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Predigt

Abendgottesdienst 29.09.2019

Anleitung zum (Un)Glücklichsein

Anleitung zum Unglücklichsein ist der Name eines Buches, das ich ehrlich gesagt nie gelesen habe (Paul Watzlawick, österr. Psychologe, 1983). Das ist auch verfilmt worden. Hat das jemand gesehen?

Wir fanden den Titel klasse, weil er so griffig und provokant ist: Anleitung zum Unglücklichsein.
Oder doch besser Anleitung zum Glücklichsein?
Oder – gibt es dafür gar keine Anleitungen von irgendwelchen Experten, die wir befolgen müssten, sondern – wir selbst sind die Experten unseres Lebens?
Ich finde, das hat was für sich. Denn wer – sollte sich mit meinem Leben besser auskennen, als ich es tue? Wer weiß denn den ganzen Scheiß? Wer hat das denn alles erlebt, durchgemacht, die Glücks-Tränen geweint – und auch die Tränen der anderen Sorte?

Ich bin mir auch unsicher, ob ihr euch so einfach einteilen konntet in: „Ich bin glücklich. “ „Ich bin unglücklich.“ Manchmal kann sich das ja auch im Laufe eines Lebens stark verändern.
Manchmal ist es aber auch so, dass sich die Umstände meines Lebens verändern, ich aber doch erlebe, wie ich in all dem Glück oder Unglück mir selbst treu bleibe, der gleiche Mensch bleibe. Vielleicht entscheiden die Umstände gar nicht so sehr darüber, ob ich glücklich oder unglücklich bin. Vielleicht fällt diese Entscheidung ganz woanders.

Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald

Ausgangspunkt unseres Gottesdienstes ist der Eindruck, dass Menschen, seien es wir selbst oder seien es andere um uns herum, manchmal ziemlich unzufrieden mit ihrem Leben sind, weil die Dinge nicht so sind, wie man sie gerne hätte.
Zum Beispiel im Beruf: Da kann man ja je nachdem in Situationen stecken, die einen bis zur Belastungsgrenze anspannen – und darüber hinaus. Wie habe ich das neulich von einem Mitglied meines Hauskreises gehört: „Führungserfahrung“ – muss nicht unbedingt „Kompetenz“ bedeuten.“ Da leiten Leute Abteilungen oder ganze Firmen, da kann es einem nur gruseln.
In der Familie oder Partnerschaft können Beziehungen sich so verändern, dass sie nur mit Mühe zu ertragen sind.
Die Gesundheit kann sich von einem Tag auf den anderen verändern. Und all das, was mir bis dahin Spaß gemacht hat, ist weg.
Es gibt genug Dinge, die passieren können, die das Potential haben, mich zu einem unzufriedenen oder gar unglücklichen Menschen zu machen. Manchmal ist das auch ein schleichender Vorgang, den man kaum bemerkt:
Man wird zunehmend unglücklich, innerlich gelähmt, zerrissen und gefangen in einem Leben, das man so nie haben wollte.

Aber nun hat man’s. Und jetzt?

Könnt ihr euch noch an das Lied erinnern, mit dem wir diesen Gottesdienst begonnen haben?
Das Lied heißt: „Kein andres Leben“. Es stammt von Thea Eichholz, deren Leben sich vor etlichen Jahren durch den frühen Tod ihres Mannes grundlegend geändert hat, und wodurch sie auf manche Dinge einen anderen Blick bekommen hat.
In der ersten Strophe beschreibt sie mit einem Augenzwinkern all das, was doof ist und schief läuft und was dazu führt, dass mein Leben nicht so ist, wie ich es gerne hätte: Lehrer, Noten, Steuern, Frauenquoten, Wähler, Gesetze und die ganzen Dinge meines persönlichen Lebens, die mich nicht so leben lassen, wie ich es gerne hätte, um glücklich zu sein.
Und dann der Refrain mit einer klaren Botschaft:
„Ich hab kein andres Leben, nur dies eine! Ob ich´s bejahe oder nur verneine, das liegt dann ganz allein in meiner Hand, an meinem Herzen, meinem Verstand! Ich hab kein andres Leben, nur dies eine! Und ob ich glücklich bin oder nur so scheine, hängt von so Vielem ab, doch bis zu meinem Grab bestimme, viel mehr als ich denke, ich ganz alleine.“
Und dann kommen einige Zeilen, die haben es in sich:
„Ich entscheide mich – für Liebe, trotz vieler Seitenhiebe. Ich entscheide mich – zu hassen – oder es trotz Schmerz zu lassen. Ich entscheide, wo ich leide, mich trotzdem doch zur Freude. Entscheidung für den Mut, für die Dankbarkeit tut gut.“
Kann es sein, dass ein Teil des Unglücklichseins mit dem eigenen Leben damit zu tun hat, dass ich nicht den Mut aufbringe, bestimmte Entscheidungen zu treffen und bestimmte Schritte zu gehen, und stattdessen weiter vor mich hin leide und klage und zerrissen bin?
Es gibt einen bekannten Satz, der wird häufig einem Herrn Oetinger zugeschrieben, manchmal auch dem Franz von Assisi, ist auch egal. Dieser Satz macht uns Mut, Entscheidungen zu treffen. Vor allem aber leitet er uns an, eine grundlegende Unterscheidung zu machen.
Der Satz heißt:
„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Das erste Grundlegende ist zu unterscheiden: Was sind die Dinge in meinem Leben und in dieser Welt, die ich eh nicht ändern kann?
Es stürmen ja täglich gefühlt tausend Dinge auf mich ein, die ich tun könnte, tun müsste, wo ich die Welt retten müsste. Da muss man ja nur morgens Nachrichten hören. Ganz viele Dinge, die sich mir andienen und um meine Aufmerksamkeit ringen.
Im Englischen heißt einer Sache Aufmerksamkeit schenken: „to pay attention“. Aufmerksamkeit bezahlen. Jede einzelne Aufmerksamkeit kostet ihren Preis.
Und deswegen ist es wichtig, das, was auf mich einströmt, einzuordnen: - Geht mich was an. - Geht mich nichts an. - Muss ich mich drum kümmern. - Muss ich mich nicht drum kümmern. - Kann ich mich gar nicht drum kümmern.
Und da sind wir bei dieser grundlegenden Unterscheidung:
Was sind die Dinge, die ich ändern kann? Und was sind die Dinge, die ich nicht ändern kann?

Und jetzt geht’s zur Sache:
Die Dinge, die ich nicht ändern kann in meinem Leben, mit denen sollte ich in gewisser Weise Frieden schließen. Nicht sie schön finden. Aber sie akzeptieren.
Es hat einfach keinen Sinn, mich an etwas aufzureiben und zu verschleißen, was ich nicht ändern kann.
Und dazu muss ich eine Entscheidung treffen: Kann ich das ändern? Will ich das ändern? Bin ich bereit, den Preis zu bezahlen, den mich diese Veränderung kosten wird?
Ja? Dann tu ich’s.
Oder nein, ich entscheide mich, dass ich’s nicht ändern kann oder nicht ändern will. Aber dann höre ich auch auf, darüber zu klagen und unglücklich zu sein.
Dann bitte ich Gott um die … ja, was genau war das noch?
„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.“

Klingt wahrscheinlich einfacher, als es hinterher ist. Ich bin sehr froh, dass es ein Gebet ist und nicht einfach ein Rezept:
„Gott, schenke mir diese Gelassenheit, das zu akzeptieren, was außerhalb meiner Möglichkeiten liegt.“
Gelassenheit. Vielleicht auch Humor? Manchmal auch Galgenhumor? Aber Gott, wenn es geht, lass nicht zu, dass die Bitterkeit in mir Raum gewinnt.
Und: „Gott, gib mir den Mut, die Dinge anzupacken, die ich ändern kann.“
„Hilf mir, dass ich den inneren Schweinehund überwinde und den Popo hochbekomme. Hilf mir, dass ich mich meinen Ängsten stelle.“
„Gott, gib mir Mut“. Mut muss ja nicht heißen, dass ich keine Ängste mehr habe, sondern dass es etwas gibt, das wichtiger ist als die Angst.
Mut bedeutet, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als meine Angst.
„Gott, gib mir den Mut, die Dinge anzupacken, die ich ändern kann.“

Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Kerstin Parschat

Ich muss das nicht alleine hinbekommen. Gott ist bei mir. Jesus lebt in mir. Und mit ihm zusammen kann ich das wagen.
Gelassenheit. Und Mut. Und … Weisheit.

„Gott, gib mir die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden: Das, was ich ändern kann. Und das, was außerhalb meiner Möglichkeiten liegt.“
Weisheit hat oft mit Lebenserfahrung zu tun. Genauer: Mit der Erfahrung eines Lebens, das im Vertrauen und im Hören auf Gott gelebt wurde.
Manchmal verdankt sich Weisheit auch einer spontanen Eingebung von Gott.
Und ich merke wieder: Das alles ist kein Rezept. Keine Anleitung. Sondern es ist ein Gebet. Es leitet mich hinein in eine Begegnung mit Gott, der bei mir ist.
Und der mir hilft, zu unterscheiden. Und mich zu entscheiden, was ich tun will. Der mir Weisheit gibt. Und je nachdem Mut oder Gelassenheit.
Damit ich herauskomme aus dieser Unentschiedenheit und Zerrissenheit. Und aus dem Unglücklichsein, was damit einhergeht.

Ein kleines Add-on aus der Praxis:
Es ist ungefähr zehn Jahre her, da habe ich beschlossen, aufzuhören mit dem, was ich „Leben im Konjunktiv“ nenne.
Kennt ihr das: „Wir sollten uns mal wieder treffen.“ „Eigentlich müsste man…“ „Eigentlich…“
Sätze, die mit „eigentlich“ anfangen, wo dann ein „hätte“, „könnte“ oder „müsste“ folgt. Sätze, die immer ein Stück Unsicherheit haben und vor allem eine Portion schlechtes Gewissen verbreiten.
Also habe ich vor zehn Jahren folgendes angefangen: Wenn so ein Satz kommt: „Wir sollten uns mal wieder treffen“, dann sage ich: „Stopp! Jetzt ist der Zeitpunkt, uns zu entscheiden: Wollen wir das wirklich? Ist es uns das wert? Wenn ja, dann zücken wir jetzt unsere Kalender und stielen das ein.
Wenn nein, dann haben wir den Mut und sagen: „Ja, wäre schön, aber – nein, das machen wir nicht. So wichtig ist es uns dann doch nicht.“
Aber dann haben wir eine Entscheidung getroffen, haben Klarheit und brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben.
Und solche Entscheidungen treffe ich an ganz vielen Stellen meines Alltags. Und zwar sobald sie auftauchen. Ja? Nein? Alles klar.
Ich habe keine Lust mehr auf ein Leben im Konjunktiv, wo ich mich von der Fülle dessen, was man alles tun müsste, überfordern lasse.
Das gilt auch für die globalen Dinge. Was kann ich tun? Und was will ich tun? Und wovon muss ich mich ganz einfach verabschieden, um frei zu sein für das, was ich tun kann und will?

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Amen

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