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Predigt

22.10.2017

„Jedermann sucht Dich!“

Markus 1, 32 – 39

Als die Sonne untergegangen war, brachten die Menschen viele Kranke und Besessene zu Jesus. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür des Hauses, in dem Jesus war. Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden - denn sie kannten ihn.

Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Und Simon (Petrus) und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: „Jedermann sucht dich!“ Und er sprach zu ihnen:„Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige - denn dazu bin ich gekommen.“

Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

 


 

Liebe Gemeinde, eins möchte ich am Anfang ganz offen bekennen: als ich zur Vorbereitung dieses Gottesdienstes diesen Predigttext zum ersten Mal las, dachte ich: „O je – was soll ich denn dazu predigen? Hier passiert so viel – aber alles ist nur ganz kurz und summarisch berichtet - und insgesamt ist das nicht gerade spannend!
Soll ich mir nicht lieber einen anderen Predigttext aussuchen?“
Das habe ich nicht getan!
Und dann – als ich mich auf diesen Predigttext eingelassen habe, habe ich für mich selbst viel Spannendes entdeckt. Ich hoffe, ich kann Sie jetzt auf diesem Weg ein Stück weit mitnehmen. 

Die Geschichte, die wir eben gehört haben, hat zwei Seiten:
eine Abend- und eine Morgenseite.

Zuerst: Die Abendseite der Geschichte:

Es passiert so viel! Menschen erfahren Heil - ganz konkret – und körperlich!
Jesus in voller Aktion! Und immer mehr Menschen werden es, die kommen! Sie bringen Kranke zu Jesus - und er wendet sich ihnen zu.

Menschen kommen ins Heil - Heil-lose Mächte – Dämonen (so hat man sich damals diese Mächte vorgestellt) - verlieren ihre Macht über Menschen - sie müssen offenbar werden - fast scheint es so, als sei mitten auf dieser Erde ein Stück „Heile Welt“ angebrochen!
Sensationell! Traumhaft schön! Himmlisch!
Wie sollte sich das nicht herumsprechen - wie sollte das nicht immer noch mehr Menschen anziehen!

Die neue Welt Gottes bricht an - das Paradiese hier auf Erden – mitten unter uns! Leid – Elend – alle Not findet ein Ende - weil Jesus da ist!

Mir geht es so: DIESEN Jesus hätte ich gerne auch - hier in meinem Leben - hier in meiner Gemeinde - hier in dieser Welt!
Aber schauen wir weiter: Mitten drin in diesem Trubel – in diesem Jubel: Dieses merkwürdige Wort über die Dämonen. Böser Geist – krankmachende Mächte - eben: von den Menschen damals wie Personen vorgestellt - wo Gottes Klarheit und Wahrheit anbrechen - da müssen sie weichen!
Doch selbst DIESE Mächte wollen von seiner Wahrheit zeugen – sie wollen reden - und ER verbietet das!
Noch mehr Menschen würden kommen - noch mehr Auflauf würde es geben - noch mehr Rummel!

Und an dieser Stelle ahne ich jetzt zum ersten Mal: Dieses Idyll - diese heile Welt, von der ich träume - dieser Himmel auf Erden - es wird sie so nicht so einfach für uns geben!

Und nun: Die Morgenseite der Geschichte:

Wenn am Morgen die Sonne aufgeht - und besonders noch in den frühen Stunden davor wenn die ganze Welt klar und still darliegt - dann ist der Rausch verflogen.
Am Morgen stehen die Dinge da – in einem viel nüchterneren Licht. Jesus ist weg - und die, die am Abend noch außer sich waren - haben das noch gar nicht bemerkt!

Machen wir diesen Gedanken nicht klein und reden wir ihn nicht weg - er ist hart! Vor allem für die Menschen, die so viele Wünsche und Probleme zu ihm bringen wollen. Die eine heile Welt wollen. Der Wundertäter - der Wunderheiler - er ist nicht mehr da!

Petrus - und in ihm ist in symbolischer Weise immer auch die ganze Kirche mit in dieser Geschichte - und in ihm ist auch immer eine Seite von mir selbst mit in dieser Geschichte - Petrus bemerkt es plötzlich und mit Schrecken: DIESER Jesus ist nicht mehr da!

Und soooo schnell ist er dann auf dem Weg - er läuft hinterher - versucht, zurückzuholen – festzuhalten - und dieses eine Wort, das er zu Jesus ruft, ist in der Tiefe nur zu wahr:
„Jedermann sucht Dich!“

Pfarrer Martin Schmerkotte Ja - Jedermann - die Nicht-Glaubenden - die Fragenden und Zweifelnden - die, die fest im Glauben stehen
Jedermann sucht IHN,
den Wundertäter - den Heiler - den Mann der klaren Macht-Verhältnisse - den geistlichen Siegertypen.
Diese große geistliche Sehnsucht nach dem Heilen und Wahren. Auch wir selbst stecken wahrscheinlich mit drin in in diesem: „Jedermann sucht Dich!“

Deshalb ist es so ernüchternd und hart, dass Jesus weggeht von diesem Ort der Heilungen und der Wunder.
Vergessen wir nicht: wir stehen ganz am Anfang des Markus-Evangeliums (Markus 1, 32 – 39!) - was hier geschieht, ist geistliches Programm!

Aber was macht Jesus jetzt – ganz allein – am frühen Morgen? Er macht das, wovon ihn die vielen Menschen abgehalten haben. Er betet! Das heißt: Er gründet seine Gegenwart neu in der Ewigkeit des Vaters.

Jesus betet in diesem Moment bestimmt nicht, um dem Vater all die Dinge zu sagen, die ihn bewegen - alles das, was er sich wünscht, was ihn ärgert, wo er sich Sorgen macht.

Ich bin mir sicher: In DIESEM Moment betet Jesus anders - ganz still. Er sammelt sich vor dem Vater. Er redet nicht – er schweigt.

Und dann geschieht das, was in einem solchen Beten in der Stille der Gegenwart des Vaters geschehen kann: Jesus lässt sich neu ausrichten.
In Gottes Gegenwart geborgen findet er DEN Weg, den er von Gott her gehen soll. Nicht auf Gott einreden - sondern hören. Und dann sich senden lassen!
Das ist das Wichtige, auf das es jetzt ankommt.
Das ist das Wichtige, von dem ein Mensch nicht abgelenkt werden soll.
DIESES Beten ist das Beten in der Stille des frühen Morgens.

Und so findet Jesus auf den eigentlichen Weg zurück, auf den er gesandt ist. Auch das ist geistliches Programm im Markus-Evangelium - das Wichtigste zuerst! -
seine eigentliche Botschaft steht im Markusevangelium noch vor unserer Geschichte - sie ist zusammengefasst in den allerersten Worten, die Jesus im Markusevangelium spricht:
„Die Zeit ist erfüllt - das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15)
Diese Botschaft ist Jesus ins Herz gelegt. „Das Reich Gottes ist herbeigekommen – Gott selber ist nah!
Nehmt diese Verheißung ernst - und eben deshalb, weil Gott ganz nah ist:
Kehrt um!
Lebt ein neues Leben - ein Leben, das sich im Wissen um die Gegenwart Gottes gründet. Vertraut! Glaubt an das Evangelium!“

Und in dieser Botschaft gründet sich die harte Seite für diejenigen, die zuallererst die heile Welt im Glauben suchen – das mit Händen zu greifende Heil. Denn nicht zuerst, um idyllische Zustände zu schaffen, hat ihn Gott berufen und beauftragt. Sondern: „Dazu bin ich in der Welt, um den Menschen die Nähe Gottes zuzusprechen -
und den Mut, im Vertrauen auf Gott ein Leben nach seinem Wort und in seinem Geist zu führen!“

Wir wissen: wo Jesus diese Botschaft verkündet hat, ist oft auch Heilsames und Wunderbares geschehen. Und doch ist es wichtig, dass wir nicht übersehen, was sein eigentlicher Auftrag ist. Im Gebet in der Stille vor dem Vater findet Jesus auf seinen eigentlichen Weg zurück.

Wie schwer ist es, diesen Gedanken zu fassen. Nicht, um vor allem alles heil zu machen, ist er da. Sondern zu allererst dazu, dass Menschen umkehren zu einem heilsamen und heilvollen Leben.
Dass sich Menschen verändern - von innen heraus - aus dem Vertrauen zu dem nahen Gott!

Petrus ruft: „Komm zurück!“ Aber Jesus weist Petrus in eine andere Richtung! Das ist für Petrus hart – und das kann eben auch für uns und für die ganze Kirche hart sein. Denn wir hätten wohl so oft und so gerne vor allem diesen Wundertäter bei uns - wir würden wohl oft gerne auch ein bisschen damit geistlich prunken in dieser Welt und vor der Welt. Stellen wir uns doch einmal vor, auch wir selbst könnten so als Gemeinde vor die Welt treten, dass wir sagen könnten: „Kommt zu uns - denn bei uns ist das Heil handfest und wunderbar sicht- und greifbar!“ Es liegt wirklich eine geistliche Versuchung in diesem Gedanken - im Blick auf meine eigene Person zumindest bekenne ich das hier ganz klar und offen!

Aber Jesus weist Petrus – und damit auch uns - in eine andere Richtung:
„Mein Auftrag ist auch Dein Auftrag!“
Und der eigentliche geistliche Weg ist dann eben auch für uns nicht zuerst,
„Zeichen und Wunder in dieser Welt zu tun“ -
sondern Zeug/Innen für seine Botschaft zu sein!
(Allerdings bin ich mir sicher:
Wo wir wirklich Zeug/Innen seiner eigenen Botschaft sind,
da können und werden dann auch – wie bei ihm - Wunder geschehen!)

Trotzdem: Das ist wahrscheinlich erst einmal wirklich ernüchternd,
wenn wir fassen können, was das bedeutet.
Nicht die heile Welt ist uns versprochen – uns ist seine Botschaft aufgetragen!
Aber das kann uns frei machen – eben auch von solchen Wegen, auf denen die geistliche Versuchung liegen kann. Und solches Frei-Werden kann in einem solchen „Beten am frühen Morgen“ geschehen.

Das „Jedermann sucht Dich!“ kann auch eine Versuchung für die Gemeinde sein. Wie gerne wären wir vielleicht gerade so, dass das unsere Wirklichkeit wäre, dass jedermann uns hier in Velbert suchen würde! Weil wir so überzeugend wären in Tat und Wort!

Aber wer seinen Halt stärker wieder in Gott findet - mit der Geschichte gesprochen: wer am Morgen in der Stille vor dem Vater betet - der kann ein Stück weit vom Applaus der Menschen und vom Erfolg der eigenen Pläne und Dinge unabhängiger werden - und gerade so wirklich geistliches Profil gewinnen! Das ist die strahlende Seite der Geschichte für diejenigen, die vor der verneinenden und harten Seite gerade nicht ausweichen!

Auch uns ist zu allererst sein Wort aufgetragen: „Die Zeit ist erfüllt - das Himmelreich ist herbeigekommen. Kehrt um - und glaubt an das Evangelium!“

Alles weitere steht in seinen Händen.

Amen.

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