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Predigt

4. August 2019

Der Weinstock und die Reben

Liebe Gemeinde,
Brigitte und ich hatten die Gelegenheit, Menschen in Süddeutschland zu besuchen, die ich dieses Jahr in Taizé ein bisschen kennengelernt habe, und die ich so spannend fand, dass ich dachte: Die willst du mal in ihrem natürlichen Biotop kennenlernen.
Wobei – ich hatte ja keine Ahnung, auf was wir uns da eingelassen haben. Wir sind da in Wasserburg am Inn – okay, wo genau ist der Inn? Wo ist Rosenheim? Wo ist Wasserburg? Wir wussten: Die haben einen kleinen Bauernhof, regionale Produkte, kleiner Hofladen, alles Bio, okay …

Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald

Und so sind wir da hin – und sind von Angela und Hermann begrüßt worden, in sattestem Oberbayrisch: Grüaß di! Haben dann unser Zelt zwischen den Puten und den Schafen kurz hinter der Kinderschaukel aufgestellt – und sind in eine für uns neue und unbekannte Welt eingetaucht.

Da gäbe es jetzt tausend Dinge zu erzählen. Mach ich aber nicht. Irgendwann erzählt Hermann, dass er seit ein paar Jahren Wein anbaut. Die Regent-Traube. Eignet sich für Bio-Anbau, weil sie nicht so anfällig für Mehltau ist. Aber man muss schon was tun, wenn man ohne Spritzen zurechtkommen will.
Ich lerne, dass Teil zwei der Wissenschaft beim Wein ist, wie ich aus guten Trauben einen guten Wein bekomme.
Teil eins ist, wie ich an gute Trauben komme. Ich lerne, dass es gegen Mehltau hilft, wenn die Pflanze gut durchlüftet wird. Also an der Pergola immer wieder Blätter entfernen, damit die Luft gut durch die Weinpflanze hindurchgeht.

Dann gehen wir in Hermanns Weinberg.
Das ist einfach an einem Wiesenhang eine Reihe von 15 oder 20 Weinstöcken. Ich erfahre, dass letztes Jahr da super Weintrauben hingen, eigentlich schon reif, und dann ist nachts eine Dachsfamilie gekommen und hat alle Trauben abgeerntet.
Dieses Jahr schaut es wieder recht gut aus. Die Dachsfamilie hat sich noch nicht blicken lassen. Hermann geht Pflanze für Pflanze durch, schaut nach den Trauben – die sind noch ziemlich klein. Und dann geht er jeden Teil oberhalb des Leittriebs durch und zupft mit flinken Bewegungen jeden zweiten oder dritten Trieb ab Und erklärt mir: „Das ist, damit mehr Kraft in die Trauben geht.“
Und die abgezupften Triebe legt er auf den Boden. Ist ja Bio – alles ein Kreislauf.

Der Bibeltext, der für heute für die Predigt vorgeschlagen ist,
steht im Johannesevangelium, wo Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“.
Ein wunderbarer Text.
Nur hat meine Kollegin Maret vor drei Wochen gerade erst darüber gepredigt. Und so kurzfristige Wiederholungen sind doof. Also bin ich auf einen anderen Text aus dem Johannesevangelium gekommen. Habt ihr eine Idee, welchen???
Ich lese aus der Lutherbibel, Joh 15,1-5. Da sagt Jesus zu seinen Jüngern:
„Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weingärtner.
Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe Bleibt in mir und ich in euch.
Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Ich weiß nicht, wie es euch mit diesem Text geht. Ich finde ihn – auf der einen Seite genial. Auf der anderen Seite sperrt sich manches in mir dagegen.
Nee, darf es nicht. Ich bin ja Pfarrer.
Aber wenn ich ehrlich bin…
Der Anfang ist mir irgendwie vertraut: Gott als Weingärtner.
Das gibt es in den Psalmen. Das gibt es bei Jesaja. Jesaja 5. Gott pflanzt einen Weingarten. Und pflegt und bewässert die Pflanzen – in der Hoffnung auf gute Trauben und auf guten Wein.
Jetzt kommt hier aber etwas Neues in das Bild hinein: Jesus ist der Weinstock. Habt ihr vor Augen, was ein Weinstock ist?
Nicht die ganze Pflanze, sondern … ?
Einfach gesagt: Das, was in der Erde drinsteckt. Das, wo das Leben der Weinpflanze drin ist. Das, was bis zu 15 Meter lange Wurzeln ins Erdreich treibt. Wo die Kraft herauskommt. Und woran sich die Reben entwickeln.
Die Reben, das sind unterschiedlich lange Ästchen, Zweige. Mit Blättern.
Und an denen wachsen dann hinterher die Trauben. Und die Reben, die verzweigen sich gerne weiter, machen ein dichtes Geflecht von Trieben, mit dem Ergebnis, dass wenig Luft durchgeht und wenig Kraft in die Trauben gelangt. Und deswegen muss der Weingärtner genau hinsehen – und ausdünnen. Damit das bleibt und stark wird, was Frucht bringt. An dieser Stelle merke ich meinen ersten Widerstand gegen dieses Bild. Ich möchte nicht gerne die Rebe sein, die weggeschnitten wird. Und weggeworfen wird. Und auch der Gedanke, dass alles Bio ist, tröstet mich hier nicht.
Und ich möchte auch nicht, dass andere Menschen weggeschnitten werden, weil sie keine Frucht bringen. Das alles fühlt sich nach Leistungschristsein an: Kräftig Frucht bringen, damit man bei Gott – halbwegs – auf der sicheren Seite ist.
Allerdings merke ich, wenn ich ’ne Weile drüber nachdenke: Darum geht es Jesus ja gar nicht: Uns Angst zu machen. Druck zu erzeugen. Was Jesus hier sagt, ist ganz einfach: Der Weingärtner tut alles, damit eine Rebe Frucht bringt. So wie unser Bekannter mit seinen Regent-Trauben. Und dafür muss er rumschnibbeln oder rumzupfen. Damit die Rebe Frucht bringen kann.
Und so – sagt das Bild – tut Gott alles, damit wir Frucht bringen können. Und damit wir das nicht missverstehen, sagt Jesus noch:
„Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“.

Ihr seid schon rein. Das heißt: Ihr gehört dazu. Ihr seid die Reben, um die Gott sich in seiner ganzen Liebe kümmert. Warum sind wir das? Warum sind wir rein? Weil wir uns nicht die Finger schmutzig machen? Weil wir uns nie mit Fehlern bekleckern?
Jesus sagt: „Ihr seid rein – um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ Was hat Jesus denn zu seinen Jüngern gesagt? Er hat sie gerufen, ihm zu folgen. Er hat ihnen etwas zugetraut.
Und er hat ihnen vergeben und einen neuen Anfang ermöglicht, wann immer sie es wieder einmal vermasselt hatten. Ihr seid schon rein. Ihr gehört dazu. Was immer auch passiert.
Gottes liebevolle und ungeteilte Aufmerksamkeit gilt euch.
Also wage ich zu glauben, dass Gott mich nicht rausschmeißt, auch wenn ich’s mal wieder vermassel. Ich mache Fehler, aber ich bin kein Fehler.
Für ihn bin ich rein. Bin ich okay. Bin ich gut.
Und jetzt will Gott mir helfen, dass ich Frucht bringe: Dass in meinem Leben etwas heranwächst, was gut ist für diese Welt und für die Menschen, mit denen ich zu tun habe.
Wie macht er das? Gibt er mir gute Tipps, wie ich leistungsfähiger werden kann? Effizienter? Ausdauernder? Ist Gott so ein Persönlichkeitscoach mit einer Zehnpunkte-Liste?
Jesus gibt hier nur einen einzigen Tipp. Kann man sich also gut merken:
„Bleibt in mir und ich in euch.“
Wie, das war’s schon? „Bleibt in mir und ich in euch.“ Das erste klingt wie ’ne Aufforderung: „Bleibt in mir!“.
Aber dann geht es überraschend weiter „… und ich in euch“.
Das ist doch keine Aufforderung.
Das ist … das Versprechen, dass Christus in uns bleibt.
Er in uns. Und wir sollen in ihm bleiben. Wie mach ich das: In Christus bleiben? Ist das das vertraute Programm mit Beten, Bibellesen und in die Gemeinde gehen? Und mich engagieren?
Oder ist das gerade nicht ein Programm, sondern … Nähe riskieren … zu Christus?
Die Beziehung zu ihm suchen? Statt immer vor allem zu rödeln, auch für Gott zu rödeln?
„Bleibt in mir und ich in euch.
Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.“

Pfarrer Uwe Flaig
Photo: Hajo Gottwald

Das ist das ganz simple Geheimnis einer Rebe:
Dass sie mit dem Weinstock verbunden ist. Trenne eine Rebe vom Weinstock – und sie ist nach kurzer Zeit tot. Der Weinstock ist also nicht nur eine Art Podest oder Sockel, sondern er ist die Quelle für das Leben, das in der Rebe ist. Das Leben, die Lebendigkeit der Rebe, kommt aus dem Weinstock, fließt in sie hinein – und lässt an ihr die Trauben wachsen.
Und weil an dieser Beziehung alles hängt, deswegen wiederholt Jesus das und bringt es noch mal klarer auf den Punkt:
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht;
denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
„Ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Ich finde, das stimmt nicht. Ohne Jesus können wir eine Menge tun: Wir können zum Beispiel mit unserem Lebensstil die Ressourcen dieser Erde verbrauchen, als hätten wir noch eine zweite Welt in Reserve. Das kriegen wir hin.
Wir haben gerade diese Woche weltweit die Ressourcen für 2019 verbraucht.
Und in Deutschland waren wir damit schon zwei Monate früher fertig. Wir können auch freitags demonstrieren: Dafür, dass die Politik etwas tut. Wobei wir uns meistens sehr schwer mit der Veränderung tun, sobald sie uns selber betrifft und uns wirklich etwas kostet. Das bekommen wir nicht so gut hin.
Ja, wir können eine Menge tun – ohne Jesus, ohne die Verbindung zu ihm.
Schlechtes. Und Gutes. Aber eins können wir nicht ohne ihn: Das hervorbringen, was Jesus „Frucht“ nennt. Eben nicht eigene Aktion, sondern etwas, was Gott in uns wachsen lässt. Was nicht aus uns selber herauskommt.
Etwas, was „made in paradise“ ist, etwas, was Ewigkeitswert hat.
Etwas, was sehr viel langsamer wächst als schneller Aktivismus. Etwas, was aber sehr viel nachhaltiger wirkt. Etwas, was mit einer sehr tiefgreifenden Heilung und Erneuerung unserer Persönlichkeit zu tun hat. Etwas, was von innen nach außen wirkt. Etwas, was daraus erwächst, dass wir mit Christus verbunden sind und er mit uns. Halt so, wie eine Rebe am Weinstock hängt.
Amen.
Lied: „Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben“

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