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der Ev. Kirchengemeinde
Velbert


1862 - 2012

 

Preußische Union

und

Vereinigung der evangelischen Gemeinden
in Velbert

 

Vortragsveranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinde
aus Anlass des 150jährigen Jubiläums der unierten Gemeinde Velbert
am 16. November 2012 in der Friedenskirche

 

 

Referenten

Dr. Ingomar Haske
Gerd Lensing

 


 

Gerd Lensing

Einleitung

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde,

vor zwei Jahren haben wir in unserer Kirchengemeinde ausgiebig „450 Jahre Evangelisch in Velbert“ gefeiert. Was damals nicht so sehr in den Vordergrund gestellt wurde, war die Tatsache, dass über weit mehr als die Hälfte dieser Zeit zwei evangelische Gemeinden in unserem Dorf nebeneinander bestanden. Erst seit 150 Jahren haben wir die vereinigte, die unierte evangelische Gemeinde hier in Velbert.

Dass und wie diese Vereinigung 1862 -nicht so ganz freiwillig- stattfand, wollen Dr. Haske und ich heute Abend ein wenig ausleuchten. Dabei kann man die ganze Geschichte der Vereinigung eigentlich an sechs Namen aufhängen:

Fangen wir dabei in Berlin an:  
König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1797 bis 1840)
Königin Luise von Preußen (1797 bis 1810)
In Velbert waren es:  
die Lutherischen Pfarrer  
Daniel Moritz Freymann (1817 bis 1828)
Carl Thiel (1828 bis 1862)
die reformierten Pfarrer  
Johann Wilhelm Diepenbeck  (1811 bis 1830)
Albert Eylert  (1830 bis1871)

Dr. Haske und ich werden ihnen im Wechsel und in mehreren kleineren Abschnitten von der Entwicklung der Reformierten und der Lutheraner hin zur Unierten Kirche im Allgemeinen und im Besonderen erzählen, wobei Dr. Haske sich den allgemeinen Bereich und ich die Besonderheiten in Velbert ausgesucht haben.

Ich kann Ihnen versprechen, dass sich die Geschichte viel, viel spannender darstellt, als man vermuten möchte. Gute Unterhaltung nun beim ersten Vortrag von Dr. Ingomar Haske.

 


 
Dr. Ingomar Haske

Lutheraner und Reformierte - wo kommen die her?

Was ist der richtige Glaube an Jesus Christus? Diese Frage beschäftigte bereits die Urchristenheit in Jerusalem. Müssen Christen erst Juden werden oder geht das auch anders? Ja, ja, schon die junge Christengemeinde hatte unüberwindlich scheinende Probleme.

Die christliche Kirche entwickelte im Laufe der Jahrhunderte das Bild vom übermächtigen Gott im Himmel und dem sündigen Menschen auf der bösen Erde, der zur Erlangung der Unsterblichkeit Hilfe braucht. Und die gab es nur über die christliche Kirche, ihre Päpste und ihre Priester.

Dann kamen die Bibelleser und brachten dieses Weltbild ins Wanken: Petrus Waldus (Waldenser) in Frankreich, John Wiclif in England, Johann Hus in Tschechien, Martin Luther in Deutschland, alle diese Herren lasen in der Heiligen Schrift, die Papst Innozenz III. zu den verbotenen Büchern erklärt hatte, und entdeckten ganz andere Antworten auf die Frage, wie wir Menschen einen gnädigen Gott finden können, nämlich durch Christus allein, durch den Glauben an ihn, aus lauter Gnade und nur durch die Worte der Heiligen Schrift.

Mit dieser Erkenntnis wollte Martin Luther seine Kirche reformieren. Der Papst fürchtete um Macht und Ansehen und es kam in der Folge zum Bruch in der Christenheit. Es entwickelte sich die Gemeinschaft der „Evangelischen“, die von den Anhängern der römisch-katholischen Kirche bis auf den heutigen Tag „die Protestanten“ genannt werden.

Noch zu Luthers Zeiten zerbrach die Einheit der Evangelischen. Ulrich Zwingli in Zürich und Johann Calvin in Genf gingen die Erneuerungen der Lutheraner nicht weit genug. Sie schafften die sonntägliche Messe ab und die gesungene Liturgie, hingen sämtliche Bilder von den Wänden und entfernten die Glocken und die Altäre. Und da in der Kirche nicht mehr gesungen, sondern nur die Psalmen rezitiert wurden, brauchten die Radikalen in der Schweiz auch keine Orgeln mehr.

Die Calvinisten verbannten alles „Römische“ aus ihrem Alltag und ihren Gottesdiensten. Erstaunlicherweise nennen sich die Nachfolger Calvins, die ja die römische Kirche abschaffen und nicht reformieren, also erneuern wollten, bis auf den heutigen Tag „die Reformierte Kirche“.

Hier folgt der Versuch, den Unterschied zwischen den Lutheranern und den Reformierten mit Blick auf ihre Gottesdienstformen aufzuzeigen.

Lutheraner
 
Reformierte

1. Teil

Eröffnung

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“
Luther übernimmt praktisch alles aus der lateinischen Messe. Nur hält er sie in Deutsch.
Neu: Der Pfarrer ist von Anfang an dabei mit den entsprechenden Gewändern, also Talar oder Ornat.

Mit Glaubensbekenntnis

 

1. Teil

Eröffnung

„Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herrn, der den Himmel und die Erde gemacht hat.“ Beachten Sie: Der lutherische Anfang ist „katholisch“! Den wollten die Reformierten nicht.Der Pfarrer trägt einen schwarzen Talar oder kommt in Zivil.
Keine liturgischen Gesänge, dafür:
Psalmlesung und offenes Schuldbekenntnis
Ohne Glaubensbekenntnis

2. Teil

Verkündigung

Sie ist reduziert auf den Pfarrer.
Es gibt mindestens zwei Lesungen (Epistel und Evangelium),
die auch gerne von Lektoren gehalten werden.

 

2. Teil

Verkündigung

Predigt nicht unter 45 Minuten.
Der gesamte Gottesdienst beschränkt sich auf „das Wort“. Später werden Psalmlieder gedichtet und eingeführt. Es darf auch wieder musiziert werden.

3. Teil

Abendmahl

(mit „öffentlichem“ Sündenbekenntnis) mit einigen Änderungen im Text, aber
in beiderlei Gestalt“, also Brot (Hostie) und Wein auch für die Gemeinde.
Immer mit Vaterunser als Tischgebet.

 

3. Teil

Abendmahl

entfällt bis auf Ausnahmen (Karfreitag!), als Erinnerungsfest. Abendmahl dann ohne Vaterunser.
Es wird Weißbrot gereicht. Der Wein ist weiß, um den Wandlungsgedanken auszuschließen.

4. Teil

Segen und Schluss

Viele Lieder gehören zu allen Teilen.

 

4. Teil

Fürbitten, Vaterunser, Segen

Schlusslied ist (heute) üblich.

 


 

Gerd Lensing

Die Nichtvereinigung der Velberter

In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts, nach der napoleonischen Zeit, gehörte unsere Heimat, das alte Großherzogtum Berg-Mark-Kleve-Jülich-Ravensberg auf Beschluss des Wiener Kongresses seit kurzer Zeit zu Preußen. Die Bürgermeisterei Velbert, zum Kreis Elberfeld gehörend, bestand aus insgesamt acht Honschaften, die zwischen Hardenberg im Osten und Homberg im Westen, bei Öfte im Norden sogar bis an die Ruhr reichten. Velbert-Dorf und Velbert-Land hatte damals 1400, Krehwinkel 700, die gesamte Bürgermeisterei 4800 Einwohner. Befestigte Straßen gab es bis auf die Essen-Solinger-Chaussee noch keine, künstliches Licht war bis auf Kerzen und Ölfunzeln noch unbekannt.

In diese Zeit möchte ich mit ihnen eintauchen. Wir erleben das Jahr 1824. Mehr als 200 Jahre Hader und Streit zwischen der Lutherischen und der Reformierten Gemeinde hatten sich tief in die Köpfe und die Herzen der Velberter eingebrannt. Um Alles und Jedes hatte man sich gestritten, von Mund zu Ohr, auf Papier, mit den Fäusten und natürlich auch vor den Gerichten.

Aber nun war in dieser nachnapoleonischen Zeit ein erster Schritt zur Versöhnung getan. Beide Gemeinden waren, angeregt durch die Unions-Anordnung König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der evangelischen Union beigetreten, wenn auch getrennt voneinander, so doch immerhin beide.

Fortan hatten beide Gemeinden auch neue Namen. Sie nannten sich nun „Größere“ und „Kleinere“ Evangelische Gemeinde.

In der Folge dieser ziemlich einschneidenden Veränderungen entstand auch zwischen den beiden Pfarrern, dem der größeren, früher Lutherischen Gemeinde, Daniel Freymann, 32 Jahre alt, aus Voerde gebürtig, und dem der kleineren, früher Reformierten Gemeinde, Johann Wilhelm Diepenbeck, 35 Jahre alt aus Mülheim, ein völlig neues Verhältnis.

Sie stellten fest, dass es außer Unterschieden auch eine Menge Gemeinsamkeiten in ihren Glaubensrichtungen gab. Da sie sich offensichtlich auch persönlich mochten, war es nahe liegend, dass sie es den engstirnigen, verschrobenen Velbertern zeigen wollten und ernsthaft über eine Vereinigung beider Gemeinden nachdachten.

So kann es nicht wundern, dass bereits zum Jahreswechsel 1824/25 ein von beiden Pfarrern und beiden Presbyterien ausgearbeiteter, sehr detaillierter, unterschriftsreifer Vereinigungsvertrag vorlag. Darin waren wirklich alle Punkte, angefangen mit dem unterschiedlichen Abendmahl bis hin zum Salär der Pfarrer, angesprochen und geregelt.

Der fertige Einigungsvertrag war sogar bereits von den Repräsentanten der Kleineren Gemeinde unterschrieben. In dieser Form liegt er noch heute in unserem Archiv, ohne irgendeine Unterschrift der vormaligen Lutheraner. Was war da passiert?

Genau zu diesem Zeitpunkt musste der erkrankte Daniel Freymann eine Kur in einem Solebad antreten und Velbert für einige Wochen verlassen. Offenbar war das Verhältnis zwischen den beiden Pfarrern so gut geworden, dass Daniel Freymann seinen Amtsbruder Johann Wilhelm Diepenbeck bat, ihn während seiner Abwesenheit zu vertreten.

Diepenbeck sagte zwar „Ja“. Aber was machte er daraus? Er sprach alle „Mischeheleute“ an, die sich der Größeren Gemeinde zugewendet hatten - und davon gab es inzwischen eine ganze Menge -, um die verlorenen Schäfchen zurückzuholen. Immerhin sammelte er Unterschriften von 30 bis 40 Familien, von denen dann 4 wirklich zur kleineren Gemeinde übertraten. Dementsprechend sauer reagierte nach seiner Rückkehr Daniel Freymann.

Er konnte absolut sicher sein, dass seine Gemeinde hinter ihm stand und niemand seine Unterschrift unter das ausgehandelte Vertragspapier setzen würde. Schlagartig war man wieder in die Eiszeit zwischen beiden Gemeinden zurückgefallen.

Und Johann Wilhelm Diepenbeck goss weiteres Öl ins Feuer. Unter dem 10. September 1825 schrieb er einen ausgesprochen höflichen Bittbrief, den ich hier zitieren möchte.

„An das Ehrwürdige Presbyterium der hiesigen evangelisch Lutherischen Gemeine.

Da die Hoffnung zu einer allgemeinen Vereinigung gegenwärtig ziemlich erloschen ist, und die beiden Konfeßionen den Gottesdienst vor wie nach also getrennt halten müßen; so kann ich nicht umhin, einen von sehr vielen meiner Gemeindeglieder lang gehegten Wunsch und Auftrag des Presbyteriums zu erkennen zu geben und um deßen Erfüllung ganz ergebenst zu bitten.

Der Mitgebrauch der Orgel gegen eine jährliche Vergütung wird von unserer Seite so sehnlichst gewünscht und jetzt umso mehr, weil in dem neuen Gesangbuche, welches bei uns eingeführt werden wird, mehrere uns bisher unbekannte Melodien vorkommen.

Sollte zu seiner Zeit eine neue Orgel gebaut werden, so wird meine Gemeine alsdann die Hälfte der Kosten tragen. Um eine genügende Antwort innerhalb acht Tagen ersuchet höflich

der evangelische Pastor Johann Wilhelm Diepenbeck“

Die Antwort von Daniel Freymann kennzeichnet die Stimmung bei den Lutheranern. Unterdrückter Zorn und Erregung sprechen aus jeder Zeile dieses Briefes, der natürlich erst nach der erbetenen Frist geschrieben ist und dessen Anfang ich hier ebenfalls zitiere:

„Lieber Diepenbeck,

auf dein Verlangen, deiner Gemeinde unsere Orgel gegen eine jährliche Vergütung zum Mitgebrauch zu überlaßen, kann ich von Seiten unserer Kirchen nur abschläglich antworten. Der Zeitpunkt für eine Zumuthung dieser Art war wirklich nicht gut gewählt. Es gehört Gutmüthigkeit dazu, zu vergessen, daß du in unserer Gemeine Unterschriften für deine Zwecke gesammelt hast...“ u.s.w., u.s.w.

Dieser Briefwechsel bedeutete, trotz einer Entschuldigung von Diepenbeck, die vorläufige Rückkehr in die Streitereien der letzten 200 Jahre.

So ging nicht nur die fast schon vollzogene Vereinigung der beiden Evangelischen Gemeinden verloren, sondern es entstand genau aus diesem „faux pas“ der Orgelstreit mit drei Gerichtsprozessen in Velbert, Düsseldorf und Köln, der mit dem Ergebnis endete, dass die Velberter Kirche 50 Jahre lang zwei Orgeln beherbergte. Das Ergebnis dieses Streites aber erlebten sowohl Daniel Freymann als auch Johann Wilhelm Diepenbeck nicht mehr. Freymann verstarb 1828, erst 36jährig und Diepenbeck ging 1830 als Prediger nach Hattingen.

Beide Gemeinden ersetzten ihre verlorenen, noch jungen Prediger durch noch jüngere. Die größere Gemeinde wählte 1828 den 26jährigen Johann Carl Thiel aus Burscheid zu ihrem Pfarrer, die kleinere zwei Jahre später den 29jährigen Albert Eylert aus Elberfeld.

Ob es daran lag, dass die beiden neuen Pfarrer mit jugendlichem Elan die Sache angingen, oder ob sie als „Bergische“ mit viel Verständnis mit ihren Velberter „Dickköpfen“ umgehen konnten, oder ob es nur der Druck der eigenen Synode war, ist nicht nachvollziehbar. Jedenfalls fanden 1831 bereits wieder erste Verhandlungen zur Vereinigung statt. Aber immerhin benötigten auch die Beiden sechs Jahre, bis einen neuer verhandelbarer Einigungsvertrag auf dem Tisch lag, der dann 1842 mit mehreren Änderungen zur Abstimmung in beiden Gemeinden vorgelegt wurde.

Dieses Mal war es die kleinere Gemeinde, die bremste. Die Vereinbarung über die beiden Orgeln gefiel einigen Mitgliedern der Repräsentation nicht. Also: Wieder nix!

Die beiden agilen Pfarrer mussten, wie wir heute wissen, weitere zwanzig Jahre lang am Thema arbeiten, bis es endlich zu einer Einigung und einer Vereinigung kam.

Darüber später mehr.

 


 

Dr. Ingomar Haske

Die Bildung der preußischen Union

„Cuius regio, eius religio“, das gilt seit dem Augsburger Frieden von 1555 für das römische Reich deutscher Nation, was heißt, die Religionszugehörigkeit des Herrschers gilt für sein Volk.

Im Blick auf Preußen beginnen wir mit Johann Sigismund von Brandenburg, der dieses Herzogtum erbte und 1613 „Calvinist“ wurde. Preußen wurde also generell reformiert, wobei ich gelesen habe, dass schon Johann Sigismund nach der Einheit der Protestanten strebte. Nun starb er bereits 1619 und seine Nachfolger agierten fleißig gegen die Lutheraner im Lande. Wie allgemein bekannt sein dürfte, wurde der hochverehrte Paul Gerhard, der lutherische Pastor und Liederdichter, im Jahre 1666 aus Berlin vertrieben und landete verärgert in der Provinz, genau gesagt, in Lübben im Spreewald.

Die Zeit verging, bis nach Napoleon und dem Wiener Kongress 1814/15 Europa neu aufgeteilt wurde. Das Rheinland mit seinen vielen Lutheranern kam nach Preußen und der preußische König Friedrich Wilhelm III. bekam ein Problem, weil seine Frau Luise, die damalige Königin der Herzen, ihrem Mann ständig in den Ohren lag mit den Plänen zur Vereinigung der Evangelischen in ihrem Reich, insbesondere im Rheinland.

Im Jahre 1817 war es so weit, dass erste Formulierungen einer Preußischen Union entstanden, mit der die Vereinigung der Protestanten im preußischen Reich gelingen sollte. Der Text fand Eingang in die Geschichte unter dem Namen Altpreußische Union, ApU. Es wurde versucht, durch königliche Verordnung die feindlichen Brüder ohne Aufgabe ihrer unterschiedlichen Bekenntnislehren in eine Gemeinschaft im Abendmahl, in der Gottesdienstordnung und im Kirchenregiment (=Verwaltung) zusammenzuführen, wobei das „jus liturgicum“, das Recht der Gottesdienstgestaltung, beim örtlichen Presbyterium lag. Und das ist bis heute so. Wir können das beklagen, aber es ist halt so, dass im Rheinland jede Gemeinde ihren eigenen Gottesdienstablauf pflegt, so auch innerhalb des Stadtgebietes von Velbert.

Nun schauen wir mal, was sich im Gottesdienstablauf nach der Einführung der preußischen Union verändert hat.

 

Preußische Union

1. Teil

Eröffnung

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herren, der den Himmel und die Erde gemacht hat...“.
Psalmlesung und Schuldbekenntnis mit „Kyrie“ als Antwort und Zusage der Vergebung mit „Gloria“
Glaubensbekenntnis in jedem Gottesdienst erst seit der Barmer Bekenntnissynode von 1934

2. Teil

Lesungen
Auslegung/Predigt

Grundsätzlich kann der gesamte Gottesdienstablauf von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sein, je nach Entscheidung der örtlichen Kirchenleitung.
(Das Ius liturgicum liegt beim Presbyterium)

3. Teil

Abendmahl

regelmäßig, etwa 1 x im Monat.
Es wird Weißbrot gereicht.
Der Wein ist fast immer rot und dazu gibt es auch Traubensaft.
Vaterunser als Tischgebet je nach Belieben des Pfarrers bzw. der örtl. Kirchenleitung.

4. Teil

Fürbitten, Vaterunser, Segen

Schlusslied

 


 

Gerd Lensing

Die Vereinigung der Velberter

1862 ist es inzwischen geworden. Aus den agilen Twens Johann Carl Thiel und Albert Eylert, die wir kennengelernt haben, sind reife Männer geworden, die beide die 60 bereits überschritten haben. Die Vereinigung ihrer Gemeinden hat sich tatsächlich zu ihrer beider Lebensaufgabe ausgeweitet, aber die Vollendung steht jetzt vor der Türe.

Die besonders schwierigen Punkte einer Einigung, nämlich Abendmahl und Orgeln, sind nach filigranen, jahrelangen Gesprächen und Diskussionen endgültig vom Tisch. Am 27. April 1862 wird der Unionsvertrag vom Superintendenten und den Repräsentanten beider Gemeinden unterschrieben, am 20. August vom zuständigen Ministerium und am 11. September vom Königlichen Consistorium in Koblenz genehmigt.

Nur knapp zwei Wochen nach der Vertragsunterzeichnung vom 27. April gibt es in der neuen Velberter Gemeinde einen Schock. Am 10. Mai verstirbt Johann Carl Thiel, der lutherische Pfarrer, sein großes, bisher unerreichtes Ziel unmittelbar vor Augen. Diesen Schock, denke ich, können wir heutigen Gemeindeglieder gut nachvollziehen.

Lassen sie mich noch etwas näher auf die Einigung bei den besonders strittigen Punkten, nämlich Abendmahl und Orgel, eingehen.

Die Orgeln scheinen nun fast nebensächlich geworden zu sein. Sie finden nur noch in einem lapidaren Satz Erwähnung, der da lautet: „Die Gemeinden einigen sich in Betreff der beiden vorhandenen Orgeln dahin, dass diese zu einer vereinigt und zu einem guten Werke ausgebaut werden.“

Bereits 7 Jahre später wird dieser Beschluss aber nicht mehr eingehalten, denn die neuere, die vormals reformierte Orgel wird nach Westfalen verkauft und Teile der schon über 130 Jahre alten lutherischen Orgel werden zum 100. Jubiläum der Kirche in eine neue Orgel integriert.

Die enge Auslegung des gemeinsamen Abendmahls dagegen lässt uns heute nur noch staunen, sind wir doch gewohnt, unser Abendmahl in sehr breit gestreuten Variationen zu feiern. Die Einigung damals lautete:

„Das Abendmahl wird 12mal im Jahr, immer am 1. Sonntage jeden Monats mit Ausschluss derjenigen ausgeteilt, in welchen die hohen Feste fallen, indem dann diese Austeilung am 2. Festtage stattfindet.

Bei der Austeilung werden die Einsetzungsworte Jesu Christi gesprochen und das Brot wird gebrochen. Dieses soll, wie bisher in der größeren Gemeinde üblich, die Form und Größe zweier aneinander gebackenen Hostien und die Substanz des gewöhnlichen Weißbrotes haben, wie es in der kleineren Gemeinde gebraucht wird.

Brot und Wein zur Austeilung werden aus Mitteln der Kirchenkasse bestritten, der in der kleineren Gemeinde übliche Beichtpfennig fällt weg.

Die Vorbereitung zum Genusse des heiligen Abendmahls ist gewöhnlich am Samstagnachmittag um 2 Uhr, in der Festzeit aber gleich nach beendigtem Nachmittagsgottesdienst des 1. Festtages. Sie geschieht durch den Prediger, der die Woche nicht hat, die Austeilung selbst aber wird in der Regel von beiden Predigern wahrgenommen.“

Eine Gemeindefeier zur Vereinigung wurde nach Abwicklung aller Formalitäten auf den 19. November 1862 festgelegt.

Superintendent Taube, Assessor Dürselen und Scriba Kirschstein von der Kreissynode kamen nach Velbert, um den Gottesdienst zu halten. Der Superintendent predigte über Ps. 64, 10/11. Die „zahlreich“ erschienene Gemeinde sang die Lieder „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr“, „Herz und Herz vereint zusammen“ und „Nun danket alle Gott“.

Nach dem Gottesdienst wurden die „überflüssigen“ Presbyter und Repräsentanten durch Losentscheid ermittelt, und zwar ohne Berücksichtigung der bisherigen Gemeindezugehörigkeit. Am Nachmittag wurde die Friedenseiche gepflanzt, und dann ging es in ausgesuchte Gasthöfe zum Feiern. Die Auswahl dieser Gasthöfe erfolgte übrigens danach, ob sie bereit waren, ein Essen für 7 ½ Silbergroschen anzubieten.

Der Start der unierten Gemeinde fand mit dem Tod von Johann Carl Thiel vom ersten Tag an unter erschwerten Bedingungen statt. Immerhin konnte schon zum 1. April 1863 der Hilfspfarrer Carl Berns für Velbert gewonnen werden. Doch damit beginnt bereits ein neues Kapitel in der Geschichte unserer Gemeinde.

 


 

Dr. Ingomar Haske

Gedanken zur Situation der Evangelischen in Velbert

Die Abläufe in unseren Gottesdiensten haben sich in den Jahren stark verändert. Jeder Pfarrer kann da frei schalten und walten. Ich kann das beklagen, habe mich aber daran gewöhnt, dass sich in unseren Kirchen eine Zettelwirtschaft breit gemacht hat. Siehe die nachfolgende Zettelkopie aus einem Gesangbuch:

Aber muss immer alles reglementiert werden?

Vorbei sind die Zeiten, als ein erster Velberter Pfarrer Kerzen in die Christuskirche stellte. Was haben da die Lutherischen gewettert! ! ! Heute würde uns etwas fehlen, wenn die Kerze auf dem Abendmahlstisch nicht brennt. Und dieser Abend-mahlstisch darf ruhig Altar genannt werden.

Es gibt in unserer Gesamtstadt Velbert Gemeinden mit unterschiedlichen Namens-gebungen. Vor allem Langenberg und Neviges nennen sich noch ausdrücklich evangelisch-reformierte Gemeinden, verwenden in ihren Gottesdiensten aber alle den einstmals verhassten Eingangsspruch der Römisch-Katholischen: „Im Namen des Vater und des Sohnes etc“.

Die Unterschiede der Glaubensformen haben sich längst abgeschliffen. Wir alle haben andere Sorgen, als uns über Formulierungen zur Abendsmahlsfrage, zur Prädestination und zur Beichte die Köpfe heiß zu reden. Im Grunde verdanken wir den längst verblichenen Hohenzollern in Berlin für unser weltoffenes Rheinland die Abkehr vom Radikalismus und die Anerkennung der anderen Meinung als eine Selbstverständlichkeit.

Auch mit unseren katholischen Nachbarn leben wir schon lange im Frieden. Keiner von uns klopft mehr am Fronleichnamstag seine Teppiche aus als Revanche zu derlei Aktivitäten an unserem höchsten Feiertag, dem Karfreitag. Herr Ratzinger sprach uns Evangelischen vor kurzem noch ab, Kirche zu sein und schlug viele Türen zu, die sich mit dem Zweiten Vatikanum in der Ökumene geöffnet hatten. Wir in Velbert bleiben offen für alle Veränderungen, die uns treffen können. Und hoffen auf ein einvernehmliches Leben unserer christlichen Gemeinden.

 


 

Gerd Lensing

Die Friedenseiche

Wer kann sich noch an sie erinnern, die mächtige Eiche neben der Alten Kirche? Gepflanzt wurde sie 1862, das ist dokumentiert. Gefällt wurde sie bei der Errichtung unseres heutigen Offerplatzes zwischen 1975 und 1980. Darüber gibt es keine Unterlagen.

In den fast 120 Jahren ihres Lebens ist sie nie auffällig geworden. Sie stand einfach da im Zentrum unserer Stadt und hat, wie kaum ein anderer Zeitzeuge, deren Wachsen und Gedeihen verfolgen können. Sie erlebte die Industrialisierung von Velbert von ihren Anfängen bis hin zum Höhepunkt, sie erlebte das Wachsen der Bevölkerung von anfangs etwas mehr als 2.000 auf über 55.000. Sie erschien mit viel Aufsehen und im Beisein vieler Gemeindeglieder. Sie verschwand still und ohne einen Nachruf.

In einem Lageplan im Kirchenarchiv aus 1959 sind noch ihr genauer Standort und ihr damaliger Stammdurchmesser mit 100 cm angegeben. Ein letztes bekanntes Foto stammt aus dem Juni 1975.

Ich bin sicher, dass beim Fällen dieser Eiche kaum noch jemand gewusst hat, wie sie neben die Alte Kirche kam und mit welch tiefgehender Symbolik ihr Erscheinen in Velbert verbunden war.

Der 19. November 1862 war der Tag, an dem sich nach fast 250 Jahren Streit und Hader die beiden evangelischen Gemeinden in Velbert, die Lutheraner und die Reformierten, zu einer evangelischen Gemeinde vereinigten. Als äußeres Zeichen der wiedergefundenen Einheit wurde nachmittags an der Kirche die Friedenseiche gepflanzt. Pastor Kirschstein, der Scriba der Synode Elberfeld, hielt aus diesem Grunde auf dem Kirchplatz eine Rede. Einen Auszug daraus möchte ich hier - nicht nur der wort- und symbolreichen deutschen Sprache der Romantik wegen - vorlesen:

Als vor nun bald 50 Jahren unser deutsches Vaterland nach blutigen Kämpfen frei geworden war von dem Joche eines fremden Bezwingers (gemeint ist Napoleon) und „das edle Friedens- und Freudenwort erschollen war, daß nunmehr ruhen sollten die Spieß und Schwerter und ihr Mord“; da traten in vielen Städten deutsche Männer zusammen, eine Eiche feierlich als Symbol des Friedens zu pflanzen, damit die kommenden Geschlechter an ihrem Gedeihen sich erfreuen und in der Erinnerung Theil nehmen könnten an der Freude der Väter und Ahnen über den endlich errungenen Frieden.

Wir haben heute hier an diesem Friedenstage ein Aehnliches gethan und unter den Gesängen der Kinder diese Eiche gepflanzt, den kommenden Geschlechtern zum Gedächtniß. Die beiden Gemeinden, welche sich hier in dieser Kirche beide auf dem Grunde des Wortes Gottes erbauten, deren Kinder sich lange vereinigt um die selben Lehrer schaarten, deren Todte in Frieden auf einem Kirchhofe schlummern, dennoch auseinander gehalten durch den Streit um Kleinigkeiten, haben heute dem jahrelangen Hader ein Ende gemacht, sich in Frieden zu einer Gemeine zusammengeschlossen und gemeinsam diese Friedenseiche gepflanzt. Ein Friedenswerk ist diese Pflanzung, einen Friedensgruß soll sie Euch und Euren Kindern bieten. Frieden sei mit euch!

Ausgerechnet im 450. Jubiläumsjahr der Gemeinde und fast 50 Jahre nach ihrem Verschwinden, ist diese Eiche dann wieder aufgetaucht. Natürlich nicht in natura, sondern auf einem Bild aus privater Hand, das ein unbekannter Künstler vermutlich in den 20er oder 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschaffen hat. Im Bildmittelpunkt steht die Alte Kirche, links daneben das Gebäude des damaligen Cafe Kitz und rechts daneben, vor dem Haus „aufm Stück“, unsere Friedenseiche in einer damals schon imponierenden Größe. Dieses Bild wurde übrigens für die „Spendenuhrkunde“ verwendet.

Immerhin hat die unierte evangelische Gemeinde ihre Friedenseiche schon um mehr als 40 Jahre überlebt, und alle Anzeichen sprechen dafür, dass sich diese Zahl noch erheblich vergrößern wird.

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Mitarbeiter des Archivs

 

 

Dr. Ingomar Haske



Wolfgang Erley

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