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Predigt

Zwei Schwestern – viel Arbeit – und zwei Haltungen vor Gott

Die Geschichte von Maria und Martha

Lukas 10, 38 - 42
Pfarrer Martin Schmerkotte
Photo: Kerstin Parscheid

Jesus kam mit seinen Jüngern in ein Dorf. Dort kannte er eine Frau – sie hieß Martha – und die nahm ihn und seine Begleiter bei sich auf.
Dreizehn erwachsene Männer – müde – staubig – hungrig – Gäste, die bewirtet werden wollen. Herausforderung in einer Kultur, in der Gastfreundschaft großgeschrieben wird.

Martha hatte eine Schwester – Maria. Und Maria setzte sich nieder zu Jesu Füßen – und seine Worte nahm sie auf in ihr Herz.
Martha aber machte sich viel zu schaffen, um die Gäste in ihrem Haus zu versorgen. Und so tritt sie zu Jesus hin und spricht: „Siehst Du das nicht, dass meine Schwester mich hier mit der Arbeit ganz alleine lässt? Sag ihr, dass sie mir helfen soll!“
Aber Jesus antwortet ihr: „Martha, Martha, du hast so viel Sorge und Mühe! EINS aber ist wichtig! Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Liebe Gemeinde, stellen Sie sich einmal vor: SIE haben die ganze Arbeit gemacht – (und gerade auch auf dem Feld der Gemeindearbeit gibt es solche Gefühle!) – und nun bekommen Sie dieses Wort zu hören: „Du hast so viel Sorge und Mühe! EINS aber ist wichtig!“
Das kann tief treffen! Ungerechtigkeit! Undankbarkeit! Ich werde nicht gesehen! Konkurrenzgefühle! Und was wird da nicht noch alles im Herzen wach! Schauen wir nicht weg!
Und jetzt mal ganz ehrlich – (mir selbst geht es auf jeden Fall so!) – wenn ich mir diese Szene in meiner Fantasie vorstelle – (das allerdings gebe ich gerne zu: und meine Fantasie ist sehr ausgeprägt!) – dann sehe ich die arbeitende Martha – ich sehe die hörende Maria – und ich stelle mir das auch (wenn auch nicht nur!) vor als eine Szene zwischen einem Mann – und zwei Frauen.

Für Jesus ist es vielleicht gerade schön, hier diesen Frauen zu begegnen – die Atmosphäre, die hier entsteht, die Zuwendung, das schöne Ambiente – denn die Männergesellschaft und ihre oft rauhe Sitten ist ja sein Alltagsbrot. Jetzt kann er diese Begegnung in besonderer Weise genießen.
Und nun sitzt diese EINE Frau zu seinen Füßen: Maria! (und auch das gebe ich zu: ich stelle mir Maria sehr hübsch vor!) Eine Frau, die hört – die mit dem Herzen hört. Eine Frau, die einfach da ist!

„Maria setzte sich nieder zu Jesu Füßen – und seine Worte nahm sie auf in ihr Herz.“
Es geht nicht nur um Arbeit – es geht auch um Konkurrenz! Wer hat das bessere Teil erwischt?
Und Martha kommt – und sieht – und wie sollten wir sie nicht verstehen! „Sag meiner Schwester, dass sie mir helfen soll! Siehst Du nicht, was ich hier alles für Euch tue?!!“
Und es kommt noch dicker für Martha! Maria sitzt zu Jesu Füßen „wie eine Schülerin“ – und Jesus lässt das zu! Nach damaliger Vorstellung ist das unmöglich! Eine Frau gehört nicht an diese Stelle – Schüler-Sein – das ist den Männern vorbehalten – eine Frau gehört in die Küche – sie hat für die Gäste zu sorgen! Und Martha erfüllt diese Rolle, die „Mann“ von ihr damals erwartete – vorbildlich.

„Aber Maria setzte sich nieder zu Jesu Füßen – und seine Worte nahm sie auf in ihr Herz.“ Und Jesus lässt Maria dort, wo sie ist:

„Martha, Martha, du hast so viel Sorge und Mühe! EINS aber ist wichtig! Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Ich kann Martha so gut verstehen! Das hat einen ganz einfachen Grund: SIE ist eine Seite von mir. Ja – ich habe diese Seite auch – diese Seite, die sich einsetzen will – die vieles schaffen will – die sich aber irgendwie auch danach sehnt, gesehen zu werden – Anerkennung zu bekommen.
Und ich weiß, dass diese „Martha-Seite“ auch schwierig sein kann – denn: manches Engagement wird nicht gesehen – oder eben auch nicht gewürdigt! (Oder auch nur nicht gewürdigt von den Menschen, von denen es mir besonders wichtig wäre.)

Aber „Maria“ ist AUCH eine Seite von mir – „Maria“ – das ist zuerst vor allem meine Sehnsuchtsseite – meine Seite, die sich nach Tiefe – und nach Erfüllung sehnt.
Mitten in meinen Alltagsdingen, in denen ich mich stresse – zerreibe – verschleiße plötzlich die Sehnsucht nach einem solchen „Maria-Moment“ – einem Moment des Innehaltens – der Stille – vielleicht sogar des Betens – des Verweilens vor Gott.
Solche Momente tun der Seele gut.
Ich gebe mir das zu: In meinem Leben – in mir selbst – aber auch in meiner Arbeit in der Gemeinde: es geht manchmal (oft!) zu „wie in Marthas Küche“!

Wie heilsam kann es sein, dieses Wort zu hören: „Du hast viel Sorgen und Mühe! Aber das EINE wäre wichtig!“ Hören – auch wenn das nicht einfach ist – vielleicht sogar schmerzlich!
Jesus lässt BEIDEN „Frauen“ ihr Recht – weder sagt er: „Maria, geh in die Küche!“ – noch: „Martha – nun setzt Dich doch endlich mal hin!“
Es geht nicht um die Alternative: „Martha – oder Maria“! Beide Seiten haben ihr Recht und ihr Gewicht – das Engagement – und die Spiritualität – die Sehnsucht nach Tiefe.
Eine Gemeinde muss immer auch ein „Martha-Ort“ sein – wo engagierte Menschen Dinge im Namen Gottes anpacken und bewegen.
Aber: Eine Gemeinde soll und kann (und muss!) auch ein „Maria-Ort“ sein – ein Ort, wo Menschen zur Ruhe kommen dürfen – zu „SEINEN Füßen sitzen dürfen“ – das EINE hören dürfen, das EINE, das wichtig – und nötig – und heilsam ist!

Pfarrer Martin Schmerkotte
Photo: Hajo Gottwald

Ich fürchte allerdings manchmal – (und ich bin selbst der Erste, auf den das zutrifft!) – dass wir manchmal in der Gefahr stehen, „Maria“ zu übersehen – weil wir uns viel zu viel auf „Martha“ stützen – vielmehr sogar, dass wir meinen, wir könnten das EINE, das nötig ist, mit „Martha-Mitteln“ herstellen.
Das kann nicht gelingen!
Kirche – Gemeinde – von Marketing-Experten attraktiv gemacht – mit einem modernen Kommunikationsdesign versehen – das ist nichts Schlechtes! Aber wenn wir „Maria“ darüber vergessen?

Bei „Sinn-Krisen“ im Leben Erwachsener kann es geschehen: Ein Mensch ist nicht bereit, in sich hineinzuschauen/zu hören – und deshalb entfacht er eine besonders große Aktivität nach außen. Martha pur! Martha alleine! Das kann auf Dauer nicht gut sein!
Gemeinden sollen „Maria-Orte“ sein! Orte, an denen Heil begegnet – an denen Gottes Gegenwart lebendig wird. An denen wir SEINE Worte, SEINE Geschichten hören.
Auch Menschen können füreinander solche „Maria-Orte“ sein und werden – das ist ein großes Geheimnis – aber jeder, der davon etwas ahnt, der weiß: Allein mit „Martha-Mitteln – und seien es auch noch so viele – lässt sich das nicht machen!
Oder vielleicht kann man es auch so sagen: Martha muss die Maria annehmen, um heil zu werden – und: Maria kann nicht ohne Martha sein, weil sie sonst nicht heil ist.
Dieses Wort gilt in mir – und in der Gemeinde – und an vielen Stellen mehr!

Auch eine wichtige Warnung – gerade auch für Mitarbeitende einer Kirchengemeinde: „Martha ohne Maria“ führt oft in Verbitterung und Enttäuschung. In der Gemeindearbeit brauche ich meinen „Martha-Ort“ – ich muss aber immer auch meinen „Maria-Ort“ finden können.

Und eine zweite Warnung – diese ist vielleicht noch viel ernster: Alle, die sich z.B. in einer Gemeinde engagieren und dieses zu einer Herzensangelegenheit werden lassen, die werden – das verspricht er – auch ihren Lohn finden. Aber – und auch das ist ein geistliches Geheimnis: Dieser Lohn ist zuerst der Lohn der Maria – dass wir glauben können, dass wir in unserem Tun zu SEINEN Füßen sitzen – dass das, was wir tun, in den Augen Gottes einen tiefen und guten Sinn hat. Solcher Maria-Lohn kann ein Herz fröhlich machen.

Schwer ist es – und bitter und verbittert kann es machen – wenn ein Mensch sich stark engagiert – seinen Lohn aber als „Lohn der Martha“ erwartet. Dann ist Enttäuschung vorprogrammiert – und solche frustrierende „Martha-Geschichten“ gibt es – glaube ich – auch in gemeindlichen Zusammenhängen nicht gerade selten.
Vergessen wir nicht: Martha muss Maria annehmen, um heil und frei zu sein – aber mit Maria im Bunde kommt dann auch Martha in ihr eigentliches, gutes und gelöstes Licht.

Wir stehen mitten in der Passionszeit – vielleicht entdecken Sie für sich selbst ja neu einen möglichen „Maria-Ort“: die Taizé-Andachten – in der Passionszeit an jedem Freitag um 19.00 Uhr – oder die Aktion: „Gemeinde liest ein Buch“ – (machen Sie doch mit! Sie können jederzeit einsteigen) – das können solche „Maria-Orte“ sein – oder werden.

Vielleicht erkennen wir jetzt eins besser: Es geht in dieser Geschichte gar nicht zu allererst um die beiden Frauen – und um ihre Rollen – oder um eine falsche Alternative – es geht zuerst um Jesus. Es geht um IHN – der auch uns in der Begegnung mit ihm wachsen lassen will – Es geht um IHN – der das was, wir mitbringen, nicht klein und schlecht macht – der es ganz im Gegenteil brauchen will – (auch er hat sich gerne bewirten lassen – auch er hat – wenn die Situation dafür da war – gerne gut gegessen und getrunken) – Es geht um IHN – der uns über das Alltägliche – über das Notwendige – hinaus wachsen lassen will – der uns zu Schülerinnen und Schülern machen will, die wie Maria sein Wort in ihre Herzen nehmen – die sein Wort hören und fassen können: „EINS aber ist wichtig!“

Amen.

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