Inhaltsbereich

aktuell

Predigt

Karfreitag, 14. April 2017, Markuskirche

Predigt: Pilatus (Mattheus 27,1+2.11-26)

Wisst ihr, welche Personen, welche Menschen in unserem Glaubensbekenntnis mit Namen genannt werden?

Genau: Jesus und Maria und – Pontius Pilatus.

Jesus – ist klar: Die zweite Person der Dreieinigkeit. Gott als Mensch auf der Erde. Maria als Mutter von Jesus, das geht auch noch klar.

Aber wie um alles in der Welt hat es ausgerechnet Pontius Pilatus ins Glaubensbekenntnis geschafft, sodass sein Name Sonntag für Sonntag rund um den Globus in christlichen Gottesdiensten genannt wird?

Wie oft kommt er denn in der Bibel vor?

Genau in einer einzigen Begebenheit: Er hat Jesus zum Tode verurteilt. Das war’s auch schon.

Genau genommen hat er das zweite Todesurteil über Jesus gefällt. Das, was juristisch erforderlich war, damit Jesus gekreuzigt werden konnte.

Die eigentliche Verurteilung hat schon viel früher stattgefunden. Im Markusevangelium ist Jesus gerademal drei Seiten unterwegs, hat gerade einen Menschen geheilt, am Sabbat, hat damit gegen die Spielregeln verstoßen und die provozierende Frage gestellt, ob die Regeln da sind, um dem Menschen zu dienen, oder ob die Menschen dafür da sind, den Regeln zu dienen.

Pfarrer Uwe Flaig

Schon hier ging es um die Frage, ob es beim Glauben um Liebe geht, oder um ein religiöses System, das den Zugang zu Gott regelt und verwaltet.

Damit hat Jesus die Wächter der Religion herausgefordert. Und die zögern keinen Moment. Markus 3, Vers 6: „Die Pharisäer trafen sich mit den Anhängern des Herodes und fassten gemeinsam den Beschluss: Jesus muss sterben.“

Also schon ziemlich zu Anfang des Markusevangeliums wird klar, worauf die Sache hinauslaufen wird.

Und so kommt es dann am Ende: Jesus wird von den Soldaten der jüdischen Tempelwache gefangen genommen. Er wird vom obersten Priester Kaiphas verhört. Die entscheidende Frage heißt:

„Bist du der Christus, der Sohn Gottes?“

Jesus antwortet: „Ich bin es. Und ihr werdet sehen, wie der Menschensohn an der rechten Seite Gottes sitzt.“

Da zerriss der Oberste Priester sein Gewand und sagte: „Ihr habt die Gotteslästerung selbst gehört! Was ist euer Urteil?“

Sie antworteten: „Er ist schuldig und muss sterben.“
Ein Mensch, der sagt, er ist Gottes Sohn, er ist Gott selbst, als Mensch auf dieser Erde, das passte nicht in ihr Konzept vom Glauben.
Und ein Gott, der uns so nahekommt, das passte erst recht nicht in ihren Glauben. So ist Gott nicht. Das macht der nicht.
Und so konnte und musste der Störfall Jesus final entsorgt werden.

Hier fand der wirkliche Machtkampf statt. Religion hat Spielregeln. Deswegen braucht es Wächter wie den obersten Priester Kaiphas.
Eigentlich merkwürdig, dass nicht sein Name im Glaubensbekenntnis steht. Er war letzten Endes der Hauptgegner von Jesus.
Wie kommt Pilatus in dieses Spiel hinein?
Das hat mit einer kleinen Besonderheit im damaligen Machtsystem zu tun. Israel war von den Römern erobert worden. Und die Römer haben sich Todesurteile und ihre Ausführung selbst vorbehalten.
Deswegen dieser zweite, ziemlich eigenartige Prozess vor Pilatus, betrieben von Kaiphas und seinen Handlangern. Mit veränderter Anklage: Jesus soll vorhaben, „König der Juden“ zu sein.
Innerjüdische Religionsstreitigkeiten hätten den Römer Pilatus keinen Millimeter motiviert, Jesus hinrichten zu lassen.
Aber „König der Juden“, das klingt nach Befreiungsbewegung und Volksaufstand. Das kann man sehr politisch verstehen. Und damit wird das für Pilatus zu einem verminten Gelände.
Nach allem, was wir sonst über Pilatus wissen, hat er in solchen Fällen, wo die Macht Roms herausgefordert wurde, nicht lange gefackelt. Er hatte normalerweise keine Skrupel, Menschen innerhalb einer Sekunde zum Tode zu verurteilen.
Hier, in der Begegnung mit Jesus, erscheint er ausgesprochen zögerlich.
Riecht er den Braten, dass er hier von Kaiphas letztlich nur benutzt wird und für sein böses Spiel eingespannt wird? Ist es etwas an der Person von Jesus, was Pilatus zögern lässt? Ist es seine Frau, die ihn aufgrund eines Traumes davor warnt, sich an Jesus zu vergreifen?
Pilatus stellt Jesus eine einzige Frage: „Bist du der König der Juden?“
Und Jesus antwortet: „Du … sagst es“.
Dieser Satz war in der Sprache von Jesus damals genauso doppeldeutig, wie im Deutschen heute.
Das kann bedeuten: „Du sagst es.“ Also: „Ja“.
Das kann man aber auch so hören: „Du sagst es.“ Und nicht ich. Damit würde Jesus den Ball an Pilatus zurückspielen.

Vielleicht lässt Jesus die Antwort auch bewusst in der Schwebe: Einerseits ist er ein König. Auf der anderen Seite hat sein Königsein nichts mit dem zu tun, was sich die Menschen damals darunter vorgestellt haben.
Das betrifft sowohl die Königsvorstellungen der Juden, die damals auf den Messias gewartet haben, wie auch das, was sich der Machtmensch Pilatus unter einem König vorgestellt hat.
Und jetzt beginnt das Taktieren des Pilatus. Würde Pilatus Jesus wirklich für gefährlich halten, dann würde er ihn mit einem Wort zum Tode verurteilen und alles wäre gegessen.
Stattdessen versucht er Jesus zu retten. Mit einem taktischen Manöver.
Gab es da nicht den alten Brauch, zum Passafest einen Gefangenen freizulassen? Und war es nicht eine ausgezeichnete Möglichkeit, diese Karte jetzt zu ziehen? Pilatus würde das Volk wählen lassen zwischen Barabbas, einem Aufwiegler und Mörder, und Jesus, der ja nicht nur Liebe gepredigt hat, sondern der ja auch viele Menschen geheilt hat und vielen Menschen Gutes getan hat.

Man könnte sagen: Das ist mutig von Pilatus. Er kann sich zwar ein Stück weit hinter dem Volk verstecken und sagen: Das Volk hat so entschieden. Aber letztlich müsste er gegenüber Rom dafür geradestehen, dass er Jesus freigelassen hat, der als messianischer König angeklagt war.
Auf der anderen Seite könnte man sagen: Das ist feige von Pilatus, dass er dieses Intrigenspiel des Obersten Priesters überhaupt mitmacht, sich von Kaiphas benutzen lässt und nicht genug Popo in der Hose hat, um dem Kaiphas die Stirn zu bieten.
Am Ende geht das taktische Manöver des Pilatus nicht auf. Die Menge lässt sich radikalisieren, wird zum Instrument des Kaiphas und fordert von Pilatus, dass er Barabbas freilässt und Jesus kreuzigt.
Und so fügt sich Pilatus den Umständen, obwohl er es eigentlich besser weiß. In dem Moment, wo er merkt, dass er sich selbst in Gefahr bringt, da überantwortet er Jesus den Henkern.
Und wäscht vorher seine Hände in Unschuld: „Mich trifft keine Schuld an seinem Tod. Das ist eure Sache.“
Pilatus ist in dieser Geschichte keine treibende Kraft. Er ist eher ein Getriebener.
Er lädt in dieser Geschichte Schuld auf sich. Aber er ist hier nicht der abgrundtief Böse.
Er lässt es zu. Er tut nichts dagegen. Er hat selber nichts gegen Jesus. Er wollte nicht, dass Jesus ans Kreuz kommt. Er scheut lediglich den Druck der Massen.

Er scheut den Ärger, den er mit dem Kaiser bekommen würde, wenn es in Palästina einen Aufstand um Jesus gibt, und herauskommt, dass er da einen Fehler gemacht haben könnte.
Statt, dass da möglicherweise Tausende ums Leben kommen, ist es doch besser, wenn nur einer geopfert wird. Sicher ist das nicht schön, aber muss man das nicht tun, wenn man politische Verantwortung hat? Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld. Wegen ihm hätte Jesus nicht zu sterben brauchen.
Ist es nicht das, was wir oft auch denken?
Ich bin stolzer Besitzer von einigen neuen T-Shirts.
Und ich war verblüfft – und erschrocken, als ich das Preisschild gelesen habe. Hat jemand ’ne Ahnung, was so ein einfaches T-Shirt kostet?
2,99 Euro. Und das ist noch nicht der reduzierte Preis.
Für drei Euro wird die Baumwolle angebaut und geerntet, zu Garn verarbeitet, der Stoff gestrickt, das Ganze gefärbt, zugeschnitten und genäht und mehrere Tausend Kilometer transportiert und vermarktet.
Da gibt es einen Konzern, der damit Profit erwirtschaftet. Und dann kostet das Ganze am Ende 2,99 Euro.
Das kann doch nicht richtig sein. Und trotzdem gehen wir nicht los und suchen, wo wir das gleiche T-Shirt für 10,00 Euro kaufen könnten.
Wir wüssten ja nicht, wer dann daran verdienst. wieder so ein Konzern. Und außerdem ist die eigene persönliche Situation gerade unsicherer geworden, das Netto-Einkommen hat sich verschlechtert. Da ist ein T-Shirt für 2,99 wenigstens ein klitzekleiner Ausgleich.
Die Wahrheit ist – und das wissen wir: Für unsere Handys gehen anderswo auf der Erde Menschen unter sklavenähnlichen Verhältnissen in Bergwerke und holen seltene Erze aus dem Boden.
Wie günstige Kleidung entsteht, ist bekannt.
Mein Wohlstand beruht zu einem Teil darauf, dass Menschen unter menschenunwürdigen Verhältnissen für mich arbeiten.
Nein, ich schicke nicht selber einen Sklaven ins Bergwerk. Aber ich tue auch nichts dagegen.
Und da finde ich gibt es eine große Parallele zu Pilatus: „Die Umstände sind halt so. Wir sind sicher nicht ganz schuldlos, aber was sollen wir denn tun?“
Bei den meisten globalen Problemen wie Klima, Umwelt, Hunger, Armut können wir kaum unsere Hände in Unschuld waschen.

Die Welt liegt nicht nur deshalb im Argen, weil es einige rücksichtslose Politiker und Diktatoren gibt.
Die Welt liegt auch deswegen im Argen, weil wir so leben, wie wir leben. Wir retten unseren Lebensstandard, schließen die Augen und waschen unsere Hände in Unschuld.
Ich frage mich, ob es letztlich eine Art göttliche Weisheit ist, dass der Name von Pilatus im Glaubensbekenntnis steht. Vielleicht kann ich dort auch meinen Namen einsetzen.
Es kann ja sein, dass Jesus auch unter mir leidet. Und dass ich ihn durch das, wie ich lebe, mit ans Kreuz bringe.
Karfreitag ist kein einfacher Tag. Wir werden damit konfrontiert, wie sehr Gott an seiner Welt leidet. Auch manchmal an uns leidet.
Wir werden mit unserer eigenen Schuld konfrontiert. Aber – und das ist das Gute, und das macht es möglich, diese Dinge an uns heran zu lassen:
Wir werden damit konfrontiert unter dem Vorzeichen, dass Jesus sich all diesen Schlamassel schon längst selbst angezogen hat und für uns ans Kreuz getragen hat.
Wir machen nicht alles richtig. Und wir sind in Dinge verwickelt, aus denen wir uns kaum raushalten und befreien können, wo wir aber auch nicht unsere Hände in Unschuld waschen können.
Das alles bringt ihn ans Kreuz. Und gleichzeitig ist Jesus diesen Weg ans Kreuz ganz bewusst gegangen, damit nichts, aber auch gar nichts uns von Gottes Liebe trennen kann.
Davon leben wir letzten Endes: Nicht dass wir alles richtigmachen. Sondern, dass unsere Schuld bezahlt ist. Dass wir geliebt sind, egal was passiert.
Und – das gibt dann überhaupt erst die Kraft, die Dinge zu ändern, die wir verändern können.

Amen.

 

zurück

Informationen über diese Website

evangelisch in Velbert · Evangelische Kirchengemeinde Velbert

CSS ist valide!