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Predigt

Markus 8, 22-26

Blindenheilung

Eine sonderbare Heilungsgeschichte ist das, die Geschichte von der Heilung eines Blinden, so wie Markus sie hier beschreibt: ganz knapp, mit so wenigen Worten wie möglich..

Dass Kranke zu Jesus gebracht werden, weil andere Menschen für sie Heilung erhoffen und erbitten, kommt natürlich auch sonst im Neuen Testament vor. Z.B erzählt Markus von einem Gelähmten, der von Freunden durch das Loch im Dach eines Hauses, direkt vor die Füße Jesu gelegt wird... Natürlich ist es auch schon ein halbes Wunder, wenn sich Menschen finden lassen, die einen dorthin tragen, heben, ziehen oder schieben, wo Hilfe zu finden ist. Es mögen damals bei dem Blinden auch gute Freunde gewesen sein, mit offenen Augen und einem wachen Herzen, die im richtigen Moment das Richtige, so dass der Blinde schließlich Jesus gegenüber steht.

Mindestens drei Besonderheiten fallen bei dieser Geschichte aber auf und veranlassen zum Nachdenken und Nachfragen

Jesus heilt den den Blinden nicht dort, wo er sich gerade befindet, sondern, er nimmt ihn an die Hand und führt ihn hinaus vor das Dorf.
Wenn man sich das mal vor Augen malt, das muss ein besonderer Moment gewesen sein. Hand in Hand mit Jesus...
Warum macht Jesus das? Warum heilt er nicht an Ort und Stelle? Scheut er die Öffentlichkeit? Will er unbeobachtet sein? Will er nicht, dass andere sehen, was er macht und wie er es macht? Oder will er mit dem Blinden einfach nur allein sein, weil das, was jetzt kommt, wirklich zu intim ist...?

Pfarrerin Maret SchmerkotteUnd das ist die zweite Besonderheit in dieser Geschichte: Jesus heilt den Blinden nicht, indem er ein machtvolles Wort spricht, nicht einmal: Dein Glaube hat dir geholfen o.ä.... im Gegenteil: er sagt gar nichts, er tut nur etwas. Er tut Speichel auf die Augen des Blinden und legt seine Hände auf. Ästhetisch nicht ganz unproblematisch. Ich weiß nicht, was Euch alles zur Spucke einfällt. Ausspucken oder Anspucken ist ja eher etwas ekliges, ja auch ein Zeichen der Demütigung oder Verachtung, wenn bewusst jemand angespuckt wird. Auf der anderen Seite gilt Spucke auch heute noch als ein allzeit verfügbares Naturheilmittel, z.B bei Mückenstichen... und wenn zwei sich küssen, kümmert sie der Speichel auch recht wenig, im Gegenteil, das Küssen wäre ohne wohl nur halb so schön. Also: all das schwingt hier bei der Heilung durch Jesus mit: das Besondere und Peinliche, das Intime und Natürliche und Selbstverständliche. Jesus ist dem Blinden nah mit Mund und Händen, er streichelt und benetzt ihn, wo der Schmerz seines Lebens offen liegt.

Und jetzt kommt das Merkwürdigste und völlig Einmalige im Neuen Testament.
Die Heilung gelingt nicht richtig, jedenfalls nicht auf Anhieb. Siehst du etwas?, fragt Jesus. Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen. Hat Jesus etwas falsch gemacht? Die falsche Dosis gewählt? Wie peinlich für einen Wundertäter. Jesus muss noch einmal nachbessern und erneut die Hände auf die Augen legen. Erst dann kann der ehemals Blinde wirklich klar sehen.

Was steckt alles hinter dieser so außergewöhnlichen Wundergeschichte? Was fangen wir heute damit an? Nach 2000 Jahren stehen wir heute sozusagen wie Blinde vor solchen Wundergeschichten.. wir haben unsere Anfragen und Zweifel. Ob das wirklich so geschehen ist, warum nur einer geheilt wird und warum so viele nicht, warum es immer noch Blinde gibt.. Wirklich beantworten lassen sich diese Fragen nicht. Was können wir also mit so einer Wundergeschichte heute anfangen?

Wir können erfahren wie Jesus mit Menschen umgeht und wie er also auch mit uns umgeht. Und wir können ins Staunen kommen, wenn uns deutlich wird: in diesem Menschen ist wirklich Gott selbst am Werk. Das ist auch die eigentliche und tiefere Ebene in dieser Geschichte, das, was uns Markus zeigen will. Markus hat sein Evangelium ganz bewusst so angelegt, dass uns beim Hören und Lesen der Geschichten die Augen aufgehen sollen: wer Jesus eigentlich ist.
Ein paar Verse vor der Heilung des Blinden finden wir die Speisung der 4000. Von wenigen Broten werden alle satt und es bleibt mehr übrig als vorher da war. Und als sich dann die Jünger wieder einmal darum sorgen, ob sie genug Brot dabei haben, wird Jesus fast schon ärgerlich: Was bekümmert ihr euch, dass ihr kein Brot habt? Versteht ihr denn nicht? Habt Augen und seht nicht und habt Ohren und hört nicht?

Keine Frage, es geht bei den Wundererzählungen also noch um eine ganz andere Ebene. Ums Heilwerden im ganz umfassenden Sinn. So wie der Blinde geheilt wird, so sollen auch die Jünger, die Augen haben und nicht sehen können, von ihrer Blindheit geheilt werden. Denn noch immer haben sie nicht verstanden, wer Jesus ist! Das Ausmaß der Blindheit ist wirklich groß. Die Jünger unterscheiden sich darin kaum von den anderen Menschen.

Der Blinde in der Geschichte steht also auch für die Blindheit der Jünger und für die Blindheit derer, für die Markus all diese Geschichten aufgeschrieben hat. Und deshalb ist diese Geschichte zuallererst eine Geschichte für Sehende! Eine Geschichte, die uns sagen will: Mit unserem Sehen stimmt etwas nicht! Für das Wesentliche sind wir blind.

Hat man das im Kopf, kann man viel besser verstehen, warum Jesus so und nicht anders mit dem Blinden umgeht. Warum es also auch diese drei Besonderheiten gibt:
Heilung kann oft erst gelingen, wenn man sich von Jesus an die Hand nehmen lässt und nach draußen geht. Raus aus dem Dorf, raus aus den Beziehungsgeflechten, aus dem Alltag, aus der Routine. Ein Weg in die Einsamkeit also oder besser in die Zweisamkeit mit Jesus. Manchmal braucht es eben für diese besonderen Erfahrungen und Momente mit Gott eben auch besondere Orte und Zeiten, Orte der Stille, ein Spaziergang, eine offene Kirche, wo man eine Kerze anzünden kann. Und von dem, was ich dann dort erlebe, kann ich dann sehr lange zehren.

 Auch die Gotteserfahrung, die der Blinde macht, braucht eben einen besonderen Ort: Draußen – fern vom Alltagsleben - lässt er sich den Kuss Jesu gefallen. Diesen Akt der Nähe und Intimität. Kein Wunder, dass Jesus dazu den Blinden in die Einsamkeit führt, an einen Ort, an dem sich der Blinde auf diese unüberbietbare Nähe einlassen kann. Es gibt eben eine Dimension des Umgangs mit Jesus, die keine Zuschauer verträgt. Was im stillen Kämmerlein zwischen Gott und Mensch geschieht, bleibt ein unbeschreibbares Geheimnis.

Auch der Weg der Heilung bei dem Blinden. Es ist sicher mehr als nur Geduld und Spucke. Jesus legt die Hände auf, das ist die Berührung des Segnens hier sogar eine Berührung ohne Worte. Vielleicht hat Jesus in seinem Innern mit Gott geredet, aber das hat keiner gehört. Für uns ist das eher ungewöhnlich, wann kommt schonmal eine Handauflegung vor... wenn ein Kind getauft z.B. Meistens leben wir eher mit Worten. Und das ist vielleicht auch ein bisschen typisch gerade für die evangelische Kirche. Da haben wir es eher verlernt auf Gesten, Zeichenhandlungen und Berührungen zu vertrauen. Aber manchmal kann eine Berührung genauso kostbar sein wie ein Wort. Gerade dann, wenn Worte nicht passen. Wenn Trost gefragt ist oder ein besonderer Zuspruch. Wie sehr hilft dann ein liebevoller Händedruck, ein Kuss oder eine Umarmung.
Jesus hat sich nicht gescheut, Menschen auf diese Weise zu begegnen. Und seine Liebe auch durch Gesten und Berührungen sichtbar werden zu lassen.

Und er hat Menschen Zeit gelassen, heil zu werden. Es müssen nicht immer Spontanheilungen sein.
Ein Mensch, der blind ist, kann nicht immer sofort zu einem Menschen werden, der sieht. Manchmal muss das sehen können wachsen. In unserer Geschichte beginnt es dem Blinden erst einmal zu dämmern und dann – im zweiten Schritt - kommt die Klarheit. Und dann als er das Lebenslicht erblickt, sagt Jesus zu ihm, dass er erst nach Hause gehen solle und nicht in das Dorf. Das mag verschiedene Gründe haben. Zum einen: Jesus will nicht, dass sich das Wunder sofort rumspricht. Er will kein öffentliches Spektakel, er will nicht als Wundertäter verehrt und missverstanden werden.
Zum anderen: Vielleicht ist es besser, wenn der Geheilte sich Schritt für Schritt erst wieder an die Welt gewöhnt. In der Vertrautheit seiner Familie. Bevor er sich dann wieder unter das Volk mengt. So hat er Zeit zum Sehen üben, sein Selbstvertrauen kann wachsen und seine neu geschenkte Sehfähigkeit wird nicht gleich wieder zerstört oder zerredet.

Und diese Erfahrung machen wir ja auch: dass wir Zeit brauchen. Auch unsere innere Heilung beginnt oft erst damit, dass wir etwas sehen, aber noch nicht alles, dass uns etwas gelingt, aber noch nicht alles. Das ist auch manchmal enttäuschend und resiginierend. Wenn wir feststellen, dass trotz unseres Glaubens, nicht alles gut wird in unserem Leben, wenn alte Schwächen wieder auftauchen oder Verletzungen wieder aufbrechen. Es ist zwar anders und besser geworden in meinem Leben, aber es ist eben nicht alles gut. Deshalb berührt uns Jesus auch gern nicht nur ein zweites Mal, sondern immer wieder. Luther hat einmal gesagt: Ein Christ ist immer im Werden. Wir sind noch auf dem Weg, noch nicht am Ziel.
Aber das Ziel klingt in unserer Heilungsgeschichte schon an: Das endgültige klar sehen können. Markus macht das deutlich in der Geschichte, die der Blindenheilung folgt:
Da beginnen die Jünger zu ahnen, dass im Reden und Handeln Jesu tatsächlich das Reich Gottes aufleuchtet. Und Petrus ist dann derjenige, der es klar ausspricht, stellvertretend für alle Jünger: Du bist der Christus!
Und so wird nun klar: Hinter jedem Wunder steckt genau das: So wird es im Reich Gottes sein: wir werden satt an der Liebe Gottes und wir können klar sehen: Jesus ist der Christus, in ihm offenbart sich Gott selbst: So wird diese Blindenheilung zu einer Schlüsselgeschichte für das allmählich Sehendwerden der Jünger und zu einer ermutigenden Botschaft für alle, die mit Jesus unterwegs sind und die sehen möchten. Wer von uns auf diesem Weg mit Jesus irgendwann einmal resigniert hat, den ermutigt Jesus heute: So wie ich den Blinden an die Hand genommen habe, so nehme ich auch dich an die Hand. Immer wieder neu. Und so sollst auch du heil werden und sehen können.

Amen

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