Thomas, dem Zweifler. Der auch nicht glauben wollte, dass Jesus auferstanden sei, solange er das nicht mit eigenen Augen sehen könne. Und dann steht Jesus plötzlich vor ihm. „Mein Herr und mein Gott“ sagt Thomas und Jesus antwortet: „Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Was heißt das? Mir sagte mal jemand: Glauben heißt auch: So tun, so leben als ob es wahr ist. Bei näherem Nachdenken, ist das gar nicht so schlecht, eine gute Übung für das Sehen mit dem Herzen. Tu einfach mal so, als ob Jesus selbst zu dir sagt: Mach dich nicht verrückt mit endlosen Sorgen. Oder tu so, als ob Jesus dir selbst Trost zuspricht oder sag einfach was dich bedrückt oder sag Danke, wenn es dir gut geht und tu so, als ob Jesus das hört… Ich bin sicher, dass sich das Herz so immer wieder neu entflammen lässt und wir darüber staunen werden, was man mit dem Herzen alles sehen und entdecken kann

Am Ende heißt es von den Emmaus Jüngern: Sie standen auf zu derselben Stunde. Nun können sie selbst aus der Auferstehung leben. Nicht nur Jesus, sie selbst sind auferstanden. Sie laufen den gesamten Weg nach Jerusalem zurück, sie wenden sich wieder dem Leben zu. Auch wenn Jesus nicht mehr bei ihnen ist, haben sie ihn irgendwie mitgenommen. Und so kann die Emmausgeschichte für uns ein Bild sein, ein warme Quelle, ein Geschehen, dass in uns stattfindet und uns ermutigt, auch selbst immer wieder aufzustehen.

Amen

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