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Predigt

14. Juli 2019

Wachsen im Glauben

Vor einem Jahr haben wir 500 Jahre Reformation gefeiert. Erinnert ihr euch noch? Luther kocht – usw.?

Und ein ganz zentraler, oft vergessener Gedanke von Martin Luther war: Die Kirche ist immer wieder neu zu reformieren. Auf Lateinisch: Ecclesia semper reformanda est.

Das finde ich ziemlich stark, dass Luther nicht gesagt hat: „So, jetzt haben wir’s. Jetzt haben wir alles einmal durchreformiert. Und so bleibt das jetzt – bis zum jüngsten Tag. Und der Gottesdienst bleibt so, wie ich den jetzt neu entwickelt habe. … Sondern – dieses Neumachen geht immer neu los.“

Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald

Kirche muss immer neu reformiert werden. „Ecclesia semper reformanda“.

Das klingt etwas nach Stress. In Wahrheit geht es aber darum, lebendig zu bleiben. Alles, was lebt, ist in einem ständigen Erneuerungsvorgang. Das fängt schon mit unseren Körperzellen an. Und setzt sich fort in dem, wie wir denken, wie wir glauben und wie wir mit dem Leben umgehen.

Die Frage von Veränderung – und ob wir uns verändern wollen, die begegnet uns immer wieder in unserem Leben.

Ich weiß nicht, ob das bei euch so ähnlich ist wie bei mir, aber – ich bin eigentlich erstmal – bequem. Resistent gegenüber Veränderungen. Soll heißen: Ich bleib eigentlich gerne bei dem, was ich kenne. Und wo ich weiß, wie es läuft.

Aber – ich habe verstanden: Das funktioniert nicht. Warum nicht? Weil das Leben sich ständig verändert. Politik. EU-Parlament. Die letzten Wahlergebnisse – haben unsere Welt verändert. Und definitiv komplizierter gemacht. Zum Beispiel.

Und wir selber veränderst uns. Ein Leben lang. Wir kommen zur Welt als kleines Kind. Wir kommen in den Kindergarten. Wir gehen zur Schule.

Wir bekommen Pickel und kommen in die Pubertät.

Abi, Ausbildung, Studium, Beruf, Partnerschaft.

Wir bekommen selbst Kinder. Die werden größer, kommen in die Pubertät und fangen an, uns komisch zu finden. Die werden groß und ziehen aus und gründen eigene Familien. Und unsere eigenen Eltern werden alt und wir müssen uns um sie kümmern. Und irgendwann beerdigen wir sie.

Das Leben steckt voll Veränderungen – und Chancen, uns weiter zu entwickeln.

Und genauso wie wir uns entwickeln und uns verändern, so verändert sich auch … unser Glaube an Gott.

Ich habe eine Zeitlang gedacht: Ich habe das jetzt kapiert mit Gott. Ich weiß, wie das läuft. Wie das alles zusammenhängt. Und ich glaube ja tatsächlich, dass grundlegende Dinge bleiben: Dass Gott uns liebt, das wird immer bleiben. Dass Gottes Liebe der tragende Grund unseres Lebens ist, das wird immer bleiben.

Aber wie das in unser Leben hineinspricht, wo und wie es uns anspricht und wie wir damit umgehen, das verändert sich. Weil unser Leben sich verändert. Weil wir uns verändern.

Manche Glaubensveränderungen haben mit dem Kopf zu tun. Mit dem Denken.

Bei Kindern ist das so:

Wenn ein Kind was über Gott hört und dabei Glaube entsteht, dann gehört dazu auch der Gedanke: Gott hat diese Welt gemacht. Die ist kein Zufall. Sondern die ist von Gott gewollt und gemacht.

Und irgendwann erfährt man in der Schule oder im Fernsehen oder im Internet, dass unsere Welt sich entwickelt hat. Evolution. Also nicht so, wie sie jetzt ist, fertig aus Gottes Hand kommt. Sondern sie hat sich über Millionen von Jahren entwickelt. Urknall, einfachste Anfänge des Lebens, Landtiere, Dinos usw.

Und wenn wir diese Information bekommen, dann muss sich unser Glaube an Gott weiterentwickeln: Wie passt das denn zusammen – „die Welt von Gott geschaffen“ und „die Welt entwickelt sich“?

Aaah, Gott hat die Welt so geschaffen, dass sie sich entwickeln kann. Ist übrigens sogar in der biblischen Schöpfungserzählung genau so vorgezeichnet. Muss man nur mal genau hinsehen.

Wenn Kinder oder Jugendliche diesen gedanklichen Schritt nicht tun und in diesem vermeintlichen Widerspruch Glauben contra Naturwissenschaft bleiben, dann besteht das Risiko, dass sie aus dem Glauben aussteigen, weil sie sich nicht gegen naturwissenschaftliches Denken entscheiden wollen.

Oder sie entscheiden sich für den Glauben und gegen Naturwissenschaften, was genauso ungesund ist.

Und so ist es wichtig, dass wir uns eigene Gedanken machen. Dass wir uns den Fragen stellen, die uns beim Nachdenken kommen. Und dass wir diese Fragen auch anderen stellen und so miteinander weiterkommen. Um unseren Glauben weiter zu entwickeln und zukunftsfähig zu machen.

Ein zweiter Punkt, wo unser Glauben sich weiterentwickeln kann und muss, den habe ich letzten Sonntag aus dem Open-Air-Gottesdienst mitgenommen. Maret hat darüber gepredigt, dass Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“.

Und sie hat gesagt: Jesus gibt nicht nur Brot, sondern er ist selbst das Brot.

Man könnte es auch so ausdrücken: Jesus ist das Brot – und nicht der Bäcker.

Zum Bäcker gehe ich, wenn ich was brauche: Brot, Brötchen, Marmelade. Kaffee.

Unser Glaube an Gott hat in der Regel viel davon: Ich habe ein Problem. Also gehe ich zu Gott. Ich bete um Hilfe, um Schutz, um gute Ideen, um eine gute Lösung für mein Problem. Not lehrt beten.

Ist auch im Prinzip in Ordnung. In Psalm 50 sagt Gott: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten – und du sollst mich preisen!“

Und da merke ich schon: Bei dem letzten Teil, da geht es einen Schritt weiter. Wenn ich erlebe, dass Gott mir geholfen hat, dann führt mich das in eine tiefere Beziehung zu ihm selbst. Ich preise ihn. Ich liebe ihn. Ich öffne ihm mein Herz.

Jesus ist nicht nur der Bäcker, wo ich hingehe, wenn ich was brauche, sondern er ist selber das Brot des Lebens. Bei ihm werde ich satt auf eine Weise, wie es die meisten anderen Dinge in meinem Leben nicht können. Was nicht bedeutet, dass die anderen Dinge und die Menschen unwichtig sind.

Aber das mit Gott ist noch mal eine andere Dimension: Er ist der Schöpfer. Er hat mich geliebt, bevor meine Eltern überhaupt von mir gewusst haben. Er wird immer da sein und niemals aufhören, mich zu lieben. Ihn zu lieben ist meine tiefste Lebensbestimmung.

In der Theorie ist mir das so ziemlich klar. Aber in meinem praktischen Glaubensalltag – ist Jesus für mich ganz häufig doch … der Bäcker, wo ich hingehe, wenn ich was anderes brauche.

Und mit meinen tiefsten Sehnsüchten und Nöten … was ich damit mach, das geht keinen was an.

Wisst ihr, was ich meine?

Aber irgendetwas in mir wünscht sich diese Art von Glauben, diese Art von Nähe, in der Jesus und Gott im Mittelpunkt stehen. Und da würde ich gerne wieder mehr hineinwachsen.

Und noch ein weiterer Grund, warum Glauben sich weiterentwickeln sollte und muss: Weil das Leben nicht so einfach läuft, wie man lange Zeit gehofft hat.

Als Kind ist das mit Gott und dem Leben sehr einfach. Ich erinnere mich, dass ich als Kind aus dem Kindergarten nach Hause gekommen bin und meiner Mutter erklärt habe: „Mama, ich kann mich jetzt auf die Straße legen und kein Auto kann über mich drüberfahren, weil der Gott passt auf mich auf.“

Anscheinend habe ich das nie wirklich ausprobiert, weil … ich bin ja noch da.

Wir machen uns unsere Bilder von Gott, vom Glauben und der Wirklichkeit.

Und am Anfang ist das bei vielen Menschen so, dass sie im Glauben eine wunderbare neue Welt entdecken: „Wow, Gott ist ja da. Ich bin nicht alleine. Und Gott hat gute Ideen für mich. Und alles macht auf eine wunderbare neue Weise Sinn.“

Und dann entdeckt man, wie Dinge zusammenhängen, und ahnt, dass die Art, wie Gott sich unser Leben vorstellt, die beste Art ist, wie man leben kann.

Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald

Und dann sagt man – oder hört von anderen: „Du musst das einfach so machen… Wenn du Gott ganz vertraust, dann … passiert das und das. Dann wird dein Gebet erhört. Dann wird alles gut.“

Und dann betest du das erste Mal für einen Freund, der an Krebs erkrankt ist, mit dieser eigenartigen Mischung von Hoffnung und Zweifel. Und irgendwie passiert nichts. Und dein Freund stirbt an dieser … Krankheit.

Und was ist dann mit deinem Glauben? Was ist mit Gott? Hat der gepennt? Oder ist das mit dem Glauben einfach alles nicht wahr?

Und dann kommt dein Glaube an Gott in eine Krise. Du merkst: So einfach ist das alles gar nicht. Irgendwie stimmt das letztlich, was du geglaubt hast, aber ganz so einfach ist es doch nicht.

Auch Leute, die an Gott glauben und versuchen, alles richtig zu machen, können scheitern.

Das Leben ist nicht so einfach. Wir kommen in Krisen. Wir fallen auf die Nase.

Und hoffentlich wirfst du den Glauben dann nicht weg.

Hoffentlich hast du dann den Mut, deinen Frust und deine Enttäuschung … wem zu sagen??? Gott!

Und vielleicht erlebst du dann auf einmal, dass du doch nicht alleine bist. Und dass Gott da ist. Und dich immer noch liebt. Und dass es weitergeht. Und dass du auf merkwürdige Art immer noch glauben kannst. Immer noch glauben kannst, dass du in guten Händen bist. Und dass am Ende alles Sinn machen könnte.

Und dass du kein Zufall bist. Und dass du gebraucht wirst. Und so kann deine Freundschaft zu Gott in dieser Krise neu werden. Und tiefer.

Das ist ja auch zwischen uns Menschen so, dass manche Freundschaften durch Krisen und Schwierigkeiten hindurch sich bewähren und tiefer werden, als sie es vorher waren.

Auch darum es wichtig ist, dass unser Glaube sich weiterentwickelt: Weil das Leben nicht so einfach ist. Weil Krisen kommen. Weil Scheitern zum Leben dazugehört. Und weil eins und eins nicht immer zwei ist. Jedenfalls nicht im echten Leben.

Aber auch daran können wir wachsen und reifen.

Und so freue ich mich über Martin Luther und auf seine Idee, dass das, was jetzt ist, noch nicht das Ziel ist! Dass Kirche sich weiterentwickeln kann. Und Glauben wachsen kann. Weil Leben bedeutet zu wachsen. Und zu reifen.

Gott sei Dank!

Amen.

 

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