Osteraugen

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In Piemont, das an der Grenze zwischen Italien und Frankreich liegt, habe ich mal einen interessanten alten Brauch kennengelernt. Wenn am Ostersonntag in der Frühe zum ersten Mal die Kirchenglocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene zum Dorfbrunnen und waschen sich die Augen mit dem kühlen und klaren Brunnenwasser. Find ich eine tolle Idee!

Das Waschen der Augen am Ostermorgen soll metaphorisch einen Schleier von den Augen nehmen. Ich kann die Welt und andere Menschen nicht mehr nur oberflächlich, sondern „österlich“ sehen. Ein geniales Zeichen von Auferstehung und neuer Hoffnung. Ich wünsche uns Oster-Augen!

1. Oster-Augen können entdecken, dass in Jesus Christus das Leben endgültig zum Durchbruch gekommen ist, ein – trotz Leid und Tod – erfülltes und gutes Leben, so wie Gott sich wahres Leben vorstellt. Der Ostermorgen ist der erste Tag der Neuschöpfung dieser Welt. Die Weiche ist unwiderruflich gestellt: Gott wird seine Schöpfung vollenden. Bis der Tod nicht mehr sein wird, und auch kein Leid und kein Geschrei mehr.

2. Oster-Augen verschließen sich nicht vor der Not. Sie werden sensibel für all die Irrlichter, die Zwielichter, die Grauzonen unseres Zusammenlebens.

3. Oster-Augen lassen sich aber auch leichter zudrücken. Sie sehen die eigenen Fehler, sie sehen das Bruchstückhafte und sehen darin doch keinen Grund zu resignieren. Denn sie sehen eine andere Wirklichkeit hinter allem: Die Wirklichkeit Gottes, der diese Welt mit sich versöhnt hat. So können sie auch einmal über die Schwächen der anderen gelassen und großzügig hinwegsehen. Sie können verzeihen.

4. Oster-Augen entdecken Jesus Christus in dieser Welt. So wie die beiden Emmaus-Jünger Jesus erkannten, als er mit ihnen Brot und Wein teilte. Sie konnten ihn nicht festhalten, sie hätten es keinem zweifelnden Außenstehenden beweisen können. Aber sie spürten seinen Geist. Oster-Augen machen neugierig, lehren das genaue Hinsehen und Zuhören.

Auf Tönisheide und in Velbert gibt es keine Dorfbrunnen mehr. Da können wir bergisch flexibel sein und anderes Wasser zu Ostern nehmen. Wie wäre es mit Taufwasser? Könnte man/frau mal probieren!

Foto von Pfarrer Dr. Dieter Jeschke
Pfarrer Dr. Dieter Jeschke