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Predigt

26. März 2017

Predigt über das "Vaterunser"

Wenn jemand ein Gebet auswendig kann, dann ist es wohl das Vaterunser. Ich bin sicher, dass Sie es spätestens im Konfirmandenunterricht gelernt haben, wenn Sie es nicht schon vorher auswendig aufsagen konnten. Bis heute lernen unsere Konfirmanden dieses Gebet auswendig, während vieles andere, was Sie sicher damals vor 50 oder 60 Jahren noch lernen mussten, inzwischen gestrichen ist. Aber das Vaterunser ist doch so zentral, dass es jeder Christ kennen sollte.

Warum? Die Frage ist ganz einfach zu beantworten. Das Gebet ist die Grundlage unseres geistlichen Lebens. Im Gebet begeben wir uns bewusst in die Gegenwart Gottes. Wir suchen mit ihm das Gespräch oder anders: wir lassen es zu, dass Gott mit uns redet. Wir hören auf ihn. Denn das Gebet ist keine Einbahnstraße, es ist Reden und Hören in einem. Es ist Beziehungspflege. Und damit wird deutlich, dass es beim Beten nicht darum geht, ob es was bringt oder ob es sich lohnt. 
Es wäre ja auch seltsam, wenn ich frage: Lohnt es sich, wenn ich mich mal wieder bei einem alten Freund melde und frage, wie es ihm geht? Lohnt es sich, wenn ich meiner Frau Blumen schenke?
In Beziehungen zu anderen Menschen, jedenfalls in guten Beziehungen,  stellt man keine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Und wahrscheinlich reagieren wir alle allergisch, wenn wir den Eindruck haben: Andere suchen den Kontakt zu uns nur deswegen, weil wir ihnen nützlich sind.
Das Gebet ist also keine Methode, um etwas bestimmtes zu erreichen, sondern das Beten hat seinen Sinn in sich. Es ist Ausdruck meiner Beziehung zu Gott.
Natürlich, um mit Gott zu reden, brauche ich nicht unbedingt das Vaterunser. Ich kann auch einfach drauf los reden. Ohne salbungsvolle Formulierungen. Und ich kann sicher sein, Gott wird mich verstehen.
Aber es gibt Momente, und vielleicht haben Sie diese auch schon erlebt, da habe ich manchmal keine eigenen Worte und bin froh, dass ich mich an das Gebet Jesu anhängen kann, dass er mich sozusagen mit hineinnimmt in seine eigene Beziehung zu Gott.
Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Dass ich - abgesehen vom gemeinsamen Vaterunser im Gottesdienst – auf das Vaterunser immer dann zurückgreife, wenn mir die eigenen Worte fehlen. Wenn ich nicht sicher bin, ob ich mit meinem Worte das treffe, was die Beziehung zwischen Gott und mir ausmacht. Wenn ich mich vergewissern muss: ja, Gott ist an meiner Seite   

Herr, lehre uns beten? Als die Jünger damals mit dieser Bitte zu Jesus kamen, ging es ihnen auch nicht darum, dass sie ein weiteres Gebet dazulernen wollten. Die Jünger waren Juden und das Beten gehörte schon längst ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Sie hatten Gebete für alle Lebenslagen: Morgengebete, Abendgebete, Tischgebete… Aber eines war ihnen aufgefallen: Jesus stand in einer ganz neuen Beziehung zu Gott und in diese Beziehung möchten sie mit hinein genommen werden. Und Jesus erfüllt ihre Bitte, indem er sie das Vaterunser lehrt.

Schon die ersten Worte können als eine Art Zusammenfassung des ganzen Gebets angesehen werden.
Vater unser...  Von Gott als Vater zu sprechen ist erst einmal nichts Ungewöhnliches, aber Jesus benutzt an dieser Stelle ganz bewusst die Alltagssprache, das aramäische Wort für Vater: Abba. Heute würden wir sagen Papa. Die Jünger müssen fassungslos gewesen sein. Es war völlig unangemessen, Gott so anzureden, so wie  Kindern auf der Straße nach ihren Vätern rufen.

Wie kam Jesus dazu? „Abba“, dieses Wort drückt eine einzigartige Intimität und innige Nähe aus., 
Jesus wusste: Ich bin wirklich geliebt. Und so ist die Verwendung des Wortes „Abba“ sozusagen die Antwort auf dieses Geliebtsein: ein Zeichen des Vertrauens. Wie ein Kind sich mit seinen  Problemen an Vater oder Mutter wendet, so weiß derjenige, der Gott mit „Abba“ anredet, dass dieser Gott immer da ist, ihn immer begleitet und trägt.
Aus diesem Vertrauen heraus hat Jesus gelebt und vom Reichtum Gottes erzählt. Wir sind Gottes geliebte Kinder.
Und deshalb betet so: Vater unser. Unser Gott ist kein Tyrann, der uns unsere Freiheit neidet, kein Schulmeister, der auf Vollkommenheit dringt, sondern wie ein Vater und wie eine Mutter, die uns lieb haben und die nur das Beste für uns wollen. Das Wort „Vater“ bedeutet übrigens nicht, dass Gott ein Mann sei, manchmal spuken ja noch männliche oder weibliche Vorstellungen von Gott in unseren Köpfen herum, sondern „Vater“  bedeutet lediglich, dass wir in ihm ein liebevolles und vertrautes Gegenüber haben. Gott ist nicht nur eine geheimnisvolle Kraft oder Macht, oder Schicksal, sondern jemand, mit dem wir reden können, zu dem wir „Du“ sagen.
Natürlich nicht unseren menschlichen Eltern gleichzusetzen. Gottes Liebe reicht viel weiter als irgendeine menschliche Beziehung. Das müssen wir uns klar machen, vor allem auch wenn wir nicht so schöne  Erfahrung mit unseren Eltern haben.
Gott ist als „Vater“ in seiner Liebe einzigartig, er ist kein menschlicher, sondern eben ein himmlischer Vater.

Der Anrede „Vater unser im Himmel“ folgen nun einzelne Bitten. Aber es sind Bitten, die einen weiten Horizont eröffnen, und damit unterscheidet sich das Vaterunser wohl von unserem eigenen persönlichem Gebet. Natürlich, es ist gut, wenn wir auch mit eigenen Worten beten, und ich hoffe, dass Sie seit ihrem Konfirmandenunterricht auch nicht damit aufgehört haben. Und da dreht es sich wohl meistens um Schutz, Rettung, Trost und Kraft. Vielleicht beten wir auch manchmal für Menschen, die uns nahe stehen. Und manchmal bedanken wir uns auch, aber vermutlich nicht so häufig wie wir bitten. Aber wenn wir ehrlich sind, dann dreht es sich wohl meistens um uns selbst.  Wie anders ist da das Gebet Jesu? Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Hier wird zuerst von Gott geredet. 
Oder besser: es sind Bitten, die uns Raum geben, Gott zu uns reden zu lassen. Das Vaterunser ist ein Gespräch, weil – und das finde ich höchst spannend – hinter jeder Bitte auch eine Zusage Gottes versteckt.

Geheiligt werde dein Name.  Wenn wir so beten, dann bitten wir, dass Gott die ganze Menschheit erkennen lassen möge, dass er der liebende Vater, der „Abba“ ist. Denn der Name offenbart das Geheimnis einer Person.

Dein Reich komme. Dein Reichtum komme. Die Botschaft Jesu lautet: Das Himmelreich ist mitten unter euch durch mich. Der Reichtum des Himmels ist da.  Mit mir, mit meiner Liebe. Diese Zusage haben wir: Gottes Liebe wirkt in uns und macht uns reich.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Keine leichte Bitte, meinen wir. Denn was ist, wenn Gott etwas anderes will als wir? Aber schauen wir auf den liebenden Vater: Was will Gott denn eigentlich? Dass wir ein erfülltes Leben haben und glücklich werden. Dass wir entsprechend unseren Gaben und Fähigkeiten leben, die einzigartige Persönlichkeit werden, die wir sind und wirklich seiner Zusage vertrauen können: dass er es gut mit uns meint.

Pfarrerin Maret SchmerkotteDeshalb können wir auch beten:
Unser tägliches Brot gib uns heute. Brot – ein Bild für alles, was wir zum Leben brauchen. wir uns aber nicht selbst geben können . Wir leben von der Liebe und Fürsorge Gottes. Aber wir können jeden Tag neu dieses Wagnis eingehen, uns auf Gott zu verlassen: Er versorgt uns.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Niemand von uns lebt so, dass er nicht auch anderen etwas schuldig bliebe, wir verletzen einander , manchmal ohne es zu wollen, manchmal um unsere Interessen durchzusetzen. Aber: trotz allem zeigt uns Gott  wie sehr er zu uns steht. Und ermutigt uns, das, was wir von ihm empfangen, weiter zu geben: Vergebung. Ein Geschenk, keine Pflicht. Denn das, was wir anderen nachtragen, tragen wir!!! Vergebung, dahinter steht also die Verheißung, frei zu werden von Lasten, damit wieder etwas heil werden kann.     

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Genauer müsste hier übersetzt werden: Mach, dass wir nicht hineinkommen in die Versuchung. Versuchung – ein schwer zu verstehendes Wort, im biblischen Sinn ist hier die Glaubensanfechtung gemeint, dass Misstrauen Gott gegenüber, die Ängste, die vielen inneren Stimmen, die einem vielleicht zuflüstern: Gott liebt vielleicht die anderen, aber dich, dich liebt er nicht. Denn wenn er dich liebte, wie könnte er dich in eine solche Lage kommen lassen... Im Vaterunser beten wir: unterbrich doch diese alten Muster in mir, die mich vom Leben abhalten wollen. Bewahre mich davor, immer wieder nur um mich selbst zu kreisen, oder zu denken, ich sei nichts. Halte mich fest, wenn mich diese Grundängste und Grundgefühle überfallen und hilf mir auf deine Zusagen zu hören.      

Ja, soviel steckt im Vaterunser. Ein alltägliches Gespräch zwischen Gott und uns. Eine Bewegung vom Bitten zum Empfangen. Keine Einbahnstraße. Es gibt Menschen, die Beten das Vaterunser täglich. In jedem Gottesdienst kommt es vor. Es ist ein alltägliches Gespräch, weil es unseren Alltag aufwertet und weil es uns selbst aufwertet. Ein Gespräch, das voller Zusagen steckt. Vielleicht nehmen wir das nicht immer wahr, und haben
den Eindruck, dass es durch uns hindurchgeht.
So wie bei dem Jungen mit dem Binsenkorb.

Am Rande der Wüste lebte ein Eremit. Ihn besuchte eines Tages ein junger Mann, der ihm sein Leid klagte. Ich lese so viele heilige Texte, sagte er, ich vertiefe mich in die Schönheit der Worte, ich möchte sie alle festhalten. Aber es gelingt mir nicht, ich vergesse alles. Ist nicht die mühevolle Arbeit des Lebens umsonst?
Der Eremit hörte ihm gut zu. Als er fertig war mit Sprechen, ließ er ihn einen schmutzverkrusteten Korb aufnehmen, der neben der Hütte stand. Hole mir aus dem Brunnen dort drüben Wasser, sagte er.
Hat er meine Frage nicht verstanden? dachte der Jüngling. Widerwillig nahm er den schmutzigen Korb und ging zum Brunnen. Das Wasser war längst heraus gerieselt, als er zurückkehrte. Geh noch einmal, sagte der Eremit. Der junge Mann folgte. Ein drittes und viertes Mal musste er gehen. Der Alte prüft meinen Gehorsam, ehe er meine Frage beantwortet, dachte er. Immer wieder füllte er Wasser in den Korb, immer wieder rann es zu Boden. Nach dem zehnten Mal durfte er aufhören.
Sieh den Korb an, sagte der Eremit. Er ist ganz sauber, sagte der junge Mann. So geht es mit den Worten, die du liest und bedenkst, sagte der Eremit. Du kannst sie nicht festhalten, sie gehen durch dich hindurch und du hältst die Mühe für vergeblich. Aber ohne dass du es merkst, klären sie deine Gedanken und machen das Herz rein. 
So ist es auch beim Vaterunser. Es wirkt stärker in uns, als wir denken. Indem wir es immer wieder beten, wird sich in uns etwas klären und Frucht bringen. Zu seiner Zeit. Und manchmal merken wir das vielleicht auch erst nach Jahren, wie sehr uns ein besonderer Text wie das Vaterunser geprägt und begleitet hat. Und dann sind wir froh, solche Schätze in unserem Innern zu haben. Und sie an besonderen tagen neu aufblühen zu lassen. Und vielleicht ist dieser Tag heute dann auch so ein Tag, an dem uns all das bewusst wird und wir nur staunen und loben können:
Gott, du bist reich. Du hast Kraft. Du bist herrlich. Auf immer und ewig.

Amen. 

 

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