Inhaltsbereich

aktuell

Predigt

19.08.2018

Predigt zu Johannes 5,1-9

Lebst du wirklich dein buntes Leben, oder malst du es nur schön bunt an?

Meine Freundin zieht jeden Morgen aus einer Kartensammlung irgendeinen Spruch für den Tag. Und als wir uns neulich trafen, brachte sie diesen Spruch mit, den sie kurz vorher gezogen hatte. Irgendwie hatte sie den inneren Impuls, mir die Karte zu zeigen… und mir hat der Spruch so gut gefallen, dass er mir heute als Predigteinstieg dient:

Lebst du wirklich dein buntes Leben, oder malst du es nur schön bunt an?

Pfarrerin Maret Schmerkotte Ich denke, dass wir oft unser Leben nur bunt anmalen. Nicht dass das unbedingt schlecht wäre, vielleicht ist das besser als ein graues Leben zu haben, aber es ist eigentlich zu wenig. Es gibt mehr für uns: eben ein durch und durch buntes Leben. Und manchmal spüren wir auch die Sehnsucht danach: ein Leben, das Spaß macht, interessant und spannend ist und bei dem wir wirklich bei uns selbst sind: Und dann fangen wir an zu träumen. Eigentlich müsste ich mein Leben verändern, müsste aussteigen aus meinem Job, aus meinem Umfeld, meiner Lebensweise und etwas Neues anfangen… Aber dann bleibt es oft doch nur beim Träumen: der erste Schritt ist einfach zu schwer, die Unsicherheit vor etwas Neuem zu groß und die Angst ist da, etwas Vertrautes zu verlieren. Was, wenn ich dann in der Luft hänge? Was werden die anderen sagen? Und ich kann doch nicht einfach… Und dann richten wir uns doch wieder ein in unserem Alltag, arrangieren uns mit unserer Unzufriedenheit und es bleibt beim bunt anmalen, indem wir das, was uns unglücklich macht, vielleicht nur übertünchen. Wir trösten uns zB mit materiellen Dingen, einem schicken Auto, teurer Kleidung oder dem neuestem Handymodell. Oder wir sind stolz auf unseren Job, der uns alles abverlangt. Dahinter steckt vielleicht das Bedürfnis dazu gehören zu wollen, Anerkennung und Bestätigung zu bekommen. Klar, das tut gut, wenn ein anderer uns sagt, wie besonders wir sind. Aber damit malen wir uns das Leben eben nur bunt; im tiefsten Innern möchten wir selbst erkennen und fühlen, wie besonders wir sind.

Ich denke, dass wir unsere Unzufriedenheit mit uns und unserem Leben sehr ernst nehmen sollten: wenn ich merke: Das, was ich gerade beruflich tue, ist es nicht mehr, ich will etwas anderes. Oder wenn ich depressiv werde in einer schon toten Beziehung, oder wenn ich spüre, dass mein Leben kein Ziel oder Zweck mehr hat, mir der Sinn fehlt. Wenn ich keine Vitalität und Lebenskraft mehr besitze. Dann ist auf jeden Fall eine Veränderung dran.

Manchmal treffe ich allerdings auch auf Menschen, die meinen, für Veränderungen sei es zu spät. Sie hadern mit ihrer Vergangenheit, mit ihren Entscheidungen, fühlen sich als Opfer der Umstände und des Schicksals. „Was hätte nicht alles sein können, wenn ich mich anders entschieden hätte!“ Sie sind nicht in der Lage, aus ihrer augenblicklichen Lebenssituation konkret etwas zu machen. Aber: ganz egal, welche Fehlentscheidungen wir irgendwann einmal gefällt haben, wie viele Jahrzehnte wir auch unter der falschen Flagge gesegelt sind – heute können wir uns anders entscheiden. Wenn ich zB jahrzehntelang immer die obere Brötchenhälfte genommen habe, weil ich dachte, mein Mann möge die untere Hälfte lieber, und eines Tages stelle ich fest: er hat die ganzen Jahre für mich dasselbe getan, die untere genommen, weil er dachte, mir schmecke die obere besser… dann kann ich um all diese vergeudeten Genüsse trauern, oder laut lachend heute endlich das Brötchen so aufteilen, dass jeder zufrieden ist. Und endlich anfangen zu reden. Und zuzuhören.

Aus dem Leben etwas zu machen. D.h. in jedem Fall eine positive lebensbejahende Entscheidung zu treffen, wenn ich nicht länger Opfer der Umstände sein will. Das kann bedeuten, dass ich aufhöre, an meinem eigenen Leben herumzunörgeln und mich entscheide, das Beste aus dem zu machen, was ist. Oder es kann auch bedeuten, auszusteigen aus meinem bisherigen Lebensumständen, die mich krank machen, weil ich festgestellt habe, dass das Problem innerhalb meiner bisherigen Lebensmuster nicht zu lösen ist. Aber egal wie ich mich entscheide, wichtig ist, dass ich mit mir selbst einverstanden bin und mein Leben wieder Farbe bekommt.

Wir haben vorhin in der Lesung die Geschichte von einem Gelähmten gehört, der vor den Toren Jerusalems lag, am Teich Betesda, übersetzt: Haus der Gnade. Doch dieser Name klingt geradezu höhnisch, denn dort hausten in den Säulenhallen rund um den Teich zahlreiche Kranke: Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Ab und an geriet die Wasseroberfläche dieses Teiches etwas in Bewegung und wer dann als erster hinein stieg, so glaubte man, der würde geheilt. Man kann sich die Stimmung an diesem Teich ungefähr so vorstellen: Alle starren begierig auf das Wasser, weil sie als erste hineinwollen, denn nur dann haben sie Heilungschancen, meinen sie jedenfalls. Eine Frauengruppe hat einmal versucht, diese Szene nachzuspielen: Eine Frau übernahm die Rolle des Wassers, sie hatte ein blaues Tuch und konnte damit Wellen machen. Alle anderen spielten die Kranken und warteten auf die Bewegung des Wassers. Beim Warten breitete sich eine allgemeine Lähmung aus. „Ich habe mich gewundert, wie passiv die Kranken sind“, sagte die Frau, die das Wasser spielte, später. Die Lähmung hatte die Kranken wie eine zweite Haut umgeben und äußere und innere Aktivität vollkommen eingeschränkt.
Alles im Leben dieser Kranken drehte sich um ihr Elend. Außer dem starren Blick auf das Wasser nahmen sie nichts mehr um sich herum wahr.
An diesem Teich nun lag auch ein Mann, bereits 38 Jahre. Kaum vorstellbar, wie diese vielen Jahre für ihn ausgesehen haben müssen. Völlig fixiert auf die Heilung durch das Wasser, war er völlig lahmgelegt. Lahmgelegt in seiner Rolle als hoffnungsloser Fall und als jemand, der das Leben verpasst hat. Und dabei mit dem Gefühl, dass die anderen womöglich schneller sind und näher dran am Glück des Lebens.
Nun kommt eines Tages Jesus an diesem Teich vorbei und sieht diesen Mann dort liegen und fragt ihn: Willst du gesund werden? Blöde Frage, mögen Sie vielleicht denken, aber diese Frage hat durchaus ihren Sinn. Gesund sein – möchte der Kranke vielleicht schon, aber gesund werden? Hier ist der Wille des Menschen angesprochen. Jesus fragt den Mann, ob er bereit ist zum Aufbruch, zum Ausstieg aus seiner Lähmung. Ob er also bereit ist, seinen, gewohnten und vertrauten Platz zu verlassen. Das Vertraute gibt ja Sicherheit und irgendwann stellt man vielleicht auch fest: Nach 38 Jahren gehört diese Krankheit zu meinem Leben, ich habe mich daran gewöhnt und darin eingerichtet. Ich kann mir eigentlich gar nichts anderes mehr vorstellen.Und vielleicht wäre auch alles andere, ein Neuanfang, ein Weg zur Heilung demgegenüber ungeheuer anstrengend.
Immerhin: bei unserem Fall wird in diesem Mann ein neuer Denkprozess angestoßen: Er gesteht sich ein: Ja, ich bin krank und es sprudelt aus ihm nur so hervor: „ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn sich das Wasser bewegt; wenn ich es aber selbst versuche, so komme ich immer zu spät.“ Hier wird die eigentliche Not deutlich: Ich hänge seit 38 Jahre hier und habe zu niemandem eine Beziehung aufbauen können. Warum eigentlich nicht, möchte man ihn am liebsten fragen? Wie schön wäre es gewesen, wenn er die Zeit genutzt hätte, um ein paar Freunde zu finden, statt auf das Wasser zu starren. Stattdessen macht er auch noch andere für sein Missgeschick verantwortlich.
Jesus reagiert nun ganz anders, als der Kranke es vielleicht erwartet hat: Er bringt ihn nicht zum Teich, sondern sagt einfach nur: Steh auf, nimm deine Matte und geh! Dieser Teich hat schon genug Elend über dich gebracht. Mehr noch als deine Krankheit, er hat dich endgültig gelähmt. Nun steh auf, du hast genug Kraft, einen neuen Weg einzuschlagen!
„Und sogleich wurde der Mensch gesund, nahm seine Matte und ging.“

Er nahm seine Matte und ging, vielleicht nun in ein wirklich buntes Leben hinein. Es war ein Glücksfall, dass ihm Jesus begegnet ist. Jesus, von dem es heißt, dass er für uns Weg, Wahrheit und Leben sei. Aber Jesus ist es nicht so für uns, dass er uns vorschreiben würde, wie wir genau zu leben haben, um gesund und heil zu sein. Natürlich will er, dass wir gesund werden, aber er heilt uns nicht, indem er uns in unsere Wunschwelt versetzt, sondern indem er uns die Kraft gibt, uns selbst zu heilen. Wir müssen aktiv sein! Selbst aufstehen! Jesus will nicht, dass wir unser Leben nur bunt anmalen; und er malt es auch für uns nicht nur bunt an. Das wäre viel zu wenig. Weg, Wahrheit und Leben bedeutet mehr. Der Gelähmte war völlig fixiert auf seine Heilung durch das Wasser des Teiches; immer wieder hat er sich seine Zukunft auf diese Weise bunt angemalt, davon geträumt, da irgendwann einmal einzutauchen, um gesund zu sein, aber diese Fixierung hat ihn nun völlig gelähmt und blind gemacht für all die anderen Lebensmöglichkeiten. Einseitiges Warten auf Veränderungen kann uns ganz passiv machen. Aber: Nicht immer sind es die Lebensumstände, die uns krank machen und lähmen, oft liegt auch die Ursache in unserem Innern. An unserer Haltung und Lebenseinstellung und die können wir ändern.

Willst du gesund werden? Willst du dein buntes Leben leben? Diese Frage müssen wir uns selbst immer wieder stellen, wenn wir uns gelähmt fühlen. Damit wir auch bereit dafür sind, unsere Lebenschancen zu erkennen, die auf uns zukommen und dann nicht lange zögern, diese zu ergreifen.

Pfarrerin Maret Schmerkotte

Da ist z.B. eine Frau, die mit 40 Jahren feststellt, dass ihr Leben immer im gleichen Trott verläuft. Sie funktioniert im Beruf, hat gute Freundinnen und Freunde, aber etwas fehlt. Ihr ist die Lebensfreude abhanden gekommen, das, was passiert, berührt sie nicht wirklich. Sie hat das Gefühl, sie lebe neben sich her. Und dann ergreift sie nach ihrem Geburtstag die Initiative, sucht sich eine Arbeitsstelle in einer neuen Stadt und beginnt noch einmal von vorne. Sie entdeckt wieder ihre Neugier und lässt sich auf Dinge ein, die sie sich früher nicht getraut hatte.
Oder ein Mann: „Alles wird mühsam“, sagt er, „wenn ich morgens aufwache, frage ich mich als erstes: Was tut mir heute weh? Komme ich überhaupt aus dem Bett?“ Meine Woche richtet sich nach den Arztterminen, ich hoffe, dass die Ärzte mir helfen oder zumindest meine Beschwerden lindern.“ Ihm fehlt etwas, worauf er sich freuen kann, was ihn von seiner Fixierung auf sich selbst ablenkt. Aber dann hat er den Mut zu einer Busreise und trifft dabei zufällig eine alte Bekannte wieder. Und er erzählt: Sie reiste allein, so wie ich. Wir setzten uns beim Essen immer zusammen und kamen uns näher. Nach der Reise haben wir uns ein paar Mal getroffen. Stellen Sie sich vor, ich habe mich in sie verliebt! Und das in meinem Alter! Jetzt sind wir ein Paar und unternehmen viel zusammen. Das Leben hat für mich wieder Farbe bekommen!

Mag sein, dass Sie – so wie in diesen Beispielen - schon längst zu diesen Menschen gehören, die ihr buntes Leben leben. Dann kann ich Sie nur beglückwünschen und ermutigen, sich selbst weiterhin treu zu bleiben. Aber ich bitte Sie behalten Sie ihr Glück nicht für sich, sondern geben Sie ihre Lebenserfahrung weiter. Es braucht Menschen, die andere Menschen, so wie Jesus, ermutigen: Steh auf, nimm dein Bett und geh.

Denn auch so, durch ermutigende Gespräche, Hinweise und Vorbilder kann Gott in unser festgefahrenes Leben wieder Bewegung bringen.

Entscheidend ist aber, dass wir seine Frage innerlich mit Ja beantworten: Willst du gesund werden? Ja, damit nicht mehr Ängste und Sorgen, das Sollen und Müssen und Nicht-dürfen mein Leben dominieren. Ich will es endlich oder will es wieder in Übereinstimmung mit meinem Herzen leben! Natürlich: das erfordert Vertrauen. Man kann etwas planen und vorbereiten, man kann darüber nachdenken und mit anderen Leuten reden. Man kann sein Leben bunt anmalen. Aber dann kommt irgendwann der Moment, wo ich wirklich aktiv werden muss, wo ich vielleicht das Gefühl habe, vor einem Abgrund zu stehen, ich aber einen Schritt nach vorne machen muss. Nur um dann festzustellen, dass da gar kein Abgrund ist. Sondern: Weg, Wahrheit und Leben.

In einem Buch, dass ich diesen Sommer gelesen habe, habe ich einen dazu passenden Satz gefunden: Du kannst entweder voller Vertrauen leben oder in Angst. Beides zusammen geht nicht.
Und nun haben Sie die Wahl: Haben Sie Angst oder vertrauen sie dem, der zu ihnen sagt: Nimm dein Bett und geh!
Oder mit anderen Worten: Lebst du wirklich dein buntes Leben, oder malst du es nur schön bunt an?

Amen

zurück

Informationen über diese Website

evangelisch in Velbert · Evangelische Kirchengemeinde Velbert

CSS ist valide!