Inhaltsbereich

aktuell

Predigt

10. März 2019 in der Markuskirche

Nachfolge · Teil 1 - Pfarrer Uwe Flaig
Nachfolge · Teil 2 - Pfarrerin Maret Schmerkotte

 

Nachfolge

Mattheus 4, 18-20

Pfarrer Uwe Flaig · Teil 1

Als Jugendlicher war ich guter Kunde bei der Stadtbücherei Solingen. Im Wesentlichen habe ich mir da Gitarrennoten ausgeliehen. Aber ich erinnere mich, dass ich mich einmal in die Abteilung für Theologie getraut habe. Und ich weiß noch genau, welches Buch ich da mitgenommen habe, weil es irgendwie interessant klang: „Nachfolge“. Von Dietrich Bonhoeffer.

Das war tatsächlich außer der Bibel das erste theologische Buch, das ich in den Händen gehalten hab. Und ich weiß noch, dass ich sofort fasziniert war.

So klare Gedanken, scharfsinnig und herausfordernd, mutig. Und immer von Christus her gedacht.

Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald

Kleine Kostprobe – über die teure Gnade: „Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt. Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist.“

… Ich könnte mich sofort wieder darin verlieben.

Das hat mir Lust auf Theologie gemacht.

Und dieses Buch hat mich das erste Mal überhaupt auf dieses Bild gebracht: Christ ist jemand, der Jesus nachfolgt. Das fand ich hochinteressant. Was bedeutet das? Wie geht das?

Und dann hab ich natürlich in der Bibel nachgeschaut, wie das bei Jesus war. Dem sind ja unglaublich viele Menschen gefolgt: Seine 12 Jünger. Lukas berichtet, dass Jesus später 72 weitere Jünger berufen hat. Und eine Menge Frauen sind ihm auch gefolgt. Und außerdem noch viele Menschen, die nicht zum engsten Kreis seiner Jünger gehört haben.

Die sind damals in Israel ganz wortwörtlich hinter Jesus hergegangen, mit Jesus mitgegangen. Hingesetzt. Pause gemacht. Jesus zugehört. Aufgestanden, weitergegangen, hinter Jesus her, zu irgendeinem Dorf gekommen. Dabei gewesen, zugeschaut, wie Jesus für Menschen da war.

Und nach und nach angefangen, mitzuhelfen und das zu tun, was Jesus tat.

Irgendwann, als es kritisch wurde, haben sich dann immer mehr Leute wieder ausgeklinkt, sind wieder zurück nach Hause gegangen. Bis zuletzt nur noch die zwölf Jünger und ein paar Frauen bei Jesus waren.

Und dann wurde Jesus verhaftet und gekreuzigt – und damit war Ende mit der Jesusbewegung und dem hinter Jesus hergehen. War ja kein Jesus mehr da, dem man hätte folgen können. Und vor allem: Die ganzen Hoffnungen, die sie auf Jesus gesetzt hatten, waren mit seinem Tod am Kreuz zerbrochen. Jesus war gescheitert.

Und dann sind zwei erstaunliche Dinge passiert:

Das eine: Ostern. Jesus ist seinen enttäuschten und frustrierten Nachfolgern neu begegnet, so grundlegend und radikal, dass sie verstanden haben: Der lebt. Der ist bei uns – auf eine ganz neue Art. Nicht mehr so räumlich begrenzt wie bisher.

Und – das zweite, was passiert ist: Für diese Jesusleute ist das, was sie vorher gemacht hatten, nämlich in Israel hinter Jesus herzugehen, ein Bild geworden für das, wie sie jetzt, nach Ostern, ihre Beziehung zu dem auferstandenen Jesus leben.

Ein Christ ist jemand, der Jesus folgt.

Und so, aus diesem Blickwinkel, sind dann die Jesusgeschichten geschrieben worden.

Das ist ein bisschen wie bei unserem Gartenteich: Bei unserem Teich kannst du auf die Wasseroberfläche gucken – die glitzert und der Himmel spiegelt sich darin. Du kannst aber auch je nach Blickwinkel durch die Oberfläche hindurch in die Tiefe hineingucken und sehen, was sich unter der Oberfläche abspielt.

Und so ist das auch in den biblischen Geschichten, die von der Nachfolge erzählen.

Da gibt es die Oberfläche: Da ist der blinde Bartimäus. Der ruft nach Jesus um Hilfe. Jesus ruft ihn zu sich und heilt ihn von seiner Blindheit. Und Bartimäus geht mit Jesus mit. Und damit endet die Geschichte.

Unter der Oberfläche ist es aber gleichzeitig eine Geschichte über uns: Über unseren Schmerz, über unsere Hilferufe, über Jesus, der uns zu sich ruft und uns die Augen öffnet.

Und es ist eine Geschichte darüber, dass wir aufbrechen können, dass wir unser altes Leben hinter uns lassen können und uns jetzt in der Nähe zu Gott und zu Jesus bewegen können. Biblisch gesprochen: Dass wir Jesus nachfolgen können.

 


Pfarrerin Maret Schmerkotte · Teil

Ich muss zugeben, ich habe das Buch „Nachfolge“ nicht gelesen, nur einzelne Ausschnitte, so wie den Ausschnitt, den wir in unserem Bonhoefferbuch finden. Und da schreibt Dietrich Bonhoeffer in der Tat genau das, was du, Uwe, gerade gesagt hast: Nachfolge heißt: Jesus folgen. Oder mit Bonhoeffers Worten: Nachfolge ist Bindung an Christus. Weil Christus ist, darum muss Nachfolge sein.

Und Uwe hat ja auch schon gesagt, zu biblischen Zeiten war es relativ klar, was das bedeutet: Nachfolge heißt hinter Jesus hergehen. Und das ganz konkret und wörtlich, wir haben dazu vorhin eine Geschichte in der Lesung gehört:
Pfarrerin Maret Schmerkotte
Photo: Hajo Gottwald
Da geht Jesus am Galiläischen Meer spazieren und sieht zwei Fischer, die ihre Netze auswerfen und sagt ihnen: „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen.“ So einfach war das. Simon und Andreas ließen alles stehen und liegen und folgten ihm nach. Und diese Situation wiederholt sich. Mit Jakobus und Johannes. Auch sie sind Fischer und gerade damit beschäftigt, ihre Netze zu flicken. Auch sie werden gerufen und lassen alles stehen und liegen und folgen ihm nach.
Jesus ist selbst ein Menschenfischer. Er sieht, wen er haben will. Er ruft. Und die Menschen, die er ruft, folgen ihm. Und da hören wir erstaunlicherweise nichts von Unsicherheiten, Zweifel oder inneren Kämpfen. „Soll ich oder soll ich nicht?“ Oder von irgendwelchen Rückfragen:„Was heißt das, Jesus, dir nachfolgen? Was heißt es, du willst uns zu Menschenfischern machen?
In den Geschichten steht auch nichts von einer Bedenkzeit oder irgendwelchen Abschiedsszenen. Ich hätte wahrscheinlich gesagt: ich brauche noch Zeit zum Nachdenken oder ich komm erst mit, wenn ich alles andere erledigt und geregelt hab. Aber nichts davon... Wichtig ist offenbar nur: Jesus sieht, Jesus ruft, und wen er ruft, der folgt. Sofort.
Das klingt ziemlich verrückt, wie ein Sprung ins kalte Wasser, ins Ungewisse, denn Jesus erklärt ja auch überhaupt nicht, was da auf die Fischer zukommt. Und verspricht auch nichts. Komm mit! sagt er – und es gibt nichts, über das man da noch lange verhandeln müsste. 

Dass so etwas möglich ist, dass die Jünger so ohne weiteres diesem Ruf folgen, dafür gibt es  -meiner Meinung nach- eigentlich nur eine Erklärung. Und das ist die besondere Autorität Jesu. Jesu Rufen ist Gottes Rufen. In Jesus tritt uns nicht nur ein ganz normaler Mensch entgegen, sondern Gott selbst. Und da braucht es eben keine Versprechungen und keine Bedingungen, es genügt dieser schlichte Ruf: Komm mit und folge mir! Gottes Ruf trifft also genau ins Schwarze, also so, dass man sich diesem Ruf kaum entziehen kann.

Normalerweise bin ich eher eine Verfechterin der These, dass es oft auch Zeit braucht, bevor man weiß, was Gott von einem will, dass man sozusagen in die Nachfolge erst hineinwachsen muss, in das Vertrauen zu Gott und dass sich der Glaube mit der Zeit auch erst entwickelt.
Aber vielleicht stimmt das ja auch nur zu Hälfte. Und es gibt auch die Worte Jesu, die sofort treffen, bei denen man also sofort weiß, hier spricht Gott mich an. Und hier fordert er mich auch heraus.

Und damit bin ich eigentlich auch schon bei der Frage: was bedeutet Nachfolge heute? Wir haben -so wie die Jünger- Jesus nicht mehr direkt vor Augen, aber was wir haben ist doch sein Wort. Und da ist es spannend, was passiert, wenn wir uns diesem Wort auch heute noch aussetzen.
Dietrich Bonhoeffer hat das gemacht. Beim Lesen der Bergpredigt wurde er von Jesu Worten in ihrer ganzen Radikalität getroffen: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5, 9), sagt Jesus! Und Bonhoeffer schreibt dazu im Buch „Nachfolge“: „Jesu Nachfolger sind zum Frieden berufen... Sie sollen den Frieden nicht nur haben, sondern auch schaffen. Damit tun sie Verzicht auf Gewalt und Aufruhr.“
So ist Bonhoeffer ZB. zum Pazifisten geworden; in einer Zeit, Anfang der 30iger Jahre, in der es durchaus üblich war, von einem heiligen Krieg zu sprechen. „Gott mit uns“ stand zB. auf den Koppelschlössern der Soldaten der Reichswehr und der Wehrmacht im 2. Weltkrieg.
Aber für Bonhoeffer war eben klar: Jesus will Gewaltlosigkeit 
Da waren für ihn Jesu Worte ganz unmissverständlich.  was passiert, wenn wir uns auch heute solchen Worten Jesu aussetzen. Ich bin sicher, die treffen noch genauso Natürlich: welches Wort uns auf welche Weise trifft, ist auch abhängig davon in welcher persönlichen Situation man gerade steht. In unserem Gesprächskreis „Gott und die Welt“ lesen wir gerade auch die Bergpredigt, und an den wirklich lebendigen und aufwühlenden Diskussionen kann man deutlich merken, wie treffend und herausfordernd Jesu Worte sind. Da kommt in Jesu Wort ein Gedanke, ein Anspruch auf mich zu, von dem ich zutiefst weiß wie richtig und wahr er ist und zugleich auch spüre, wie radikal ich mein Leben ändern muss, wenn ich mich drauf einlasse: Eine Kostprobe: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen! Oder „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Lange diskutiert haben wir übrigens auch über den Vers: Ihr habt gehört, das gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ Der Widerstand bei diesen Worten und der Versuch, sie zu entschärfen, war groß! Wie kann Jesus so etwas sagen! Und dann stand uns plötzlich doch relativ klar vor Augen: Doch ja, mit den Gedanken fängt es oft an. Es sind nicht erst die Taten, die uns schuldig werden lassen, sondern schon unsere Gedanken, die uns prägen und unser Leben gestalten. „Täter und Denker“ unterscheiden sich also gar nicht so sehr voneinander und sind gleichermaßen auf Vergebung angewiesen. Diese Erkenntnis hat uns berührt und irgendwie auch getroffen. Wir kommen alle nicht drumherum, auch schuldig zu werden.

Auch Bonhoeffer übrigens nicht: Denn ausgerechnet er, der Pazifist, hat sich an den Überlegungen zu einem Attentat auf Adolf Hitler beteiligt. Also derjenige, der jede Tötung eines anderen Menschen für schuldhaft hielt, sah sich nun vor die Frage gestellt, ob es nicht doch auch Situationen gibt, in denen es gar nicht anders geht als auch schuldig zu werden. Ja mehr noch, Situationen, in denen es sogar zu unserer Verantwortung gehört, auch Schuld auf sich zu laden.

Zum Christsein und zur Nachfolge gehört es also auch schuldig zu werden. Aber vor allem auch, sich dessen bewusst zu sein. Christsein ist eben auch Menschsein. Kein Heiligsein im Sinne ethisch-moralischer Vollkommenheit. Und das macht auch Bonhoeffer ganz deutlich: Nachfolge ist kein Lehrsystem, sind nicht irgendwelche zu befolgenden Prinzipien, kein festes Programm, sondern eine lebendige Beziehung. Eine Vertrauensbeziehung. Und wenn ich in dieser Beziehung lebe, mich also dem Wort Gottes aussetze, wird es auch sehr deutlich in mein Leben hinein sprechen. In meinen Alltag, in meine ganz persönliche Lebenssituation. Vielleicht werde ich mit Jesu Worten im Ohr (und im Herzen) mein Leben anders wahrnehmen, den Menschen anders begegnen, andere Dinge tun. Mir hilft manchmal der einfache Gedanke, dass Jesus wirklich mit mir unterwegs ist und wenn ich dann überlege, was ich jetzt jemandem sage, oder wofür ich mein Geld ausgebe usw, (also auch in ganz profanen Dingen) dann werden die Entscheidungen plötzlich sehr klar, was zu tun ist
Und natürlich: zu einer Vertrauensbeziehung gehört dann eben auch darauf zu vertrauen, dass ich nicht fallen gelassen werde, wenn ich mich schuldig mache. Dieses Vertrauen muss ich haben, wenn es eine lebendig Beziehung ist.
Das ist also für mich Nachfolge: Da spricht mich -durch Jesu Wort- Gott selbst an und nimmt mich mit. Und nicht nur das: Er lässt mich auch nicht mehr los. Und deshalb bin ich auch nie allein unterwegs. Gott sei Dank.
Amen

zurück

Informationen über diese Website

evangelisch in Velbert · Evangelische Kirchengemeinde Velbert

CSS ist valide!