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Predigt vom 13. Januar 2019

Eins sein (Epheser 4,5)

Liebe Gemeinde,
ich freue mich, heute Morgen mit Ihnen zusammen Gottesdienst feiern zu dürfen.

Jetzt beginnt ja die Gebetswoche der Ev. Allianz. Die hat dieses Jahr das Thema: „Einheit leben lernen“. Und dieser Gottesdienst steht unter dem Thema „Einheit feiern“.
Das ist gut: Erst feiern, dann arbeiten. Einheit erleben, indem wir gemeinsam Gottesdienst feiern, genauer: indem wir gemeinsam Jesus Christus feiern. Ich glaube, das ist der Schlüssel zur Einheit. Mit der Einheit der Christen ist das so eine Sache: Schon das Neue Testament kennt dieses Thema und ermahnt zur Einheit. Schon Jesus hat seine Jünger ermahnt, eins zu sein und bei aller Unterschiedlichkeit beisammen zu bleiben. Und ich vermute, dass jeder von uns auch seine eigene Geschichte mit diesem Thema hat, und es gut ist, sich das bewusst zu machen. Ich bin in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen und habe den christlichen Glauben erst mit 16 Jahren kennengelernt. Mit 16 habe ich das erste Mal bewusst gebetet und habe erlebt, dass da ein Gegenüber ist, ein Gott, der mich liebt. Und ich habe Gemeinde erlebt: Gemeinschaft, die mich trägt. Freunde und Geschwister im Glauben. Wunderbar.
Ich denke, ihr wisst, wovon ich rede. Und dann habe ich erstaunliche Dinge gehört:
Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald
Dass es evangelische Christen gibt und katholische. Na gut, das habe ich vorher auch schon gewusst. Ich habe gelernt, dass es Freikirchler gibt. FEGs und EFGs. Ich habe erfahren, dass ich ein sogenannter „Landeskirchler“ bin.
Dabei hatte ich gedacht, ich bin einfach evangelisch. Aber so einfach ist das gar nicht in der Christenheit. Ich habe gelernt, dass es bei den Evangelisch-Landeskirchlichen Fromme und Liberale gibt, Politische und Missionarische. Und Volkskirchliche. Und Lutheraner und Reformierte. Und Unierte. Außerdem gibt es landeskirchliche Gemeinschaften und Verbände. Es gibt den EC. Und den CVJM.
Außerdem gibt es Pfingstler und Charismatiker. Mich selber hat ein junger Kollege in der Ausbildung mal als einen „naiven Evangelikalen“ bezeichnet. Das fand ich nicht wirklich schmeichelhaft. Nach damaligen Schubladen hätte ich mich einsortieren müssen als missionarischen, leicht linksevangelikalen, nicht fundamentalistischen Christen mit charismatischen Anwandlungen in einer evangelisch-unierten Landeskirche, wobei ich eher reformiert ticke als lutherisch. Alles klar? Und dabei wollte ich eigentlich nichts anderes, als Jesus zu folgen.
Ach so, ja, das kommt ja auch noch dazu.
Beziehungsweise das ist ja das, worum es eigentlich geht. Versteht ihr, dass das mit der Einheit der Christen nicht so ganz einfach ist?! Fast alle diese Unterscheidungen, die ich gerade genannt habe, sind ja das Ergebnis von Trennungen, die irgendwann passiert sind und die bis heute nachwirken. Ich habe in den folgenden Jahren drei wichtige Erfahrungen gemacht.

Erste Erfahrung: Meine Frau und ich waren in Lüdenscheid auf einem Osterseminar zum Thema „Stadtevangelisation“. Vereinfacht gesagt: Wir haben viel gebetet. Und dann sind wir rausgegangen auf den Marktplatz, haben christliche Lieder gesungen und haben versucht, mit Menschen über Gott zu reden. Und wisst ihr, was wir hatten??? - Angst. Wie wird das? Wie reagieren die Leute? Kriegen wir den Kopf abgerissen? Und weißt du, was wichtig ist, wenn du für Jesus auf der Straße bist und kriegst Bammel? Ich fand es auf einmal sehr hilfreich, dass neben mir ein altkatholischer Mitchrist stand, der auch gebetet hat. Und dass da unser Exot war, ein orthodoxer Priester in voller Montur, der unerschütterlich und in aller Seelenruhe aus der Bibel vorgelesen hat. Und wisst ihr, was wir verstanden haben? Wenn du anfängst, die Komfortzone zu verlassen und Jesus zu folgen und Risiken einzugehen, dann sind theologische Differenzen auf einmal gar nicht mehr so trennend. Dann freust du dich, dass da noch ein paar Jesusleute neben dir stehen, ganz egal, was für ein Etikett die gerade haben.

Zweite Erfahrung: Hier in Velbert haben wir Freunde gefunden, Christen aus Freikirchen, aus der Bleibergquelle und aus der Landeskirche, Schwestern und Brüder, die uns angenommen und aufgenommen haben. Viele Jahre lang haben wir zusammen Allianzkindergottesdienst gemacht, Jugendallianz, Events, Konzerte. Und daraus ist Vertrauen entstanden, das bis heute trägt, auch wenn wir uns seitdem alle weiterentwickelt und verändert haben.

Aber da ist dieses Jesus-Dings, das uns verbindet. Bis heute. Als junger Pastor im Hilfsdienst bin ich hier in Velbert in ein Kollegium gekommen, da waren noch sieben weitere Pfarrer und noch ein Pastor im Hilfsdienst. Da hab ich mich gelegentlich … auch mal … gewundert. Über meine Kollegen. Die werden sich wahrscheinlich über mich auch gewundert haben. Pastoren sind halt gelegentlich wunderbare und oft wundersame Menschen. Und ich habe gelernt, meinen Kollegen ihren Glauben zu glauben. Ihn nicht kritisch in Frage zu stellen, sondern zuerst einfach mal zu vertrauen, dass die auf ihre Weise auch mit Gott unterwegs sind, auch wenn sie Sachen so ganz anders sagen, als ich es sagen würde und ganz andere Dinge tun, als ich tun würde. Ist 28 Jahre her. Aber da habe ich gelernt, anderen Christen ihren Glauben zu glauben.
War nicht ganz einfach, weil ich natürlich gedacht habe, dass meine Art zu glauben die richtige ist. Weil – wäre sie es nicht, würde ich mir ja sofort die andere, die richtige Art zu glauben zulegen.
Aber was ist, wenn es gar nicht die eine richtige Art gibt, an Jesus zu glauben, sondern … mehrere? Viele?
Was ist, wenn es gar nicht die eine objektiv richtige Art gibt, die Bibel zu lesen, weil jeder von uns immer schon … sich selbst mitbringt:
Seine Erfahrungen mit dem Glauben, seine Lieblingsbibelstellen, seine inhaltlichen Vorentscheidungen und das, was er sich gar nicht vorstellen kann? Was ist, wenn der Glaube an Jesus so ist wie ein breiter Strom mit vielen Seitenarmen, die am Ende in dasselbe Meer münden?
Lebt Jesus nur in dem Teil des Stromes, in dem ich zuhause bin? Wer von euch kennt das Wort „glinus“? Ich bin mal von dem Leiter einer Gemeindeunabhängigen Hauskreisarbeit – auch sowas gibt es in Gottes wunderbarem Weinberg – von dem Leiter dieser Arbeit bin ich gefragt worden, ob ich „glinus“ bin.
Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald
Er hat es mir erklärt: „glinus“ ist die Abkürzung für „gläubig in unserem Sinne“. Ich weiß nicht, was ich damals geantwortet habe. Aber ich weiß, dass ich das so schräg fand, dass ich es mir bis heute gemerkt habe.
„Gläubig in unserem Sinne.“ Das heißt doch: Unsere beschränkte menschliche Art, den Glauben zu verstehen ist für uns das Maß aller Dinge. Nein, ist es nicht. Gott sei Dank! Gott ist das Maß aller Dinge. Jesus Christus ist das Maß aller Dinge. Er ist der Ursprung. Er ist das Ziel. Und ihm folgen wir. Damit sind wir bei unserem Predigttext. Der steht im Epheserbrief. Und im Epheserbrief geht es um die Einheit der Christen. Das war nämlich schon damals von Anfang an eine schwierige Kiste. Denn in der jungen christlichen Gemeinde in Ephesus fanden sich auf einmal Menschen jüdischen Glaubens, die an Jesus, den Messias Israels, glaubten. Und da fanden sich Menschen, die mit dem Glauben Israels nichts am Hut hatten, sogenannte „Heiden“, die aber durch die christliche Verkündigung einem liebenden Gott begegnet sind und angefangen haben, an Jesus als ihren Retter zu glauben. Und diese beiden Gruppen, Juden und Nicht-Juden, hatten in der damaligen Welt kaum Berührungspunkte, waren sowas von weit weg voneinander, kannten sich zu 99 Prozent nur über Gerüchte und Vorurteile. Und die Juden hatten die Vorstellung, dass sie Gottes auserwähltes Volk sind und sich von allen anderen Völkern fernhalten sollten. Und solche jüdischen Menschen fanden sich auf einmal in der Gemeinde zusammen mit all denen, von denen sie gedacht hatten, dass die nach draußen gehören. Das hatte so kein Mensch auf dem Schirm gehabt. Vielleicht war das Gottes geniale Idee, mal zu zeigen, was alles möglich ist, wenn es um Versöhnung geht. Aber das war von Anfang an eine ganz schwierige Kiste.
Und das spiegelt sich in dem Epheserbrief wider, der darum wirbt: „Leute, auch wenn das noch nicht in euren Kopf hineinpasst: Wir sind eins durch Jesus Christus.“ Und dann wird diese Einheit beschrieben und begründet (4,4-6): „Ein Leib (Gemeinde) und ein Geist, wie auch ihr berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ Die Einheit der Gemeinde ist vor allem eine geistliche Wirklichkeit. Von außen betrachtet muss man sagen: Die christliche Kirche ist nicht nur vielgestaltig, sondern sie ist über viele Jahrhunderte hinweg gespalten und getrennt. Das hat mit uns Menschen zu tun. Wir haben es miteinander nicht immer leicht.
Auch ein Paulus und ein Petrus haben gründlich Zoff gehabt (Gal 1).
Ein Paulus und ein Barnabas haben sich so gründlich zerstritten, dass sie nicht mehr miteinander arbeiten konnten oder nicht mehr wollten (Apg 15,39). So ist das über Gemeindegrenzen hinweg, so ist das aber auch innerhalb einer Gemeinde. Wir haben es miteinander nicht leicht. Und ein Teil der versöhnenden Kraft Gottes wird sichtbar, wenn wir es schaffen, trotzdem beieinander zu bleiben und miteinander Jesus zu folgen. Er ist es, der uns zusammenbringt und der uns beieinander hält. So ist die Einheit der Gemeinde zuerst eine geistliche Wirklichkeit. Sie ist etwas, was ich Gott glaube: „Gott, für dich sind wir nicht getrennt, sondern eins. Also will ich lernen, uns mit deinen Augen zu sehen und so zu leben und danach zu handeln.“ Der tiefste Grund, warum du und ich eins sein können, ist Christus.
Wir gehören und wir vertrauen demselben Herrn. Wollen wir uns da trennen? Eigentlich … nein. „Ein Herr, … ein Glaube“ – da wird es schon schwieriger. Denn ist es nicht gerade der Glaube, die zahlreichen Glaubensvarianten, die unterschiedlichen Auffassungen, was es heißt, Christ zu sein, ist es nicht gerade das, was Christen voneinander getrennt hat? Wie kann Paulus hier von „einem Glauben“ reden? Ich glaube, das hat damit zu tun, dass für Paulus „Glauben“ nicht nur das ist, wie wir Glauben verstehen, was wir darüber denken – im Unterschied zu anderen. Für Paulus ist Glauben – gelebtes Vertrauen. Und für Paulus hat Glauben etwas damit zu tun, dass Jesus in uns lebt (Gal 2,20). Der Glaube, der rettet und Berge versetzt, ist mehr als das, was ich gerade verstehen kann und gerade in diesem Moment glauben kann.

Glaube ist etwas, was von Christus ausgeht, der in mir lebt und mich glauben lässt. Und diese Seite des Glaubens, Jesus in uns, ist es, die uns verbindet. „Ein Herr, ein Glaube … eine Taufe“. Da wird es für mich noch deutlicher: Was uns eint, ist nicht, wie wir Taufe verstehen oder wie wir Taufe praktizieren: Wir taufen vor allem Kinder – oder wir taufen alles außer Kindern, wir tauchen unter oder machen von Hand nass.
Für manche ist Taufe ein Sakrament und geht dem Glauben voraus. Für andere ist Taufe ein Bekenntnis, ein Ausdruck des persönlichen Glaubens. Wie wir Taufe verstehen und wie wir sie handhaben, das hat uns Christenheit schon mehrfach getrennt und gespalten. Aber komisch: Alle Gemeinden taufen. Und darin folgen sie dem Auftrag von Jesus. Vielleicht ist auch Taufe mehr, als das, was wir darunter verstehen und was wir daraus machen. Und so läuft es immer wieder auf dasselbe hinaus: Die Einheit von uns Christen entsteht durch Jesus. Das ist der Punkt, zu dem Gott uns einlädt und zu dem wir immer wieder zurückkehren müssen und zurückkehren können. Und von da aus können wir Einheit finden – und gestalten: Indem wir uns auf unserem Weg mit Jesus gemeinsam staubige Füße holen, Schwielen an die Hände bekommen und das Beten neu entdecken, weil Gottes Liebe uns zu den Menschen treibt. Und wir finden diese Einheit, indem wir gemeinsam Jesus feiern und zu unserem Vater im Himmel beten.

Amen.

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