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Predigt

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis (18. 06. 2017) in der Alten Kirche;
gehalten von Pfarrer Martin Schmerkotte

Predigt: „ …. dass Ihr das Leben hättet!“ (Johannes 5, 39 - 40)

Jesus spricht (im Streit mit Menschen, die in Frage stellen, ob sein Tun im Einklang mit Gottes Willen steht):
„Ihr sucht in den Schriften,
denn ihr meint,
ihr habt das ewige Leben darin!
Und gerade die Schriften sind es,
die von mir zeugen!
Aber ihr wollt nicht zu mir kommen,
dass ihr das Leben hättet.“

Moment! – denke ich – gerade 2017 - im Jubiläumsjahr der Reformation: Wird hier nicht die Bedeutung der Bibel - das Gewicht der Heiligen Schrift - abgewertet?

Sie kennen dieses fundamentale Leitwort Martin Luthers: „Sola scriptura!“ - „Allein die Heilige Schrift!“ Allein in der Heiligen Schrift findet ein Mensch das, was für sein Heil wichtig ist - allein hier wird ausgebreitet, welches Heil uns Gott in Christus bereitet hat - allein hier ist der Grund und das Fundament für den tiefen Frieden des Herzens und der Seele in Gott.

Wird das nun doch alles wieder in Frage gestellt? Von Jesus selbst? Wenn er sagt: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin.“

Ich möchte Ihnen eine kleine Szene aus der englischen Erweckungsbewegung erzählen: Da kommt der englische Prediger Spurgeon mit einem jungen Mann über den Glauben ins Gespräch. Nach einiger Zeit sagt der junge Mann - um das Gespräch zu beenden: „Das mit dem Glauben ist nichts für mich - ich will ja noch ein bisschen vom Leben haben!“

Darauf Spurgeon: „Sie geben sich mit sehr wenig zufrieden: „Ein bisschen vom Leben!“ Jesus will Ihnen das ganze Leben schenken!“

Pfarrer Martin Schmerkotte
Foto: Kerstin Parschat
Diesen einen Gedanken in der Tiefe begreifen! Wir geben uns mit sehr wenig zufrieden, wenn wir meinen, Glauben – das hieße: auf alle möglichen Seiten des Lebens zu verzichten - vor allem: ein freudloses Dasein zu fristen - wo der Glaube anfängt, da wird das Leben fad - ein Leben, das wir eigentlich gar nicht wirklich leben wollen.

Und ich gebe zu: der Glaube wurde oft wahrscheinlich auch so gepredigt, Bilder vom Leben im Glauben, die wirklich freudlos sind - bei denen Menschen sich ernsthaft die Frage stellen: „Will ich wirklich so leben?“

Jesus selbst weist uns an dieser Stelle den Weg in die Tiefe - dahin, wo der eigentliche und lebendige Quellgrund des Glaubens liegt. Und wer mit diesem Grund in Berührung kommt – darauf vertraut er, und das lebt er selbst - der findet viel mehr als einfach ein paar Momente, in denen er „etwas vom Leben haben kann“ - der findet ein Leben, das in der Tiefe getragen ist; Leben in Fülle.

Es geht eben nicht einfach darum, die Heilige Schrift zu haben und sich darauf zu berufen - wenn man sich die Dinge, die dort geschrieben sind, dabei gelichzeitigvom Leib hält. Wenn man sich nicht anrühren lässt.

Eine alte, gereimte Karrikatur einer solchen Haltung: „Gottlob, wie bin ich reformiert!“ - sprach mancher Protestante - stolz, mit der Bibel dekoriert, obwohl er sie nicht kannte.“

Jesus stellt uns in ganz andere Zusammenhänge hinein. Er bestätigt die Bedeutung der Heiligen Schrift. Wie sollte es auch anders sein! Er sagt: „Gerade die Schrift zeugt von mir!“

Aber es geht ihm auch darum, dass wir „zu IHM kommen“ - d.h.: dass wir durch die Schrift hindurch Gott begegnen - IHM begegnen.

Gerade das ist ja das eigentliche Geheimnis der Schrift, dass sie uns mit IHM in Beziehung bringen kann und will.

Und ich bin mir sicher: In unserem Leben ist die Sehnsucht nach solcher Begegnung in der Tiefe angelegt. Es gibt Erfahrungen von Gottesferne - es gibt Momente und Zeiten der Sehnsucht nach Gott - es gibt Zeiten der Orientierungslosigkeit, der Suche und der Neuausrichtung - es gibt manche anderen Momente, da spüren wir diese Sehnsucht – versteckt oder auch ganz direkt – in ganz besonderer Weise.

Ich glaube: Gerade auch in solche Situationen und Momente hinein will er uns durch die Schrift anreden. Und dann will er uns eben nicht zu einem Leben führen, das wir eigentlich nicht führen wollen - eng – kleinbürgerlich – verkniffen – voll Verzicht, den wir eigentlich gar nicht leisten wollen.

Er selbst hat eine ganz andere Vision für uns: Wenn wir es wirklich wagen, die Schrift als Gottes direkte Anrede an uns zu lesen - Gottes Anrede an unser Herz – in Jesus Christus! - dann wird unser Leben spannend - geisterfüllt (gegen so viele Dinge, die zwar ablenken können, die aber in der Tiefe hohl und leer sind) - in Gott gegründet – und ich glaube: gerade ein solches Leben ist abenteuerlich! Und wirklich lebenswert!

Ein Leben – in Gottes Gegenwart gegründet! Wie sollte das nicht bewegend sein! Wie sollte das nicht spannend sein! Wer auch nur beginnt, dieses Geheimnis ansatzweise zu erahnen - er wird sofort verstehen: es geht um viel mehr als das: „Ich will noch ein bisschen vom Leben haben!“

Leben in Fülle ist etwas ganz anderes! Wir brauchen nicht in jedem Moment die ganze Bibel innerlich bewegen - wir brauchen auch gar nicht in jedem Moment die ganze Bibel kennen! (Obwohl das natürlich gut ist, wenn wir uns in diesem Buch auskennen!) Aber: Ein Satz – ein einziges Wort - wenn es ins Herz fällt, kann ein Leben lange und intensiv bewegen!

Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: „Ich werde das Wort (der Bibel) missbrauchen, wenn ich nicht anhalte, es betend zu meditieren. Oft werden wir tagelang an einem Wort hängen bleiben."

Oft sind das sogar gerade solche Worte und Sätze, die ich nicht sofort verstehe - die sperrig sind – herausfordernd - gerade deshalb können sie mich ja innerlich bewegen.

Ein solcher Satz, den ich selbst schon seit mehr als einem Jahr in meinem Herzen bewege, ist für mich Jesu Wort aus der Bergpredigt: „Ihr sollt vollkommen sein, so wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist!“

Ich werde mit diesem Wort eben gerade nicht fertig. Ich habe es bei weitem nicht vollkommen erschlossen - meine eigenen Fragen sind noch lange nicht beantwortet. Aber ich bewege dieses Wort in meinem Herzen – und es bewegt mich - und in dieser Bewegung – das glaube ich - bewegt Gott mein Leben! Komme ich zu ihm.

Ich möchte Ihnen noch das Beispiel eines russischen Mannes erzählen, der dem Geheimnis des Pauluswortes nachging: „Betet ohne Unterlass!“ Wie kann ein Mensch „ohne Unterlass“ beten?“ - fragte sich der Mann immer wieder. Der Mann dachte viel nach - sprach mit vielen Menschen - und erst nach einer langen Suche wurde er eingeführt in eine besondere meditative Weise des Betens, die dann sein Leben erfüllte: Das Herzensgebet. (Übrigens ist die Spiritualität der Gemeinschaft von Taizé mit dieser Art des Betens verwandt.)

Der Mann hatte dieses eine Wort bewegt - dieses eine Wort hat das Leben des Mannes bewegt - und in dieser Bewegung geschah Begegnung mit Gott – in Jesus Christus - und in der Praxis des Herzensgebetes hatte dieser russische Gottes-Sucher einen Schatz für sein Leben gefunden – eben: ein Stück des Lebens in Fülle.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote, in der sich noch einmal die provozierende und bewegende Kraft des Gotteswortes für unser Leben spiegelt:

Zwei Pfarrer unterhalten sich über ihre jeweilige Praxis des Bibellesens: Der erste sagt: „Ich kann abends nicht einschlafen, wenn ich nicht vorher noch mindestens eine halbe Stunde lang in der Bibel lese.“

Der zweite denkt einen Moment nach – dann antwortet er: „Mir geht es umgekehrt: Ich kann nicht schlafen, wenn ich auch nur eine halbe Stunde lang in der Bibel lese!“

Eben: durch SEIN Wort das eigene Leben bewegen lassen - mit dem Herzen lesen – nicht nur mit dem Kopf - sich anreden lassen - wie ER es verheißt:

„ …. dass Ihr das Leben hättet!“ Spannendes Leben – in Fülle. Amen.

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